Stand: 11.05.2020 14:03 Uhr  - NDR Kultur

"100 Jahre Helmut Newton" - Ausstellung läuft in Wedel

von Frank Hajasch

Er gilt als Jahrhundertkünstler, als größter deutscher Fotograf: Helmut Newton. Der am 31. Oktober 1920 geborene Berliner mit jüdischen Wurzeln flüchtete 1938 vor den Nazis nach Singapur, lebte danach in Australien, Monaco und den USA. Bekannt sind vor allem seine Werke aus den 1970er-Jahren, als er einer der begehrtesten, streitbarsten, teuersten Mode-, Werbe-, Porträt- und Aktfotografen war. Aus Anlass des 100. Geburtstags zeigt das Ernst Barlach Museum in Wedel eine Art Best-of seines Werks. Ein Besuch.

 Zwei Meter Abstand zueinander müssen Besucherinnen und Besucher halten in der großzügigen gründerzeitlichen Barlach-Villa, die als Museum mit fast 400 Großformaten an den Wänden in Corona-Nöte kommt. Vielleicht hätte ein Parcours geholfen? Kurator Jürgen Doppelstein schüttelt den Kopf. "Ein Parcours würde wenig Sinn machen. Wir machen hier noch Abstandslinien auf den Boden, die werden sich vor dem Museum fortsetzen. Wir haben im Garten einen Wartebereich. Wir dürfen maximal 40 Leute bei 400 Quadratmetern  hereinlassen. Wir werden das hinkriegen. Aber es ist natürlich ein Experiment", so Doppelstein.

In der Fotoausstellung hängen die Bilder dicht. Und doch fällt der Blick gleich auf ein riesiges Buch: Wie eine Reliquie wird es mitten im Raum auf einem blanken Ständer präsentiert, als Bildband der Superlative: 50 mal 70 Zentimeter. Mit 500 Seiten ist der "Sumo"-Bildband dick wie ein Backstein, bei einem Gewicht von 35 Kilo. Doppelstein erzählt: "Es ist 1999 erschienen, in 1.000 Exemplaren. Handsigniert, nummeriert, ein Sammlerstück par excellence. Es hat natürlich schon eine gewisse Patina angesetzt. Was wir hier zeigen, ist sozusagen ein Gang durch dieses Buch."

"Big Nudes" von Helmut Newton bei Jubiläumsschau

Öffnen und durchblättern wird es zurzeit kein Besucher. Es sei die symbolische Vorstellung davon, was Helmut Newton sein könnte, erklärt der Museumsleiter. Dass das Cover dabei eines der bekannten sogenannten Big Nudes zeigt, eine dieser nackten, idealschönen Frauen, mit denen der Fotograf 1982 für viel Aufregung sorgte, reduziere die Jubiläumsschau auf keinen Fall, meint Jürgen Doppelstein: "Es geht um das Gesamtwerk Newtons, sein Best-of." Der Zeitraum umfasse den Anfang der 60er- bis zu den späten 1990er-Jahren. Weder die Ausstellung noch das Buch gingen chronologisch vor. Daher habe die Ausstellung drei große Bereiche - Mode, Akt und Porträt.

Der Mann der Lifestyle-Magazine

Newton war ein Mann der Lifestyle-Magazine. Das zeigt jedes der Hochglanz-Bilder. Individualität spielt selten eine Rolle, Mimik gar nicht. Wenn doch, wie bei den eng gehängten Porträts im Treppenhaus, sind Attribute und Gesten so stark, dass die Inszenierung sichtbar wird. Dem Künstler ging es um die bekannten Menschen der Zeit, um Politiker, Schauspieler, Models. Ihm ging es aber auch und vor allem um die Frage der sexuellen Identität. "Verlocken, Nahbar-Sein; Anziehen, Abwehren. Dieses Spiel der Geschlechter untereinander wird von ihm in allen nur denkbaren Formen durchdekliniert." Man könne nicht sagen, es gebe eine Grenze. "Alles ist mehr oder weniger bourgeois, Upper-Class-Society. Er ist kein Fotograf der Arbeiterklasse gewesen", so Doppelstein.

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Die Jubiläumsausstellung läuft bis zum 29. November.

Jedes Foto erzählt seine wohlkomponierte Geschichte. Doppelstein zeigt ein farbiges Hochformat: ein Topmodel im hochmodischen, geschlossenen Outfit am Strand - inmitten von Nackten. "Das ist erstaunlich, die beachten sie gar nicht. Die geben sich da ihrem Sonnenbad hin. Ich finde es spannend, mit welcher Leichtigkeit und Gelassenheit er solche Gegenpole inszeniert, die sich aber nicht im Bild auflösen, sondern im Betrachter."

Exzessive und aufregende Fotografie

Überhaupt, der Betrachter: Bei vielen Motiven - meist sind es attraktive Frauen - ist es ein hochästhetisches Spiel mit Körperlichkeit. Der perfekte Umgang mit Licht und Schatten in einer Zeit, als noch analog fotografiert wurde, das Setting aus teurer Mode und gepflegt-glatter und meist weiblicher nackter Haut: Newtons Fotografie ist exzessiv und aufregend.

"Er sagt: 'Nichts lieb' ich mehr als die Frauen.' Das sagen andere Sexisten natürlich auch. Insofern gibt es vielfach zu Recht den Vorwurf, und den haben wir explizit von Alice Schwarzer gehört, die geht noch bis zu Faschismus und anderen Begrifflichkeiten, dass sich Newton ausschließlich sexistisch leiten lässt. Das muss man erst mal so stehen lassen. Ich würde da nie vehement widersprechen wollen", so Doppelstein. Was so eine Ausstellung auf jeden Fall leiste, sei der gesellschaftliche Diskurs übers Sexuelle, Körperliche, Erotische. Darüber könne man nicht oft genug sprechen, sagt Jürgen Doppelstein noch - und lacht. Recht hat er!

"100 Jahre Helmut Newton" - Ausstellung läuft in Wedel

Er gilt als einer der größten und streitbaren deutschen Fotografen: Helmut Newton. Im Oktober wäre er 100 Jahre alt geworden. Das Ernst Barlach Museum Wedel widmet ihm eine Jubiläumsschau.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Ernst-Barlach-Haus
Mühlenstraße 1
22880  Wedel
Telefon:
(04103) 91 82 91
E-Mail:
kontakt@ernst-barlach.de
Preis:
10 Euro, ermäßigt 8
Öffnungszeiten:
Montag bis Sonntag von 10 bis 20 Uhr.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 11.05.2020 | 10:20 Uhr