Stand: 28.08.2019 16:07 Uhr

Wie relevant sind Klassiker im Theaterspielplan?

von Alexandra Friedrich

Die Kulturredaktionen des NDR gehen gemeinsam der Frage nach: "Tschick oder Werther - wozu brauchen wir noch Klassiker?" Eine Frage, die sich auch viele Dramaturginnen und Dramaturgen an Theatern stellen. Wie ist es auf den zeitgenössischen Bühnen um die sogenannten Klassiker bestellt - spielen Hamlet und Faust noch eine Hauptrolle oder sind sie von den Theatermachern zum Statisten degradiert worden? Und wie erstellen die Häuser eigentlich ihre Spielpläne? Zwei Beispiele von Bühnen in Hamburg und Lübeck.

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Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg ist das größte deutsche Sprechtheater. Es setzt nach wie vor auf Klassiker, 2019 etwa von Tschechow.

Das Hamburger Schauspielhaus ist mit 1.200 Zuschauerplätzen das größte deutsche Sprechtheater. Ein Haus dieser Größenordnung, das zudem subventioniert wird, muss bei der Auswahl der Stücke jede Menge Kriterien beachten: Welcher Raum wird bespielt? Gibt es spannende Rollen für alle Darsteller des Ensembles? Wie schafft es die Balance zwischen hohem Anspruch und hoher Auslastung? Vor allem aber, erklärt Chefdramaturgin Rita Thiele, versuche das Theater mit seinen Produktionen dem Publikum Denkanstöße zu bieten, "die sich mit unserer politischen Realität und mit gesellschaftlichen Realitäten heute auseinandersetzen." Man müsse das Gespür für diese Fragen haben: "Was sind die gesellschaftlichen Diskussionen, was wird in der Soziologie, was wird in der Philosophie, was im Feuilleton diskutiert? Wer geht auf die Straße? Welche Protestbewegung gibt es?", sagt Thiele.

Houellebecq neben Tschechow in neuer Spielzeit

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Rita Thiele ist Chefdramaturgin am Hamburger Schauspielhaus.

Besonders vordringlich scheint ihr zurzeit die Genderdebatte und die Frage von Geschlechtergerechtigkeit. Deshalb hat sie die Stücke von zwei jungen, feministischen Autorinnen in den Spielplan aufgenommen. Eröffnet wird die neue Spielzeit im Schauspielhaus mit der Geschichte eines alten, weißen Mannes in der Krise: "Serotonin" ist Bühnenadaption des neuen Romans von Michel Houellebecq.

Um virulente Fragen an unsere Gegenwart zu beantworten, greift das Schauspielhaus aber auch auf große Werke der Vergangenheit zurück: Aktuell etwa mit einer Inszenierung von Karin Beier: Anton Tschechows "Iwanow": "Tschechow beschreibt da die Lähmung einer Upper-Class-Gesellschaft, des vorrevolutionären Russlands. Das könnte durchaus autodestruktive Tendenzen unserer Gesellschaft heute beschreiben, wenn wir vor bestimmten Problemen einfach die Augen zumachen und sagen: 'Das kriegen wir eh nicht gelöst', also verdrängt man es", so Thiele. Klassiker sind also für die Chefdramaturgin noch immer relevant und spannend, wenn sie das Potential haben, uns auch etwas über das Hier und Jetzt zu erzählen.

Klassiker haben das Potenzial, Aktuelles zu erzählen

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Anja Sackarendt ist Dramaturgin für Schauspiel am Theater Lübeck. Sie hat Schillers "Die Räuber", ausschließlich besetzt mit Frauen, in den neuen Spielplan aufgenommen.

Ähnlich sieht das Anja Sackarendt, Dramaturgin des Schauspiels Lübeck. Sie hat Schillers "Räuber" in den aktuellen Spielplan aufgenommen. In der Inszenierung stehen nur Frauen auf der Bühne: "Wenn wir Männer auf einer Bühne sehen, die eine Bande gründen und verrohen und krass Gewalt ausüben, sind das eigentlich Stereotypen. Aber wenn Frauen das machen, gibt es automatisch eine Distanzierung oder einen Kommentar, weil das merkwürdig erscheint", so Sackarendt.

Durch eine leichte Verdrehung gewinnen die bekannten Geschichten eine neue Bedeutung. Klassiker lassen den Theatern eine große künstlerische Freiheit in der Inszenierung, ohne die Vorschriften und Restriktionen von Verlagen - wie bei vielen zeitgenössischen Stücken. Außerdem gibt es offenbar noch immer eine hohe Nachfrage beim Publikum.

Warum sind diese teils Jahrhunderte alten Werke noch immer so beliebt? "Weil Menschen etwas mit diesen Titeln verbinden und das Menschen irgendwie zusammenbringt. Es gibt zwar keine Allgemeinbildung mehr in unserer fragmentierten Gesellschaft, nehme ich an, aber dennoch kann man sich darüber austauschen. Von daher bleibt das Interesse an Klassikern", erklärt Sackarendt.

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Klassiker als Schatzkiste

Es gibt Privattheater, die ausschließlich zeitgenössische Stücke aufführen, die sich auf Musicals oder Krimis spezialisieren. In Stadttheatern wie dem Hamburger Schauspielhaus und dem Schauspiel Lübeck tauchen Klassiker aber nach wie vor in jedem Spielplan auf. Und das nicht nur, weil Zuschüsse dazu verpflichten oder Schulklassen regelmäßig "Kabale und Liebe" oder "Den Besuch der alten Dame" nachfragen. Die Theatermacherinnen begreifen das klassische Repertoire selbst als eine Art Schatzkiste. Und die öffnen sie immer wieder gern, um diese sprachgewaltig erzählten und zeitlosen Geschichten ins Heute zu holen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 29.08.2019 | 06:40 Uhr