Ein Besucher geht im Von der Heydt-Museum in Wuppertal in der Ausstellung "Feininger - Frühe Werke und Freunde" an dem Bild "Selbstportrait mit Tonpfeife" vorbei. © picture-alliance/ dpa | Horst Ossinger Foto: Horst Ossinger

Lyonel Feininger in MV: Sommer an der Ostsee

Stand: 15.07.2021 08:59 Uhr

Der Maler Lyonel Feininger hielt sich gern an der Ostsee auf und hat Motive wie die "Windmühle bei Usedom" oder die Kirche von Benz über viele Jahre immer wieder verarbeitet. Am 17. Juli ist sein 150. Geburtstag.

von Anke Jahns

Wellenbrecher des Lichtes: Dünenkronen und Wolken, Segelschiffe und Zeesboote, Windmühlenflügel und Kirchtürme. Lyonel Feininger begeistern die Linien am Meer, die Horizontalen von Himmel und Wellenkante, die Senkrechten der Schiffsmasten. 34 Jahre lang zieht es ihn Sommer für Sommer an die Ostsee, von 1901 bis 1935.

Feininger geht mit dem Fahrrad auf die Suche nach Motiven

Altes Herrenrad im Ausstellungsraum einer Feininger-Galerie. © picture-alliance/ dpa |  Jens Büttner Foto:  Jens Büttner
Mit einem solchen Modell war Bauhaus-Künstler Lyonel Feininger auf der Ostseeinsel Usedom unterwegs und suchte Motive für seine Bilder.

Zunächst fasziniert ihn Rügen, später Usedom und Ribnitz- Damgarten. Feininger zieht mit Papier und Bleistift los. Der große junge Mann, der bereits 1887 von New York nach Hamburg gezogen war, um dort Kunst zu studieren, fällt überall auf. Nur wenige auf den Inseln haben damals so ein modernes Fahrrad wie er. Er fertigt schnelle Skizzen, die er später im Atelier mit räumlicher und zeitlicher Distanz als Holzschnitt, Aquarell, Comic oder Ölgemälde umsetzt.

Bei Baabe auf Rügen findet er das Motiv für eines seiner ersten Ölbilder: "Bucht à la Vincent van Gogh". Noch hat der Mittdreißiger keinen unverwechselbar eigenen Stil, noch lehnt er sich an das niederländische Vorbild an.

Experimente mit Licht und Farben

Feininger fühlt sich an der Ostsee glücklich. Es ist auch die Zeit, in der sich die Liebe zu seiner späteren Frau Julia entwickelt, der er viele Briefe schreibt. Er experimentiert mit Lichtbrechung auf dem Wasser, mit Kristallen und Prismen. Ihn beschäftigt das Verhältnis von Licht und Zeit in einem einzelnen Bild.

Im August 1907 beschreibt er seine Entdeckung, die fortan immer stärker seine Kunst ausmachen wird: "Zur Linken der Objekte zeigten die Konturen ein Blau, wogegen es zur Rechten ein warmes Grün war. Diese Farbstreifen schienen sich vom Objekt zum angrenzenden Himmel auszubreiten. Kühn versuchte ich, dieses zu betonen, obwohl ich Ähnliches niemals gesehen hatte." 

Lyonel Feininger und der "Prisma-ismus"

Kubismus

Der Kubismus ist eine Kunstrichtung der Malerei, die am Anfang des 20. Jahrhunderts entsteht und sich mit dem Beginn des ersten Weltkriegs auflöst. Einer seiner berühmtesten Vertreter ist Pablo Picasso. Der Name "Kubismus" stammt aus dem lateinischen Wort "cubus" - "Würfel". Seine Anhänger malen ihre Figuren als geometrische Formen, die sich auf dem Gemälde zusammensetzen (sogenannter analytischer Kubismus). Die geometrischen Formen werden im späteren synthetischen Kubismus zu Teilabbildungen der Figuren, die von unterschiedlichen Seiten und Blickwinkeln betrachtet und nebeneinander gestellt werden. Der Einfluss des Kubismus wird in vielen Werken Picassos auch nach der Auflösung der Bewegung sichtbar bleiben.       

Die kubistische Zerlegung der traditionellen Zentralperspektive ist ein Meilenstein in Feiningers Werk und der Entwicklung der klassischen Moderne. Der Künstler versucht, die fugenartige Mehrstimmigkeit des Lichtes in der eigenen Bewegung einzufangen. Als "Kubist" möchte er nicht bezeichnet werden, Feininger nennt seine Richtung den "Prisma-ismus." 

Arbeitet immer wieder am Motiv "Windmühle bei Usedom"

1912 stellt er in einer ersten Kohlekomposition die Bockwindmühle von Neppermin mit kubistischer Seitenfläche, kantigem Dach und Giebeldreieck hoch über den Häusern dar. Immer wieder wird er in den folgenden Jahrzehnten an dem Motiv arbeiten. 15 Jahre nach der ersten Zeichnung ändert er in seinem Gemälde "Windmühle bei Usedom" die Perspektive. Einen Mühlenflügel deutet er mit einer feinen Linie an, die anderen ersetzt er mit Farbflächen, die in den Himmel ausstrahlen. In späteren Werken wird die Mühle immer filigraner, der Hügel wird sogar zur Bergspitze.

Zahlreiche Ostsee-Motive in Feiningers Werk

Das Gemälde "Windmühle bei Usedom" von Lyonel Feininger betrachtet ein Besucher im Staatlichen Museums Schwerin. © picture-alliance/ ZB | Jens Büttner Foto: Jens Büttner
Das Gemälde "Windmühle bei Usedom" von Lyonel Feininger ist im Staatlichen Museums Schwerin zu sehen.

Begeistert von der Backsteingotik im Nordosten verewigt er kleine Kirchen wie die in Benz auf Usedom, viele Häuserzeilen in Ribnitz und das "Rostocker Tor", das als "The Gate" durch ihn später weltberühmt wird.  

1927 entsteht eines seiner vielen Ostsee-Bilder "Ein stiller Tag am Meer". Es ist jedoch kein Moment, den Feininger darstellt, sondern ein ganzer Tag von Morgen- bis zur Abenddämmerung, als wäre das Bild mit langer Belichtungsdauer aufgenommen. Die Rechtecke von Himmel und Meer, von Schiffsmasten und Strandspaziergängern sind zerschnitten.

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Das undatierte Handout zeigt das Ölgemälde des deutsch-amerikanischen Malers Lyonel Feininger (1871-1956) mit dem Titel "Hafen von Swinemünde" © picture alliance / dpa | ARTCURIAL

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Inzwischen ist er Bauhaus-Künstler und er sucht immer mehr die Ruhe. In den Endzwanziger Jahren auf Usedom wird es ihm zu laut und zu touristisch, er zieht weiter entlang der Ostsee ins polnische Deep und nach Swinemünde, bevor er 1935 vor den Nazis in die USA flüchtet.

Dort wird er immer wieder betonen - wie in dem Brief an eine Bauhaus-Mitstreiterin Jutta Freifrau von Schlieffen, wie wichtig die Sommer an der Ostsee für ihn waren. "Sie waren für mein ganzes Schaffen mitbestimmend und ich zehre noch jetzt von den Erlebnissen, die ich dort hatte."  

Deutsch-polnische Feininger Route soll Lebensstationen nachzeichnen

Zum 150. Geburtstag des Künstlers hat dessen Enkel Conrad Feininger die Schirmherrschaft für eine deutsch-polnische Feininger-Route übernommen, die von Rügen nach Deep bei Treptow an der Rega führen und die Stationen des Künstlers nachzeichnen soll. Auf Usedom gibt es bereits einen Feininger-Radweg, der die Motivsuche des Bauhaus-Künstlers abbildet und in Ribnitz-Damgarten sind 19 Stelen aufgebaut, die genau die Plätze markieren, an denen der deutsch- amerikanische Künstler seine Motive aufs Papier brachte.

Lyonel Feininger: Kurzbiografie

Geboren: 17. Juli 1871 in New York als Sohn deutscher Einwanderer
Gestorben: 13. Januar 1956 in New York

1887: Übersiedelung nach Deutschland
1892: Erste Reise nach Rügen
1908 - 1921: Immer wieder Kurzaufenthalte auf Usedom
1909 - 1913: Mitgliedschaft in der "Berliner Secession"
1919: "Meister der Formlehre" am Bauhaus in Weimar
1932: Umzug von Dessau nach Berlin
1937: Wegzug von Deutschland nach New York

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 15.07.2021 | 19:00 Uhr

Ein Radfahrer unterwegs auf dem Feininger-Radweg auf Usedom. © picture alliance/DUMONT Bildarchiv Foto: Sabine Lubenow

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