Stand: 20.08.2018 15:58 Uhr

Polizeipräsident mit Händchen für Kunst

von Jürgen Opel
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Thomas Laum hat die Diensträume des Rostocker Polizeipräsidiums mit Leihgaben der Kunstsammlung des Landes ausgestattet.

Kunst im öffentlichen Raum? Kein Thema! Kunst am und mitunter auch im Bau? So selten nicht! Gemälde, Installationen und Plastiken in Galerien und Museen? Das erklärt sich von selbst. Bildende Kunst in Verwaltungsgebäuden aber und noch dazu bei der Polizei, das scheint fast ausgeschlossen. Doch nicht so im Rostocker Polizeipräsidium mit Sitz in Waldeck. Dafür steht der Präsident höchstselbst. Thomas Laum ist ein erklärter Kunstfreund und stattet die Diensträume seiner Behörde seit Jahr und Tag mit Leihgaben der Kunstsammlung des Landes Mecklenburg-Vorpommern aus.

Zum Großteil Kunstwerke aus DDR-Zeiten

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Knapp 40 Werke sind auf die Wände im Führungsstab verteilt.

"Das sind fast ausschließlich Bilder, die wir ausgeliehen haben", erklärt Laum. "Sie haben entweder einen Bezug zu Rostock oder zu Mecklenburg. Zum Großteil sind das Kunstwerke, die noch aus DDR-Zeiten stammen. Nach der Wende ist die Kunstsammlung der DDR unter den fünf neuen Bundesländern aufgeteilt worden." Wodzicka, Kuhn, Austen, Jastram - knapp 40 Werke hängen penibel ausgerichtet an den Wänden der Gänge im Führungsstab. Die Auswahl der Werke sei kein demokratischer Prozess gewesen, meint Laum. "Ich habe es aussgesucht, habe es hier hingehängt und geguckt, wie die Leute reagieren. Natürlich gefällt nicht jedem, was hier hängt.

Fotomontagen direkt vor der Einsatzleitstelle

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Die Arbeiten von Jacqueline Duhr (li.) hängen vor der Einsatzleitstelle.

Die Fotografien von Jacqueline Duhr dagegen haben ihren Platz direkt vor der Einsatzleitstelle gefunden. Dem Herz des Präsidiums, wie Thomas Laum erklärt. Fünf farbige Selbstinszenierungen der Künstlerin als Fotomontagen mittleren Formats hat er über Eck hängen lassen. Gleichsam gerahmt von der Garderobe mit den Uniformjacken der diensthabenden Beamten. Die Fotografin schaut amüsiert auf das Ensemble.

"Sie hätten auch im Depot verschwinden können", sagt sie. "Ich bin froh, dass sie ausgewählt wurden, dass sie zu sehen sind. Und ich finde es sehr amüsant, dass die Werke bei der Polizei gelandet sind. Das bekommt so etwas von einer Lehrtafel: Welche Symbolik verbirgt sich in der Aufnahme? Was ist gesetzlich erlaubt? Was ist ziviler Ungehorsam? Wie weit lässt man zivilen Ungehorsam zu?"

"Ich bin im Grunde die Projektionsfläche"

Im Zentrum der Fotos jeweils die Künstlerin in Posen der Renaissancemalerei mit den Symbolen weltweiter Protestbewegungen von Anti-Atomkraft bis hin zum Arabischen Frühling. "Selbstinszenierung ist der Kernpunkt meiner Arbeit", sagt sie. "Ich bin im Grunde die Projektionsfläche, die Leinwand, auf der sich alles abbilden lässt. Ich empfinde mich als ein Werkzeug, mit dem ich arbeiten kann, weil ich in meiner nächsten Umgebung verfügbar bin und für den Arbeitsprozess auch am ehesten mit mir umzugehen weiß."

"Die Fotografien haben polizeilichen Bezug"

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Im Zentrum der Werke Duhrs steht sie selbst mit den Symbolen weltweiter Protestbewegungen.

Für Thomas Laum ist die räumliche Nähe zwischen Protestkunst und Polizeialltag kein Widerspruch. "Protest findet nicht nur gegen die Polizei statt", meint er. "Aber wir haben häufig mit Protesten zu tun. Wir haben die Sicherheitslage zu bewerten. Wir müssen uns darum kümmern, dass dieser Protest friedlich vor- und ausgetragen werden kann. Insofern haben wir mit diesen Themen, die in den Fotografien von Frau Duhr zum Tragen kommen, zu tun. Sie haben wirklich einen polizeilichen Bezug. Und darüber hinaus sind es einfach tolle Kunstwerke."

Bilder sorgen für Diskussionen

Und den Diensthabenden, die mit kurzem Blick auf ihren Chef an den Bildern vorbeihuschen, scheint es ähnlich zu gehen. "Ich habe über die Fotografien nachgedacht", sagt einer von ihnen. "Und alleine dieses Nachdenken und das Sprechen mit den Kollegen darüber, ist meiner Ansicht nach etwas, was man mit Kunst erreichen sollte. Und in diesem Fall hat es funktioniert." Eine Kollegin sagt: "Ich finde, immer wenn Menschen im Spiel sind, ist es etwas Besonderes. Es zeigt Emotionen und das Leben." Die Arbeiten seien im Kollegium durchaus kritisch diskutiert worden, sagt ein weiterer Polizist. Künstlerisch seinen die Bilder aber sehr ansprechend.

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Polizeipräsident Laum im Fokus der Künstlerin Duhr.

Jacqueline Duhr, die Künstlerin, hat während des Besuchs in ihrer Miniausstellung im Waldecker Polizeipräsidium immer wieder die Handykamera herausgeholt. Sollten sich diese Schnappschüsse irgendwann in ihrer Arbeit widerspiegeln, Thomas Laum, den Kunstfreund in Uniform, würde es wohl freuen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 20.08.2018 | 19:00 Uhr

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