Ein historisches Industriegebäude mit schwarz-weißer Rakete, davor ein Industriewagon. © picture alliance/dpa | Stefan Sauer Foto: Stefan Sauer

Steigt Peenemünde zur UNESCO-Welterbestätte auf?

Stand: 14.07.2021 06:00 Uhr

Peenemünde soll den Altstädten von Wismar und Stralsund folgen und UNESCO-Welterbestätte werden. Wie realistisch ist dieser Vorschlag? Und warum ist er nicht neu?

von Axel Seitz

Peenemünde, der Ort im Norden der Insel Usedom, war mit seinen Versuchsanstalten zwischen 1936 und 1945 Europas größtes militärisches Forschungszentrum. Oft wird Peenemünde auch als "Wiege der Raumfahrt" bezeichnet.

"Ein Ort, wo man sehen kann, was man mit Technik tun kann", konkretisiert Historiker Andreas Nachama und ergänzt: "Also Technik in einem totalitären nationalsozialistischen Regime wird pervertiert als Waffe. Technik in einem demokratischen System kann eben auch positive Dinge bewirken. Insofern finde ich schon die Frage, ob man diesen Ort in dieser Zwiespältigkeit zwischen Technik als Hilfe und Technik als Waffe, dass man das thematisiert, möglicherweise auch zum Weltkulturerbe macht, nicht falsch."

Schwesig: Wollen Peenemünde vorschlagen

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig von der SPD hatte sich am vergangenen Wochenende dafür ausgesprochen, Peenemünde als Welterbestätte vorzuschlagen: "Peenemünde steht ja auf der einen Seite für technologische Pionierleistung, ist eben auch untrennbar mit der menschenverachtenden Ideologie des NS-Systems verbunden. Deshalb haben wir auch mit dem Bund gemeinsam als Land in das Historisch-Technische Museum Peenemünde investiert, vor allem als Begegnungsstätte, auch als Gedenkstätte. Und mit dieser Leistung ist die Voraussetzung geschaffen, dass wir das Historisch-Technische Museum Peenemünde vorschlagen."

Als Vorstand des Wissenschaftlichen Beirats des Historisch-Technischen Museums Peenemünde begrüßt Andreas Nachama die Diskussion darüber, ob der Ort einmal Welterbestätte werden könnte: "Weil es zeigt, was für ein wichtiger Ort das ist und wenn es einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, dass man den Ort so und seiner Zwiespältigkeit zu einem Weltkulturerbeort macht, dann würde ich das auch begrüßen."

Zeit läuft im Oktober ab

Noch ist es nur ein Vorschlag - einer, vor dem viele Hürden stehen. Bis zum Oktober müsste Mecklenburg-Vorpommern sein Vorhaben konkretisieren, sagt Birgitta Ringbeck, Beauftragte der Kultusministerkonferenz für das UNESCO-Welterbe: "Die Kultusministerkonferenz beruft im Herbst ein international besetztes Expertengremium. Dieses Gremium hat die Aufgabe, die eingegangenen Vorschläge zu überprüfen, zu sehen: Haben die Potential, den außergewöhnlich universellen Wert nachzuweisen, füllen die Lücken auf der Welterbeliste?"

Da jedes Bundesland je zwei Vorschläge machen darf, könnte es eine Liste mit insgesamt 32 Orten geben. Erfahrungsgemäß konzentriert sich das internationale Expertengremium dann auf neun bis zehn Vorschläge, die dann die neue deutsche sogenannte Tentativliste bilden.

Vorschlag nicht neu

Sollte das Expertengremium also der Meinung sein, Peenemünde sei ein besonderer Ort und müsse auf die Tentativliste und die Kultusministerinnen und -minister der Länder folgen dieser Meinung, dann könnte Peenemünde frühestens 2026 durch die UNESCO den Status einer Welterbestätte bekommen. Das erscheint aber wenig realistisch, da es bislang so gut wie keine konkreten Vorbereitungen dazu gibt.

Es könnte auch erst weit nach 2030 zu einer Entscheidung kommen, vorausgesetzt, Peenemünde nimmt erst einmal die Hürden in Deutschland. Interessant ist übrigens auch, dass sich der damalige Kultusminister Henry Tesch (CDU) bereits vor zehn Jahren für Peenemünde stark gemacht hatte. Doch das Kabinett um Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) sprach sich letztlich dagegen aus.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 14.07.2021 | 19:00 Uhr

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