Glasrestauratorin  Eva-Maria Ziegler steht in ihrem Atelier in Lübeck und arbeitet an einem bleiverglasten Fenster. © NDR Foto: Linda Ebener

Was das geplante EU-Verbot von Blei für Restauratoren bedeutet

Stand: 08.08.2022 11:41 Uhr

Kirchenfenster und historische Fenster gibt es viele. Wenn diese in die Jahre kommen, können sie nicht einfach so ausgetauscht werden, sondern werden von Restauratorinnen und Restauratoren aufgearbeitet. Was aber wenn das Material dafür verboten wird, wie in diesem Fall das Blei?

Eva-Maria Ziegler aus Lübeck ist Glas- und Keramikrestauratorin. Sie hat schon einige Fenster in der Hansestadt restauriert - ohne Blei wäre das gar nicht möglich gewesen. Ihr kleines, hübsches Atelier liegt mitten in der Lübecker Altstadt. An den Wänden hängen Bilder von Glasfenstern und alten Keramikarbeiten, wie sie vor und nach der Restaurierung ausgesehen haben. 32 Jahre lang war die Glas- und Keramikrestauratorin selbstständig - jetzt hört sie auf. Für Lübeck ein großer Verlust, denn sie hat keine Nachfolgerin und keinen Nachfolger gefunden, sagt Eva-Maria Ziegler. Sie wusste damals schon sehr früh, dass das ihr Traumjob sein wird. "Ich habe damals als Kind mit meiner Großmutter in meiner Heimatstadt Augsburg im Dom die Prophetenfenster gesehen. Das sind angeblich die ältesten Glasfenster der Welt und zwischen 900 und 1.000 Jahre alt und haben eine Bleiverglasung. Als ich die gesehen habe, habe ich mir gesagt: Das will ich auch mal machen."

Ziegler: "Es hat sehr viel Spaß gemacht, aber auch viel Arbeit"

Glasrestauratorin  Eva-Maria Ziegler steht in ihrem Atelier in Lübeck und arbeitet an einem bleiverglasten Fenster. © NDR Foto: Linda Ebener
Blei wird vielerorts gebraucht: bei historischen Fenster- und Gemälderestaurierungen.

Ziegler machte eine Ausbildung als Glas- und Porzellanmalerin. Anschließend fing sie bei den Glaswerkstätten Berkenthin in Lübeck an und ging danach ins St. Annen-Museum in die Restaurierungswerkstatt. Fünf Jahre später machte sie sich selbstständig. "Es hat sehr viel Spaß gemacht, aber es war auch viel Arbeit. Das hat Carl Valentin schon gesagt: Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Außerdem ist es eine gesundheitliche Herausforderung, abgesehen vom Blei, mit Stäuben, mit Dämpfen, mit Lösungsmitteln, Laugen, mit Säuren umzugehen. Die Augen sind nicht mehr die besten, am Anfang konnte ich Mikrofilme mit purem Auge lesen und jetzt brauch ich eine Stirnlupe."

"Plastik unter Lichteinfluss hält keine 1.000 Jahre"

Gerade das Gefahrenthema Blei wird aktuell - jetzt wo Eva-Maria Ziegler aufhören will. Die EU diskutiert derzeit ein Bleiverbot. Viele Restauratorinnen und Restauratoren und die Denkmalpflege sind skeptisch und wehren sich dagegen. Denn Blei wird vielerorts gebraucht: bei historischen Fenster- und Gemälderestaurierungen, wie auch bei Handwerksarbeiten, wie zum Beispiel Dachdeckungen. "Ich war wirklich schockiert", sagt Ziegler. "Stellen Sie sich mal vor, man würde das mit Plastikprofilen zusammenhalten. Plastik unter Lichteinfluss hält keine 1.000 Jahre so wie Blei. Sie sollen Blei meinetwegen in Munitionen abschaffen, beim Angeln, bei Vorhängen unten die Bleikante zum Beschweren oder sie sollten für Dachdecker eine Alternative finden, aber nicht für Kunstverglasung."

Umsetzung des möglichen EU-Gesetzes steht noch nicht fest

Wann dieses mögliche EU-Gesetz umgesetzt werden soll, steht noch nicht fest. Es kann sein, dass es noch einige Jahre dauern wird. Auch Lübecks Denkmalpflegerin Irmgard Hunecke steht der ganzen Diskussion skeptisch gegenüber. "Bei Neuerungen und im Neubaubereich ist es sicherlich leicht, dieses Material durch anderes zu ersetzen. Im historischen Bereich allerdings, ist es wichtig die Authentizität zu behalten und das bedeutet man muss zumindest erst mal den Bestand bewahren."

Zieglers Highlight war das Lübecker Theater

Glasrestauratorin  Eva-Maria Ziegler steht in ihrem Atelier in Lübeck und arbeitet an einem bleiverglasten Fenster. © NDR Foto: Linda Ebener
Das Beste an ihrer Arbeit: die vielen zufriedenen Kundinnen und Kunden, sagt Eva-Maria Ziegler.

Gerade in Lübeck ist das wichtig, denn viele Fenster historischer Gebäude hat Eva-Maria Ziegler restauriert. Unter anderem die Fenster des Heiligen Geist Hospitals oder die mittelalterlichen Glasfenster des St. Annen-Museums. "Bei mir war das Highlight das Lübecker Theater - das ist zwar schon ein bisschen her, aber es hat 39 Jugendstilfenster, Treppenhausfenster im Großen Haus links und rechts und in den Kammerspielen den halbrunden Treppenaufgang - das war ein Wow-Auftrag. Die Jugendstilfenster sind aus dem Jahr 1906 von Professor Martin Dulfer und hergestellt haben sie damals die Glaswerkstätten Berkentin. Dort habe ich mal gearbeitet und ich dachte: Ach, guck. Das haben sie vor 100 Jahren gemacht, jetzt restauriere ich sie." Das Beste an ihrer Arbeit seien vor allem die vielen zufriedenen Kundinnen und Kunden gewesen - das sei wie ein Applaus gewesen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 08.08.2022 | 07:20 Uhr

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