Stand: 20.08.2018 14:26 Uhr

Neustadt: Im Hafen sind die Bildhauer los

von Frank Hajasch

Sie stammen aus der Eiszeit, sind meist richtig groß und tonnenschwer. Aber aus Findlingen kann man was machen - die Europäische Skulpturen-Triennale in Neustadt in Holstein zeigt das. Direkt am Hafen, an der Wasserkante, sind dort in den nächsten Wochen internationale Bildhauer mit Flex und Meißel unterwegs. Zuschauer sind ausdrücklich erwünscht!

Findlinge: Flexen, meißeln, hämmern

Zentimeter für Zentimeter rollt der sonnengelbe Radlader ganz langsam an der Hafenkante entlang. An seiner Gabel hängen solide, kräftige Transportgurte, um einen riesigen Granit geschlungen. Ein dicker Balken in der Mitte sorgt für mehr Stabilität. Christoph Traub aus Stuttgart hat sich den zernarbten, grauen Stein ausgesucht. Mit ihm wird er es die kommenden zwei Wochen zu tun haben. "Das sind Findlinge, die hier an der Küste ausgegraben worden sind. In der Eiszeit", erklärt er. "Ich weiß nicht, vor wie viel Tausend Millionen Jahren sie hierher gerollt sind. Jetzt wurden sie gefunden. Das sind granitähnliche Steine."

Die Suche nach dem richtigen Stein

Traub hatte, wie alle Teilnehmer der Europäischen Skulpturen-Triennale in Neustadt, freie Auswahl. Mehr als 30 dieser Hinkelsteine stehen und liegen vorm alten, teerbeschmierten Hafenschuppen. Der Granit würde zu dem passen, was er sich überlegt habe, so der Bildhauer: zwei Findlinge übereinander, mit ovalen Formen. Dabei sollten die Teilnehmer der Triennale doch ohne konkrete Ideen anreisen!? "Na ja, so bin ich auch mehr oder weniger hergekommen", sagt Traub. "Aber ich hatte schon in meinem Kopf eine Idee, weil ich viel mit solchen gefundenen Steinen arbeite - und ich habe gehofft, dass Stücke dabei sind, die ungefähr gehen."

Künstler haben zwei Wochen Zeit

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Tareq Alghamaian arbeitet mit einer Schlagschnur, um den Teil des Steins zu markieren, der bearbeitet werden soll.

Dann holt er eine häufig gebrauchte Flex raus. Braun-schwarze Ledertaschen mit schweren Meißeln werden ausgerollt. Jetzt noch Strom suchen. Und bloß keine Zeit verlieren! Zwei Wochen Zeit haben alle für ihre Kunst in Stein. Tareq Alghamaian ist gebürtiger Syrer. Er studiert in Halle an der Saale, auf der Kunsthochschule Burg Giebichenstein. Mit einem roten Farbband beugt er sich über einen bauchhohen Granit. "Ich habe bisher gezeichnet, aber mit einer Schlagschnur", erzählt er. "Das hilft mir, weil ich eher mit einer scharfen, geraden Linie arbeite."

Rote Linien queren die raue Oberfläche des Granits. Während Christoph Traub schon erste Placken rausschlägt, überlegt Alghamaian noch. Bei ihm sollen glatte Partien im unbehauenen Stein auftauchen. Da muss einiges weg von der eiszeitlich verdichteten Masse. Aber die Flex schafft das glücklicherweise.

"Das ist ein sehr, sehr schönes Projekt"

Karin van Ommeren stammt aus den Niederlanden. Ihr Werkzeug liegt am Boden. Mit breiten Armen steht sie vor einem gelblichen Findling. Sie nimmt Maß. Dann tastet sie am Stein. "Das ist ein wirklich sehr großer Findling", meint sie. "Ich bearbeite aber nur einen Teil, nicht den ganzen Stein. Ich finde die Außenseite des Steins eigentlich ganz schön. Das ergibt einen schönen Kontrast, wenn nur die Innenseite bearbeitet und poliert ist. So bleibt auch der Charakter des Findlings erhalten."

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Organisator Jo Kley bringt den Bildhauern mit dem Radlader die Steine, die sie sich ausgesucht haben.

Sie sei vor drei Jahren das erste Mal dabei gewesen, erzählt van Ommeren mit leicht eingestaubtem Gesicht, aber strahlend blauen Augen. "Das ist ein sehr, sehr schönes Projekt. Wir arbeiten hier zwei Wochen", sagt sie. "Was auch für die Künstler toll ist: Die Arbeiten werden später in der Stadt stehen und damit eine öffentliche Funktion haben."

"Der Anfang ist immer das Wichtigste"

Einer, der in diesen Tagen so gar nicht zum Arbeiten kommt, ist Jo Kley. Der Bildhauer aus Kiel hat die Skulpturen-Triennale in Neustadt zum dritten Mal organisiert. In diesen Tagen muss er vor allem eins: Radlader fahren und archaisch die Steine mit langen Eisen hebeln und drehen - wie für die italienische Teilnehmerin, für Francesca Bernardini. "Der Anfang ist wirklich immer das Wichtigste. Da sollte man sich die Ruhe nehmen und den Stein von verschiedenen Seiten anschauen. Tatsächlich merkt man beim Bewegen und Drehen der Steine auf einmal: Ich sollte ihn vielleicht umdrehen - oder: Ja, die Idee stimmt!"

Granit wird zum Kokon

Mehrmals wird der neue Stein der Italienerin, die sonst im heimischen Carrara viel in Marmor macht, hin und her gewuchtet. Als alle Gurte weg sind und die Fuhre in Arbeitshöhe auf Paletten ruht, mit Holzkeilen gut gesichert, geht sie sofort drum herum. Sie habe den tiefschwarzen Diabas (basaltartiges Gestein, das vor Millionen Jahren durch Vulkanismus unter dem Meer entstand) gewählt. Sie möge schwarzen Granit einfach, sagt sie und habe auch schon eine Idee. Normalerweise gehe es in ihrer Arbeit um Nester, um Kokons und Umhüllungen. Hier werde es wohl wieder ein Kokon werden. "Ich hoffe nur, dass der Stein nicht allzu hart ist", sagt Bernardini lachend.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 20.08.2018 | 11:20 Uhr

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