Stand: 02.03.2019 12:54 Uhr

200 Jahre Urlaub auf Föhr: Als es der Adel krachen ließ

von Simone Steinhardt

Föhrerinnen stehen in ihrer traditionellen Tracht auf dem Wyker Sandwall. Mit ungläubigen Blicken betrachten sie die Fremden, die allerersten Kurgäste des Wyker Seebads im Jahr 1819. Die Damen in ihren pompösen, eleganten Kleidern, das glänzende Haar unter schicken Florentiner Hüten zu aufwendigen Frisuren drapiert, die Herren im Frack mit Zylinder und Gehstock. Die Föhringer servieren den Kurgästen Champagner in schweren Bleikristallgläsern, dazu Zuckerware. Diese Szene hielt der dänische Maler David Jacobsen auf der Leinwand fest. Seine Interpretation des Zusammenpralls zweier unterschiedlicher Kulturen. Das Gemälde ist eines von rund 300 Exponaten, die anlässlich des 200. Geburtstags des Seebads Wyk vom 3. März an im Museum Kunst der Westküste in Alkersum auf Föhr zu sehen sind. "200 x Badesaison - Seebad Wyk auf Föhr 1819 bis 2019" lautet der Titel der Ausstellung.

Auf einem alten Schwarz-Weiß-Foto im Museum Kunst der Westküste vergnügen sich Menschen am Strand auf Föhr. © NDR

Die Geschichte des Seebads Wyk

Schleswig-Holstein Magazin -

Das Seebad Wyk auf Föhr wird in diesem Jahr 200 Jahre alt. Aus diesem Anlass gibt es die Ausstellung "200 x Badesaison" im Museum Kunst der Westküste.

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Vom Kunstwerk, das heimkehrt

Zwei Jahre hat Museumsleiterin Ulrike Wolff-Thomsen mit ihrem Team daran gearbeitet, eine lehrreiche, aber auch humorvolle und abwechslungsreiche Zeitreise durch den Wandel der Föhrer Bäderkultur zu kreieren. "Es hat bisher ja noch nie eine Ausstellung zu dem Thema gegeben. Wir mussten sehr intensiv recherchieren", erzählt die Museumsleiterin, die zeitweise zum Dauergast im Föhrer Inselarchiv und in vielen Museen wurde. "Da waren wunderbare Dokumente dabei, historische Fotografien. Wir können gar nicht alles zeigen in dieser Ausstellung. Ich denke, das ist erst der Startschuss zu einer großen Entdeckungsreise", so Wolff-Thomsen. Sie freut vor allem, ein besonderes Gemälde zu präsentieren, das bisher noch nie auf Föhr zu sehen war: eine der ersten frühimpressionistischen Arbeiten in Deutschland. Sie zeigt eine Szene, die der Schweizer Maler Albert von Keller vor der Kulisse Wyks auf die Leinwand bannte: eine illustre Gesellschaft von Kurgästen auf einer Wiese, in der sich von Keller auch selbst als jungen Mann unter einem Sonnenschirm porträtierte. "Das Gemälde befand sich bisher in Reichenberg, dem heutigen tschechischen Liberec. Dass es von so einem fernen Standort jetzt hierher kommt, also quasi in die Heimat zurückkehrt, ist wunderbar", sagt Wolff-Thomsen.

"200 x Badesaison": Die Geschichte des Seebads Wyk

Dänischer Adel ließ es krachen

Ein Ausstellungsraum im Museum ist den dänischen Anfängen des Seebads gewidmet. Als König Friedrich VI. im Jahr 1819 grünes Licht für den Start eines Seebads gab. Die Idee dazu hatte der Landvogt von Kolditz, was vor allem der wirtschaftlichen Krise geschuldet war. "Man brauchte Alternativen zum Walfang als Einnahmequelle", so Wolff-Thomsen. Damals war Föhr noch geteilt: Der Westen der Insel gehörte dem dänischen Königreich, der Osten zum Herzogtum Schleswig. Schon die erste Saison im Jahr 1819 wurde ein Erfolg. Insgesamt 61 illustre Kurgäste kamen nach Föhr. Über Wochen und Monate genossen die Badegäste das Leben auf der Nordseeinsel. Besonders aber ließ es der Adel krachen. "König Friedrich VII. war sehr bürgernah. Er tanzte gerne mit den Föhrerinnen und feierte im Gasthof", so Wolf-Thomsen. Eine Rechnung aus dieser Zeit zeugt von einem ordentlichen Gelage: Vermerkt waren unter anderem 25 Flaschen Reinwein, 90 Flaschen Champagner, 15 Flaschen Burgunder, 30 Flaschen Chateau Lafite, 13 Flaschen Madeira und elf Flaschen Portwein.

Föhr war früh sportlich

Auch Sport spielte eine große Rolle in der Entwicklung des Seebads. Wer dieser Tage etwa meint, mit dem Stand-Up-Paddeln eine neue Trendsportart für sich entdeckt zu haben, irrt: Auf Föhr paddelte man schon im Jahr 1903 im Stehen auf einem wuchtigen Holzbrett über das Wasser. "Es ist ganz faszinierend, wie früh manche Sportarten hier auf Föhr schon praktiziert wurden. Über dieses Foto mit dem Stand-up-Paddler war ich sehr entzückt", schmunzelt Wolf-Thomsen. Aber auch Gymnastik an der frischen Luft war Thema - bei den Damen ebenso wie bei den Herren.

Vorreiter für besondere Einrichtungen

Wyk war auch Vorreiter für die Errichtung besonderer Institutionen. "Dazu gehörte auch das erste Seehospiz, das im Jahr 1891 gegründet wurde. In der Industrialisierung wurden die Städte sehr stark bevölkert. Neben großer Armut gab es Krankheiten wie Tuberkulose", sagt Wolf-Thomsen. Zudem wollte man auch Kindern aus armen Verhältnissen den Kuraufenthalt an der See ermöglichen. Die Strandimpressionen dazu schuf der Maler Paul Wilhelm. Den Gegenentwurf zum Seehospiz stellte das Nordsee-Sanatorium des Arztes Carl Gmelin dar. Es zog eine in geistiger und künstlerischer Hinsicht illustre Gästeschar an: darunter Emil Nolde und seine Frau Ada, Wenzel Hablik und Johann Vincenz Cissarz.

Bikinis und das James-Bond-Gefühl

Für das eine oder andere Schmunzeln dürfte der Blick auf die Bademode sorgen. "Dank eines privaten Bademodensammlers können wir die Entwicklung der Mode von den Anfängen etwa Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Neuzeit zeigen", sagt Wolf-Thomsen. Die Badeanzüge waren aus schwerer Baumwolle und sollten so viel wie möglich verhüllen. Trendfarben: Rot und Blau. In den 1960er-Jahren wurde es knapper. "Bei diesem leuchtend gelben Frottee-Bikini hat man sofort ein Bild von Ursula Andress im James-Bond-Film im Kopf", erzählt Wolf-Thomsen.

Bis zum 15. Juli sind die Exponate von Künstlern wie Paul Wilhelm, Albert von Keller, Carolin Hammer und Kronprinzessin Victoria in der Ausstellung zu sehen. Es wird aber auch akustisch: etwa mit dem Walzer Nordseebilder von Johann Strauß, den er auf seiner Hochzeitsreise komponierte. Dazu kann man Kurt Schwitters Ursonate lauschen - die soll er übrigens heimlich in den Dünen von Föhr geübt haben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 01.03.2019 | 21:40 Uhr