Evelyne Axell, Ice Cream 1, 1964, Öl auf Leinwand, 80 x 70 cm, Privatsammlung Belgien © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: Paul Louis

"Amazons of Pop!": Pop-Art-Ausstellung in der Kieler Kunsthalle

Stand: 01.10.2021 08:31 Uhr

Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Keith Haring… war Pop-Art Männersache? Nein! In ihrer großen Ausstellung "Amazons of Pop!" versammelt die Kieler Kunsthalle erstmals 40 Künstlerinnen der Pop-Art.

Evelyne Axell, Ice Cream 1, 1964, Öl auf Leinwand, 80 x 70 cm, Privatsammlung Belgien © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: Paul Louis
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von Anette Schneider

Aus einer dunklen Ecke leuchten blaue und grüne Plastikaugen von den schwarzen Wänden. Gegenüber verwandelt eine Zwei-Kanal-Filminstallation New Yorker Straßenlampen und Leuchtreklame in zuckende Disco-Lichter. So harmlos-verspielt eröffnet die Ausstellung, über der das Glucksen von Marilyn Monroe und der Sound von "Barbarella" wabern, diesem schrägen Film, in dem Jane Fonda als Wonder-Woman durch den Weltraum schwebt und diverse Sex-Abenteuer genießt.

"Amazons of Pop!": Zeitkapsel der 60er- und 70er-Jahre

Niki de Saint Phalle, Je t’aime, 1971, Siebdruck, 50 x 65 cm, Sammlung Musée d'Art Moderne et d'Art Contemporain de Nice (MAMAC), Nice © Niki Charitable Art Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: François Fernandez
"Je t’aime" (1971) von Niki de Saint Phalle ist eines der Werke, die in der Ausstellung "Amazons of Pop" zu sehen sind.

"Das Konzept der Ausstellung ist eben, sich in eine Zeitkapsel zu begeben", sagt Kuratorin Regina Göckede. "Und sich aus der Zeit selbst diesen vielen verschiedenen weiblichen Positionen, die sich Anfang der 60er- bis Anfang der 70er-Jahre gebildet haben, zu nähern. Hier tauchen wir ein, begleitet von Sound- und Filmausschnitten, die verschiedene Sphären bilden."

Schnell erweisen sich die vom Kunstmarkt so lange ignorierten Pop-Amazonen aus Westeuropa und den USA als starke Kämpferinnen. Ihre Waffe: die Kunst. Ihre Strategie: plakative Bilder, grelle Skulpturen, sarkastische Collagen und Filme, in denen sie als erstes beginnen, das ihnen zugewiesene Rollenbild der Frau als brave Ehefrau und Mutter zu zertrümmern.

Künstlerinnen gewinnen Macht über eigenes Bild zurück

Aber es auch zu überschreiten. Oder es auch zu karikieren, darüber zu spotten, sich darüber lustig zu machen. Vor allem geht es ihnen auch darum, die Macht über das eigene Bild wieder zurückzugewinnen. 

Wunderbar ironisch entlarvt die Italienerin Lucia Marcucci in einer Collage die idiotische Gleichsetzung von Frau als "süß" - indem sie sie einfach umkehrt: Da führt eine Frau einen Löffel zum Mund, auf dem ein kleiner, nackter Mann kauert - als süße Nachspeise. Andere erobern den Weltraum, malen frei im Nichts schwebende Frauen oder entwerfen kosmische Küchen.

"Bang Bang": Frauen bewaffnen sich

Kiki Kogelnik, Miss Universe, 1963, Acryl und Öl auf Leinwand, 152,15 x 121,92 cm, Sammlung Natalie Seroussi, Paris © 1963 Kiki Kogelnik Foundation
Auch "Miss Universe" (1963) von Kiki Kogelnik hängt zurzeit in der Kieler Kunsthalle.

Das Kapitel "Bang Bang" stellt klar: Frauen können auch ganz anders. Ob Comics oder ein Filmplakat von Emma Peel: Plötzlich steht man inmitten bewaffneter Frauen. Allen voran Niki de Saint Phalle, die erste, die sich als coole Superwoman im hautengen Anzug inszenierte und in ihren Schießbildern auf diejenigen zielte, die sie verantwortlich machte für Krieg und Gewalt: die Vertreter aus Politik und Kirche.

Anschaulich führt die Ausstellung vor Augen, wie schnell die Pop-Amazonen begriffen, dass ihre eigene Befreiung sich nicht trennen ließ von der Befreiung aller Unterdrückten.

Anschluss an soziale Bewegungen

Die Folge, so Göckede: "Sie sind Teil der Bürgerrechtsbewegung, der Frauenbewegung, der Anti-Vietnamkriegs-Bewegung, und äußern das auch in vielfältiger Weise in ihren künstlerischen Arbeiten. Sei es in filmischen Collagen, in Fotomontagen oder in Bildwerken." Diese eingreifenden Arbeiten bilden das beeindruckende Finale. Eine Bild-Sound-Collage von Carolee Schneemann etwa entlarvt den Horror des Vietnamkriegs, als dieser von den US-Bürgern noch ignoriert wurde.

Sich einmischen und Stellung beziehen war auch das Anliegen von Corita Kent: Ihre grell-poppigen Plakate entstanden für Demonstrationen gegen Rassismus und für antikoloniale Befreiungsbewegungen. Themen, Probleme und Forderungen, die die berühmten Herren der Pop-Art um Andy Warhol und Roy Lichtenstein eher wenig interessierten, die dagegen die Arbeiten der Frauen bis heute aktuell machen.

Weitere Informationen
Kieler Kunsthalle von außen © NDR Foto: Andreas Kluge

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"Amazons of Pop!": Pop-Art-Ausstellung in der Kieler Kunsthalle

War Pop-Art Männersache? Nein! Die große Schau in Kiel versammelt erstmals 40 Vertreterinnen der Kunstrichtung.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kunsthalle zu Kiel
Düsternbrooker Weg 1
24105 Kiel
Telefon:
0431 88057-56
E-Mail:
info@kunsthalle-kiel.de
Preis:
Eintritt € 7,- / ermäßigt € 4,-
Öffnungszeiten:
Di-So: 10-18 Uhr
Mi: 10-20 Uhr
Mo: geschlossen
Besonderheit:
Sonderöffnungszeiten: Tag der Deutschen Einheit 3.10.: 10-18 Uhr; Reformationstag 31.10.: 10-18 Uhr; Heiligabend 24.12.: geschlossen; Weihnachtsfeiertage 25./26.12.: 10-18 Uhr; Silvester und Neujahr 31.12./1.1.2022: geschlossen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 01.10.2021 | 06:20 Uhr