Stand: 29.05.2020 10:12 Uhr  - NDR Kultur

"Kunst offen": Unentdeckte Paradiese in MV

von Lenore Lötsch

Seit 25 Jahren werden zu Pfingsten in Mecklenburg-Vorpommern die Ateliertüren weit geöffnet für die Aktion "Kunst offen". In diesem Jahr war lange unklar, ob die 26. Auflage des Events stattfinden kann. Sie kann!  Vom 30. Mai bis zum 1. Juni. Aber die Corona-Einschränkungen sorgen für deutlich weniger Teilnehmer: Statt mehr als 800 sind es in diesem Jahr etwa 600 Künstlerinnen und Künstler.

Für Ausflügler sieht das geduckte Eckhaus von Markus Metz in Altenhagen nach einem Lebensprojekt aus - in der Anfangsphase. Für seine Nachbarn wirkt es eher nach einer vernachlässigten Künstlerbude mit viel Bewuchs auf dem Hof aus. "Von der Hölle direkt ins Paradies gezogen, also für mich ist das hier das Paradies ja," sagt Metz.

In diesem Jahr will er die Besucher seiner Kronkorkenschmiede nicht im ehemaligen Tanzsaal, seinem Atelier empfangen, sondern im Garten: "Weil mich diese Corona Auflagen doch ein bisschen nervös gemacht haben, man soll die Leute kontrollieren, Anweisungen geben, dass sie Maske aufziehen. So mach ich es einfach im Garten. Da kann man Abstand halten und hat frische Luft."

Kunst plus Lebensgeschichte bei Markus Metz in Altenhagen

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Markus Metz steht in seinem Garten in Altenhagen, neben ihm stehen zwei Objekte seiner Kunst aus Kronkorken auf einem Tisch.

Eine Mohnblumenbrosche baumelt an seinem Hals. Er hat sie aus Schraubdeckeln gefertigt. Bemalte Ringe aus Kronkorken, Blütenbilder auf fein zerklopftem grünen Altglas bietet er bei "Kunst Offen" an. Und wer mit Markus Metz ins Gespräch kommt, der bekommt eine Lebensgeschichte dazu, die erklärt, warum für den Wiesbadener Altenhagen in Mecklenburg zum einsamen Paradies geworden ist: "Also ich hatte mal so ein paar Schicksalsschläge. In Wiesbaden sind all meine Kunstwerke vernichtet worden. Ich hatte dann sieben Jahre Rechtsstreit mit der Stadt und hatte dann auch schwere Depressionen. Im Endeffekt hat mich dann jemand aus der Landesverwaltung Mecklenburg-Vorpommerns entdeckt und als förderungsfähigen Künstler dann hierher gesetzt."

Knallbunter Schmuck als Therapie

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In der Kronkorkenschmiede in Altenhagen entstehen Ringe, Broschen und viele andere Objekte.

Die Kronkorken, bekommt er von "ehrenamtlichen Mitarbeitern", wie Metz sie nennt. Er lässt gewissermaßen trinken. Und dass daraus knallbunter Schmuck entsteht, war für ihn durchaus auch Therapie: "Ich hab halt die Kronkorken plattgeklopft und bei jedem Schlag an jemanden aus der Stadtverwaltung aus Wiesbaden gedacht. Es hat viele Menschenleben gerettet und es ist zudem schöner Schmuck draus entstanden."

"Man könnte, denkt man, wenn man wollte, fliegen" hat Markus Metz auf sein Haus gepinselt. 20 Kilometer von Altenhagen entfernt, in Kummerow, ist man sicher, Fliegen wird überschätzt. Spazieren und Staunen reichen vollkommen. Ein Barockschloss, dessen Sanierung selbst ein Kunstwerk ist. Eine Badebucht direkt hinter dem Schloss und ein Park, der keine Zäune kennt.

Kummerower Schloss mit außergewöhlicher Fotosammlung

"Ich glaub, dass die Besucher hier drei Stunden am Stück verbringen und danach auch erstmal durch sind, aber im Positiven. Es ist also sehr viel Input," erzählt Aileen Kunert. Sie ist die Geschäftsführerin von Schloss Kummerow. Seit vier Jahren wird es als privates Museum betrieben. Zu Pfingsten ist erstmals in diesem Jahr die Dauerausstellung mit der Fotosammlung ihres Vater zu sehen. Torsten Kunert war Immobilienunternehmer in Berlin und ist vor zwei Monaten gestorben.

"Er ist tatsächlich ein Sammler aus Leidenschaft gewesen, und keiner der sagt, es ist jetzt ein Investment, wir brauchen jetzt mal eine Cindy Sherman oder einen Gursky. Jede einzelne Fotografie hat irgendwas mit ihm gemacht. Und das finde ich, spürt man auch, wenn man hier durchgeht und deshalb bezeichne ich das gern als emotionale Sammlung."

Die gerechten Schloss-Sanierer von Kummerow

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An den Wänden des Spiegelsaals auf Schloss Kummerow sind noch das Staatswappen der ehemalige DDR und sozialistische Sinnsprüche zu sehen.

Nichts im Schloss Kummerow wurde getilgt und bereinigt, auf oberflächliche Art schön gemacht. Die DDR-Symbole im Spiegelsaal sind dann aber doch einigen Besuchern zu viel Geschichtsbewahrung erzählt Aileen Kunert: "Hier in dem Raum gibt es immer die meisten Debatten. Hier polarisiert es und ich musste auch schon die eine oder andere Diskussion führen und mich rechtfertigen. Es ist Teil der Geschichte dieses Hauses und meiner Familie."

Im unsanierten Nebengebäude des Schlosses wird zu Pfingsten das "Hotel Raketa" wieder eröffnet. Ein düsteres, humoristisches Panoptikum aus 300 Figuren des Bremer Künstlers Uwe Schloen. Er wird am 30. Mai durch die Ausstellung führen. Die Besucher teilen sich in Optimisten und Pessimisten, hat Aileen Kunert beobachtet. Wenn die nämlich vor einer Figur stehen, deren Kopf in einer Steckdose verschwindet. "Eine Person meinte: die Figur lädt sich wieder auf. Und eine andere fand: Die hat völlig aufgegeben und will nicht mehr. Die Menschen kommen entweder lächelnd oder geschockt wieder raus."

Auf einem Tisch sind Ringe, Broschen und andere Objekte aus der Kronkorkenschmiede in Altenhagen in Schatullen arrangiert. © NDR Foto: Lenore Lötsch

"Kunst offen": Unentdeckte Paradiese in MV

NDR Kultur - Klassisch unterwegs -

Seit 25 Jahren werden zu Pfingsten in Mecklenburg-Vorpommern die Ateliertüren weit geöffnet. Unter dem Titel "Kunst offen" darf wieder ungewöhliches entdeckt werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 29.05.2020 | 14:20 Uhr

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