NordArt-Geschäftsführer und Kurator Wolfgang Gramm © picture alliance/dpa | Marcus Brandt

Besuch bei den NordArt-Machern in Büdelsdorf

Stand: 24.07.2021 06:00 Uhr

NordArt-Geschäftsführer und Kurator Wolfgang Gramm hat die NordArt im schleswig-holsteinischen Büdelsdorf in der europäischen Kunstszene etabliert. Ein Ortsbesuch.

von Anina Pommerenke

Er habe das letzte Raucherbüro Schleswig-Holsteins schmunzelt NordArt-Geschäftsführer und Kurator Wolfgang Gramm und angelt sich gleich eine Zigarette aus einer Schachtel von seinem Schreibtisch. Das Büro befindet sich direkt hinter dem Kassenbereich im Kunstwerk Carlshütte, einer ehemaligen Eisengießerei in Büdelsdorf bei Rendsburg. Seit 1997 stellt das Unternehmerpaar Hans-Julius und Johanna Ahlmann das weitläufige Gelände mit seinen gewaltigen Gießereihallen und der Parkanlage für Ausstellungen, Konzerte, Theater- oder Filmvorführungen zur Verfügung.

Wolfgang Gramms Büro mit seinen Beton-Wänden und Glastüren ist wie ein kleiner Schrein, der die mittlerweile mehr als zwanzigjährige Geschichte der NordArt dokumentiert. An den Wänden Fotos von berühmten Politikerinnen und Politikern, Künstlerinnen und Künstlern, die aus aller Welt nach Büdelsdorf gereist sind, um hier auszustellen und zu arbeiten.

Wolfgang Gramm: NordArt-Macher und Kunstliebhaber

Hinter dem Schreibtisch: ein Gemälde des Geschäftsführers selbst, gegenüber ein Porträt aus der Feder seiner Co-Kuratorin Inga Aru, das Gramm bei einem Besuch in Peking zeigt. Auf dem Boden stehen glänzende Ameisen des chinesischen Künstlers Chen Zhiguang und kleine Nachahmungen der ikonischen Gorillas von Liu Ruowang. Die metergroßen Brüder und Schwestern der Statuen stehen noch immer einen Katzensprung weiter auf dem Parkgelände.

Die Gorillas von Liu Ruowang auf der NordArt 2016 © picture alliance / dpa | Carsten Rehder Foto: picture alliance / dpa | Carsten Rehder
Seit 2016 stehen die Gorillas von Liu Ruowang auf dem Gelände der NordArt. Eine kleine Nachahmung befindet sich auch im Büro von Geschäftsführer Gramm.

Es sei Julius Ahlmann gewesen, der ihn damals im Norden gehalten habe, berichtet Gramm. Der Künstler hatte bis 1996 das Jüdische Museum in Rendsburg geleitet und wollte eigentlich zu neuen Ufern aufbrechen. Doch Julius Ahlmann war überzeugt, dass der Norden ihn weiter brauche. So konzipierte Gramm 1998 die erste internationale Kunstausstellung in Büdelsdorf und wurde ein Jahr später Geschäftsführer der Kunst in der Carlshütte gGmbH.

Gedanklich schon bei der NordArt 2022

Ein Glück, könnte man sagen: denn die NordArt hat sich unlängst als eine der größten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Europa etabliert und wartet Jahr für Jahr aufs Neue mit spektakulären Installationen auf, die in "normalen Jahren" gerne bis zu 100.000 Besucherinnen und Besucher nach Büdelsdorf locken. Zurzeit sind die Besucherkapazitäten zwar wegen der Corona-Pandemie gedrosselt, doch Gramm freut sich, dass er überhaupt wieder öffnen darf, nachdem die Kunstausstellung im vergangenen Jahr ausfallen musste.

Dabei ist es ein schwieriges Jahr: "Die Pandemie hat uns vor finanzielle Herausforderungen gestellt und es sind dazu auch noch viele Mitarbeiter weggefallen, die sich woanders Jobs gesucht haben", berichtet Gramm. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, musste er außerdem einige Mitarbeiter freistellen. Viele Künstlerinnen und Künstler konnten außerdem nicht anreisen, geschweige denn vor Ort arbeiten. Für die Aufbauarbeiten gab es teilweise Ausnahmegenehmigungen für bis zu fünf Tage. Aber: "Es hilft ja alles nichts", resümiert Gramm und ist gedanklich schon bei der NordArt 2022.

Viel Logistik im Hintergrund notwendig

NordArt-Geschäftsführer und Kurator Wolfgang Gramm © picture alliance/dpa | Marcus Brandt
Geschäftsführer und Kurator Wolfgang Gramm unterwegs auf der NordArt

Während die Besucherinnen und Besucher nebenan noch die Skulpturen und Objekte aus diesem Jahr bestaunen, sind in den Hinterzimmern die Planungen für das nächste Jahr bereits im vollen Gange. Etwa 3.000 Bewerbungen aus aller Welt werden aktuell gesichtet, am Ende werden um die 250 Arbeiten in Büdelsdorf zu sehen sein. Dabei müssen die Kuratoren auch bewerten, welche Bauvorhaben sich überhaupt vor Ort realisieren lassen, denn traditionell denken sich die Künstlerinnen und Künstler Spektakuläres für die großzügigen Räumlichkeiten aus.

Im Hintergrund ist daher viel Logistik notwendig. Das Kuratorenteam bewertet die Einreichungen auch anhand von Kriterien wie: Was kann der Künstler leisten, was können wir leisten, gibt es eine staatliche Förderung? Außerdem seien die internationalen Kontakte und starke Kooperationspartner wichtig. Zum Beispiel die Botschaften in den Ländern vor Ort, zur moralischen Unterstützung und um Kontakte zu Kulturinstitutionen und in die örtliche Kunstszene herzustellen.

Weltumspannendes Netzwerk für die NordArt aufgebaut

Er lade außerdem vor allem gerne gute Handwerker ein, sagt Gramm, denn die Leute müssen schließlich vor Ort unter Beweis stellen, was sie draufhaben. In seinem Kuratoren-Team gibt es außerdem länderspezifische Expertinnen und Experten, die mit ihrem besonderen Fachwissen auf die Einreichungen blicken. Wolfgang Gramm selbst hat ein ausgeprägtes Faible für China und gilt als Kenner des dortigen Kunstmarktes. Eine Verbindung, die schon vor Jahrzehnten durch die Zusammenarbeit mit einem chinesischen Künstler entstanden und über die Jahre weiter gewachsen ist.

Er und seine Kuratoren haben mittlerweile ein weltumspannendes Netzwerk aufgebaut. Durch Reisen, private Kontakte, die Besuche von Ausstellungen oder Symposien. Besonders stolz ist Gramm auf das "NordArt-Baby", das vor einigen Jahren in Folge eines Symposiums in Büdelsdorf das Licht der Welt erblickte. Das Persönliche, das Sich-Kennenlernen, was die NordArt eigentlich auszeichnet, kann im kommenden Jahr hoffentlich wieder belebt werden.

Neue Strömung in der Kunstwelt

Während Wolfgang Gramm bislang nur ausschließen möchte, dass man dann keine Darstellungen von Corona-Viren zeigen werde, erkennt Co-Kuratorin Inga Aru bereits eine Strömung in der Kunstwelt: "Die Künstler suchen zurzeit nach den Werten der Vergangenheit. Sie hinterfragen, was das Leben lebenswert macht." Die Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich mit verlorene Kulturen, machen sich auf die Suche nach ihren Wurzeln oder versuchen auch in der Kunst eine Art Religionsersatz, also eine Art von Glauben zu finden, berichten die beiden Kuratoren.

Besonders spannend werde es, wenn sie das Talent besitzen, gewisse Ereignisse vorauszusehen. So stellt die NordArt zurzeit ein umgestürztes Kapitol aus Holz aus. Das Werk war schon vor dem Sturm aufs Kapitol in Washington fertig. Reiner Zufall? Das Ziel der NordArt sei es aber keineswegs, alle Kunstwerke einem Thema unterzurordnen, sondern vielmehr eine Reise anzubieten, durch die aktuellen Strömungen und Tendenzen der Kunstwelt, erklärt Co-Kuratorin Aru: "Letztlich wollen wir hier einen Film erzählen - mit Happy End", ergänzt Wolfgang Gramm.

 

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NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 14.05.2021 | 07:40 Uhr