Eine Lenin-Statue wird auf einem Lastwagen abtransportiert © Yuri Kosin /Museumsberg Flensburg Foto: Yuri Kosin

"Photo no Shooting!": Russisch-ukrainische Ausstellung in Flensburg

Stand: 27.06.2022 18:44 Uhr

Der Museumsberg Flensburg hat seine Sommerausstellung abgesagt, um kurzfristig Platz zu schaffen für ein ganz aktuelles Thema - den Krieg in der Ukraine. Seit Sonntag läuft hier die Ausstellung "Photo no Shooting!".

Kinder springen badend in einen Fluss © Yuri Kosin/Museumsberg Flensburg Foto: Yuri Kosin
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von Peer-Axel Kroeske

Wenn Russen und Ukrainer etwas gemeinsam tun, dann ist das in diesen Tagen natürlich ein Symbol. Und genau das passiert jetzt auf dem Flensburger Museumsberg. "Photo No Shooting!" heißt eine Ausstellung in Flensburg von zwei preisgekrönten Fotografen: vom Russen Dmitry Vyshemirsky und dem Ukrainer Yuri Kosin.

Bezug zur politischen Situation in den vergangenen 20 Jahren

Die meisten Bilder der Ausstellung haben einen Bezug zur politischen Situation in den vergangenen 20 Jahren, aber es ist thematisch weit gefasst, ein bisschen quer durch das Lebenswerk der beiden. Yuri Kosin wurde durch Tschernobyl-Fotos bekannt - eines ist dabei. Er wohnte zuletzt beim inzwischen zerstörten Ort Irpin bei Kiew und ist nach Krakau in Polen geflüchtet, hat sein Lebenswerk auf einen USB-Stick gezogen und hatte nicht viel mehr mitnehmen können.

Im ersten der fünf Räume sieht man gleich eines der berühmtesten Fotos von ihm: der Abtransport einer riesigen, flachliegenden Lenin-Statue auf einem Anhänger, während eine ältere Frau mit einer Sense von der Ernte mit dem Fahrrad vorbeifährt. "Ich habe gerade eingepackt, da sah ich diese Frau in der Ferne auftauchen und hatte die Intuition, dieses Bild zu machen", erklärt Kosin. Er hat auch die Maidan-Revolution 2014 fotografiert.

Bilder und Gegenstände in der Ausstellung "Photo no Shooting!"

Kinder springen badend in einen Fluss © Yuri Kosin/Museumsberg Flensburg Foto: Yuri Kosin
Ein unbeschwerter Moment - festgehalten von Yuri Kosin

Gegenüber hängt ein Foto des Russen Dmitry Vyshemirsky: Polizisten im Gegenlicht. Er erzählt davon, wie die Polizei in Russland im Laufe der Jahre immer mächtiger wurde. Dazu muss man seine Lebensgeschichte kennen. Er ist in der Ukraine geboren, seine Eltern mussten dann aber mit ihm nach Kaliningrad umziehen, wo er dann aufwuchs. Sein Großvater wurde unter Stalin im Straflager ermordet. Er hat solche Gulags auch fotografiert. Die Ausstellung in Kaliningrad dazu wurde gleich nach dem ersten Tag beschlagnahmt.

In Flensburg sind einige dieser Bilder zu sehen, zusammen arrangiert mit Gegenständen, die Vyshemirsky in einem Gulag in Ostsibirien gesammelt hat: etwa ein rostiger Briefkasten. Er arbeitete als Pressefotograf, hörte aber damit auf, weil er keine Propaganda mehr verbreiten wollte. Er wandte sich auch der Kirche zu.

Russland und Ukraine zusammen im Herzen

Junge russische Matrosen stehen zusammen © Dmitry Vyshemirsky/Museumsberg Flensburg Foto: Dmitry Vyshemirsky
Dmitry Vyshemirsky hält den Alltag in Russland fest.

Im zweiten Raum hängen Bilder zerfallener Kirchen, auch von Ikonen. Wobei die orthodoxe Kirche in Russland inzwischen komplett Putin-treu aufgestellt ist. "Ich brauche keine Institution für meinen Glauben mehr", sagt Vyshemirsky. Das ist seine Konsequenz. Seit 2015 lebt und arbeitet Vyshemirsky in Berlin. Nur so kann er auch Kritik üben. Weitere Bilder zeigen die aktuellen Proteste gegen den Krieg und für die Ukraine in Berlin.

Das ist natürlich ein Zeichen, wenn beide Künstler sich gemeinsam präsentieren. Yuri Kosin sagt: "Es ist doch nur die Propaganda. Es gibt keinen Konflikt zwischen Russen und Ukrainern. Sie sind Freunde seit Jahren." Und Dimitri Wyszomirski ergänzt: "Für mich sind Russland und die Ukraine zusammen in meinem Herzen. Ich habe zwei Kulturen. Es tut mir sehr leid, wenn ich höre, dass manche Künstler aus der Ukraine nichts zusammen mit russischen Künstlern machen wollen." Da mag man erst einmal stutzen, denn er spricht sich klar gegen den Krieg aus. Ein weiterer Künstler aus der Ukraine wollte aber wohl partout nicht mit ihm zusammenarbeiten.

Bemerkenswerte Ausstellung auf dem Flensburger Museumsberg

riesige Ukrainische Flagge wird von Menschen gehalten © Dmitry Vyshemirsky/Museumsberg Flensburg Foto: Dmitry Vyshemirsky
Beobachter zu sein ist für Dmitry Vyshemirsky eine Lebensaufgabe.

Museumsdirektor Michael Fuhr musste in diesem Punkt auch dazulernen: "Dass das Wort Freundschaft etwas ist, was bei vielen Ukrainern im Moment Misstrauen auslöst. Denn es ist Teil der putinschen und russischen Staatspropaganda. Man sagt, es gibt ja eine Völkerfreundschaft, und das nimmt man als Grundlage, als Legitimation für einen Krieg. Und wenn ich jetzt sage, wir stellen zwei Künstler aus, die seit Jahrzehnten eine Freundschaft verbindet, dann ist allein das Wort Freundschaft für einige schon ein Reizwort. Das muss man wissen."

Es ist in jedem Fall eine bemerkenswerte Ausstellung auf dem Flensburger Museumsberg. Sie wird auch von Einzelevents umrahmt. Am Sonntagabend gibt es ein Konzert des Ensembles der ukrainischen Sängerin Ghana Grigorieva. Zudem gibt es auch einen Fotoworkshop, sowie am 24. August ein Kulturfest zum ukrainischen Unabhängigkeitstag. Dann wird der russische Einmarsch - es mag Zufall sein - exakt ein halbes Jahr zurückliegen.

 

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"Photo no Shooting!": Russisch-ukrainische Ausstellung in Flensburg

Die Schau zeigt Arbeiten von zwei preisgekrönten Fotografen: Dem Russen Dmitry Vyshemirsky und dem Ukrainer Yuri Kosin.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Museumsberg Flensburg
Museumsberg 1
24937 Flensburg
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Abend Schleswig-Holstein | 27.06.2022 | 19:00 Uhr

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