Stand: 28.10.2017 16:18 Uhr

Western als Ballett: Tanz mir das Lied vom Tod

von Christian Kahlstorff, NDR.de

Die Prärie - Steppenkraut wird vom rauen Wind über eine staubige Landschaft getrieben. Einsam erklingt eine Mundharmonika und spielt eine wohl jedem Westernfan bekannte Melodie. Das Ensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin bringt mit "Who shot the sheriff?" einen locker-leichten Western auf die Ballett-Bühne. Die ungewöhnliche Kombination verliert sich beinahe in zu vielen Details, weiß aber auch immer wieder mit zahlreichen ironischen Anspielungen zu amüsieren. Das Publikum belohnt die Tänzer bei der Premiere mit langanhaltendem Applaus.

Es beginnt wie ein klassischer Western: Zwei Cowboys (Guiseppe Salomone und Alyosa Forlini auf zwei Holzpferdchen und einer herrlichen Parodie auf stoische Klischee-Westernhelden) reiten durch die Prärie auf der Suche nach Abenteuern. Die bekommen sie schneller, als ihnen lieb ist. Unvermittelt stolpern die beiden Freunde über die Leiche eines Mannes. Schnell wird klar: Hier hat jemand den Sheriff erschossen. Doch wer? Auf der Jagd nach dem Täter begegnen unsere beiden gar nicht so heldenhaften Jungs so ziemlich jedem Western-Klischee, das man sich vorstellen kann - von der Kneipenschlägerei über das klassische Duell bis zum Indianer-Überfall.

Ballett "Who shot the sheriff?" am Theater Schwerin

Choreograph Nappa baut aktuelle Bezüge ein

Das Ballett des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin hat sich für die erste Premiere in dieser Saison ein Thema ausgesucht, das zunächst sehr weit hergeholt scheint. Dabei ist "Who shot the sheriff?" keine als Ballett aufgeführte, ausformulierte Geschichte. Choreograph Francesco Nappa verzichtet auf den narrativen Teil und lässt seine Tänzer einen Bilderbogen präsentieren, der an Karl May erinnert. Dennoch gelingt es dem Italiener, aktuelle, sogar politische Bezüge in das Stück zu integrieren: Wenn in diesem historischen, imaginären Amerika plötzlich Zäune errichtet werden zwischen Einwohnern und Einwanderern, kann man schon einen Moment lang an das heutige Amerika oder Europa denken.

Mit Liebe zum Detail und zur Requisite

Auf der Ballettbühne werden diese Zäune - so romantisch ist Ballett nun einmal - letztlich überwunden. Und bei Nappa werden sie zugleich Teil der Tanzeinlage. Überhaupt spielt Nappa hier eine seiner Stärken aus: Wie schon bei seinem letzten Stück in Schwerin - "Una Scatola de Vita" - gibt der Italiener seinen Tänzerinnen und Tänzerin immer wieder Requisiten an die Hand und baut diese sowie das Bühnenbild selbst in die Choreographie mit ein. Alyosa Forlinis großartiges Solo mit einem Schaukelstuhl ist dabei ebenso unterhaltend wie künstlerisch; Maria Pawelec und Alyosa Forlini überwinden den besagten Zaun als Liebespaar und Eliza Kalcheva brilliert als eine an ein Seil gefesselte, verzweifelte Frau eines brutalen Cowboys.

Wenn der Tänzer mit dem Colt jongliert

Hier und da droht das Stück, sich ein wenig zu sehr in den liebevollen Details zu verlieren. Falsche Bärte, Pistolengürtel, Zäune, Hüte - die Tänzer müssen mit einer ganzen Reihe von Requisiten jonglieren. Schade ist, das Nappa ausgerechet beim obligatorischen Duell an High Noon das Klischee bricht und statt zweier schießwütiger Kerle zwei Tänzerinnen um nur eine Waffe kämpfen lässt. Zudem bleiben die gleich zu Beginn liebgewonnenen zwei Cowboy-Freunde im Laufe der locker aneinander gereihten Tanzeinlagen am Ende still und heimlich auf der Strecke. Auch die zentrale Frage des Stückes, die freilich nicht todernst gestellt wurde, bleibt letztlich ungeklärt.

Ein Stück für den Cowboy und Indianer in uns allen

Dass am Ende dennoch nicht nur Ballett-Freunde, sondern auch Westernfans ihren Spaß haben, verdankt das Stück auch seiner ausgewählten Musik. Hier erkennt jeder Filmfreund einen Klassiker aus der Kindheit oder Jugend wieder - von "Kill Bill", "Die glorreichen Sieben" bis zu "Spiel mir das Lied von Tod". Sogar die Countrylegende Johnny Cash kommt zu Wort. "Ich möchte, dass die Zuschauer mit einem Lächeln aus meinen Stücken nach Hause gehen", erzählte Nappa vor der Premiere im Gespräch mit NDR.de. Die Premierenzuschauer von "Who shot the sheriff?" scheint er an diesem Freitag größtenteils überzeugt zu haben. In den lange anhaltenden Applaus mischen sich nur wenige skeptische Gesichter. Der ein oder andere ist wahrscheinlich schon zu erwachsen, um einen Abend lang "Cowboy und Indianer" zu spielen.

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Das Ensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin bringt mit "Who shot the sheriff?" einen locker-leichten Western auf die Ballett-Bühne, der nicht nur Cowboys und Indianer unterhält.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
E-Werk, Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin
Spieltordamm 1
19055  Schwerin
Telefon:
0385 53 00-123
Besonderheit:
Sechs Termine bis Ende 2017
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 28.10.2017 | 16:50 Uhr

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