Stand: 03.05.2018 00:01 Uhr

Rostocker Kunst in Geschichte und Gegenwart

von Matthias Schümann

Der Kunstverein zu Rostock widmet sich aus Anlass des 800. Stadtjubiläums seiner Geschichte und seiner Gegenwart - und zwar zeitgleich in einer großen Doppelausstellung. Ausstellungsteil Nummer eins führt zurück in die 1920er- und 30er-Jahre und zur Vereinigung Rostocker Künstler. Ausstellung Nummer zwei kommt in der unmittelbaren Gegenwart an. Zu sehen sind bis zum 30. Juni also Klassiker der Rostocker Malerei und ganz neue, teils auch recht wilde Positionen.

"Ich interessiere mich nicht für die Zeit und sie sich nicht für mich. Ich sitze einfach da und sie zieht still vorbei" - es ist eine Kampfansage an die Zeit, die der Künstler Lennart Langanki zu einer Installation gemacht hat. Hinter einer Luke quäkt ein Laustprecher, zerknüllte Formulare liegen herum. Allein durch den Kontext steht diese Arbeit aber mitten in der vergehenden Zeit, ob der Künstler das nun will oder nicht. Denn Langankis Werk ist Teil einer Ausstellung, die junge Kunst in Rostock mit der vor knapp 100 Jahren ins Verhältnis setzt.

Junge Kunst damals und heute in Rostock

Thomas Häntzschel, Chef des Kunstvereins zu Rostock, erklärt: "Wir sind ja eigentlich ein Kunstverein und eine Galerie, die zeitgenössische Kunst zeigt, aber wir wollten auch einmal gucken: Was war denn in den 20er-Jahren zeitgenössisch in Rostock? Und da stößt man sofort auf die Vereinigung Rostocker Künstler, die auch Querverbindungen zum Rostocker Kunstverein hatte. Daraus hat sich dann die Idee entwickelt, diese alten Künstler bei uns in der Galerie zu zeigen und parallel dazu in dem Oberlichtsaal der Sozietät, wo die Künstlervereinigung früher ausgestellt hat, aktuelle Kunst aus Rostock, also die jungen Leute von heute."

Erster Weltkrieg sorgt für Verzögerung

Die Vereinigung Rostocker Künstler, kurz VRK, war ein Zusammenschluss ambitionierter Maler, Grafiker und Architekten. Egon Tschirch, Hans Emil Oberländer, Thurow Balzer und Bruno Gimpel gehörten 1919 zu den Gründungsmitgliedern. Sie sorgten dafür, dass ein moderner Geist durch die Hansestadt wehte, wenn auch etwas später als anderswo, sagt Klaus Tiedemann, der Kurator der Ausstellung: "Fast alle Mitglieder, also auch die Gründer der Vereinigung wie Tschirch, Bartels, Balzer und so weiter, waren im Krieg. Deren Entwicklung als Künstler war unterbrochen, die haben 1919 neu angefangen. Daher kommt die gewisse zeitliche Verzögerung."

Existenzielle Situation der Künstler

Eine Gruppenausstellung in der Zusammensetzung, wie sie nun im Kunstverein zu sehen ist, hat es vermutlich nie gegeben. Nachweislich sind aber mehrere der Werke in der Stadt ausgestellt worden. Vertreten sind klassisch-moderne Positionen: Expressionismus von Egon Tschirch, Neue Sachlichkeit von Kate Diehn Bitt und Dörte Helm, impressionistische Landschaften von Thuro Balzer und Rudolf Bartels, reduzierte Plastiken von Margarete Scheel. Dabei erzählt die Schau auch von der existentiellen Situation der Künstler, wie Klaus Tiedemann erläutert: "Einige haben sehr gut davon gelebt, wie Tschirch - der hat so viel verdient, dass er in den 20ern wieder aus der Vereinigung ausgetreten ist. Andere haben von gebrauchsgrafischen Aufgaben gelebt. Viele von ihnen, also Balzer, Tschirch auch, Gimpel, haben Plakate entworfen und Werbegeschichten gemacht und sich damit über Wasser gehalten." 1933 war die Vereinigung künstlerisch am Ende. Die nationalsozialistisch gestimmten Mitglieder dienten sich den neuen Machthabern an und warfen Gründungsmitglied Bruno Gimpel hinaus, weil er Jude war. 1937 löste sich die Gruppe auf.

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Junge Kunst an alter Stelle

Ihre größten Ausstellungen feierte die Rostocker Künstlervereinigung in den Räumen des Kunstvereins, dem späteren Schifffahrtsmuseum in der August-Bebel-Straße. Dort ist nun junge Kunst von heute untergebracht. Kuratiert wurde dieser Ausstellungsteil von Matthias Dettmann, Holger Stark und dem Maler Christoph Chciuk, der sagt: "Wir bedienen eigentlich die klassischen Ausdrucksformen. Wir haben Installationen, wir haben Grafiken, die auch gegenständlich sind, wir haben modernere Sachen, die die Bildthematik ganz auflösen und ins Freie übersetzen. Und man sieht auch, dass die Künstlerinnen und Künstler das Ganze für sich neu definieren, was vielleicht auch damit zu tun hat, wie sie leben, was um sie herum stattfindet. Viele sind ja auch aus Rostock weggegangen, nach Halle, nach Leipzig, nach Berlin - man sieht all diese Prägungen, und es ist vielleicht auch die Idee, sie ab und zu zurückzuholen nach Rostock und zu schauen, was da so passiert ist in der Zeit."

Zwischen Einmachgläsern und surrealer Apokalypse

Mitten im Raum prangt ein Bildschirm. Zwei Männer sitzen in weißen Uniformen in einer Art Cockpit, bewegen den Mund zu einem schwer verständlichen Funkverkehr und tun so, als wären sie Piloten. Die beiden "Piloten" sind die Künstler Felix Fugenzahn und Matthäus Straßenburg. Ringsum an den Wänden sind weitere Werke zu sehen: abstrakte Malerei von Christoph Chciuk und Felix Grusa, eine Grafik-Foto-Serie von Maria Elise Raeuber, sogar eine Art Verkaufstisch von der Forschungsgruppe Kunst, auf dem Ozeanwasser in Einweckgläsern angeboten wird. Eine Überraschung wartet in einem Nebenraum: Hinrich Brockmöller zeigt eine Installation aus mehr als 100 Gemälden, die alle einen Tannenbaum, zwei Eichhörnchen, einen Uhu und eine Kuh zeigen. Eine surrealistische Apokalypse, die vor knapp 100 Jahren vermutlich unmöglich gewesen wäre, und die auch heute zumindest für Stirnrunzeln sorgen dürfte.

Die Doppelausstellung ist auf zwei Orte aufgeteilt: In der Galerie Amberg in der östlichen Altstadt von Rostock sind die musealen Klassiker zu sehen wie Balzer, Tschirch und Co. Im ehemaligen Schifffahrtmsuseum, der heutigen "Societät maritim" kommen die jungen Positionen der Stadt zum Zuge.

Rostocker Kunst in Geschichte und Gegenwart

Zwischen Klassiker und surrealistischer Apokalypse: In einer Doppelausstellung zeigt der Kunstverein Rostock bis zum 30. Juni etliche Werke lokaler Künstler.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Galerie Amberg 13 / Societät Rostock maritim
Amberg 13 / August-Bebel-Str. 1
Rostock
Telefon:
(0381) 459 12 22
Öffnungszeiten:
Galerie Amberg 13: Dienstag bis Sonntag 14 bis 18 Uhr
Societät Rostock maritim: täglich 10 bis 18 Uhr
Besonderheit:
Ausstellung Galerie Amberg 13. bis 26. Mai, Ausstellung Societät Rostock maritim bis 30. Mai
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 02.05.2018 | 19:00 Uhr

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