Stand: 15.05.2018 18:13 Uhr

Schreiben lernen - welcher Weg ist richtig?

Wer richtig schreiben kann, ist beruflich klar im Vorteil. Oder? In der aktuellen Debatte fragen sich die NDR Redaktionen: Rechtschreibung - wichtig oder egal? Und überhaupt: Wie lernen Kinder überhaupt die richtige Rechtschreibung? Wir haben uns ein paar Methoden an norddeutschen Grundschulen angeschaut.

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"Lesen durch Schreiben" ist eine nicht unumstrittene Lern-Methode.

"Apfel" geschrieben mit b oder "Frühling" am Ende ohne g. Fehler bei der Rechtschreibung sind erlaubt - zumindest wenn es nach dem Konzept "Lesen durch Schreiben" des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen geht: Unterricht ohne Drill. Eine Idee, die in den vergangenen 20 Jahren viele deutsche Grundschulen aufgegriffen haben. Den Schülern wird dabei die sogenannte Anlauttabelle an die Hand gegeben - Buchstaben lernen durchs Hören.

"Skelett-Schreibung" ist der Anfang

"Wenn man ihnen von Anfang an gleich diese Anlautmethode gibt, dann sind sie natürlich in einer Art Skelett-Schreibung. Da fehlen dann irgendwie noch die ganzen Vokale im Wort. Und man muss wirklich auch ein bisschen Übung haben, um die Wörter lesen zu können, aber es ist einfach super motivierend, wenn sie sofort anfangen können zu schreiben", sagt Birte Wolkenhauer, Grundschullehrerin in Hamburg-Eilbek.

Seit acht Jahren bringt sie Schülern das Schreiben bei. Motivation sei der Schlüssel für die Anfangsphase des Lernens. Mit der Meinung ist sie nicht allein. Fast alle aktuellen Standard-Lehrbücher enthalten eine solche Anlauttabelle. Die Schulbehörde Hamburg empfiehlt sie sogar ausdrücklich - zumindest zum Einstieg.

Smileys statt "falsch"

Wie viele ihrer jungen Kollegen nimmt Birte Wolkenhauer Abstand von althergebrachter Pädagogik: Sie lässt keine Diktate mehr schreiben, Begriffe wie "falsch" umgeht sie beim Korrigieren, zunächst verwendet sie Smileys. Gerade mit Blick auf ihre zunehmend heterogenen Klassen - Schüler mit Migrationshintergrund, Förderbedarf oder Lernbehinderungen: "Die sind total unsicher. Die wollen in der Schule lesen und schreiben lernen. Aber wenn man ihnen dann immer sagt: 'Das ist falsch' oder 'Der Buchstabe ist nicht richtig'‘ - dann kann das ja nicht funktionieren. Man braucht einfach Lob. Wenn das nicht da ist, dann fehlt die Motivation."

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Als ausschließliche Methode ist "Lesen durch Schreiben" inzwischen allerdings in die Kritik geraten. Sie sei verantwortlich für die schlechten Rechtschreibergebnisse an deutschen Schulen, sagen Bildungsexperten wie Helge Pepperling, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbands Hamburg, oder die Hamburger Schulbehörde, die wiederum rät: Lehrkräfte sollten Fehler beim Schreibenlernen nicht tolerieren. Nach welchem didaktischen Ansatz der Schriftspracherwerb erfolgt, können die Schulen aber selbst entscheiden - die pädagogische Freiheit ist im Schulgesetz verankert, die Behörden sprechen nur eine Empfehlung aus.

"Lesen durch Schreiben" nur geduldet

"Die didaktische Methode des 'Lesens durch Schreiben' ist mit den geltenden Lehrplänen nicht zu vereinbaren", meint Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien: "Wir wissen aber, dass an einzelnen Schulen nach der Methode unterrichtet wird. Dies wird entgegen dem geltenden Lehrplan geduldet. Aber: Zum Schuljahr 2018/19 können die Schulen lediglich im Anfangsunterricht mit der Anlauttabelle arbeiten. Nach der reinen Methode 'Lesen durch Schreiben' darf nicht mehr unterrichtet werden."

Mecklenburg-Vorpommern ist das einzige norddeutsche Bundesland, das eine Statistik über die Lehrmethoden erstellt. Laut Bildungsministerium wird "Lesen durch Schreiben" dort fast gar nicht praktiziert, stattdessen vor allem: die analytisch-synthetische Methode - an 86 Prozent der Schulen. Auch Birte Wolkenhauer ergänzt - wie heute an vielen Grundschulen üblich - die Anlaut-Methode mit dieser zweiten Variante, bei der Wörter nach strukturellen Regeln und nicht nach Gehör gelernt werden.

Methoden-Mix der Königsweg?

Methoden kombinieren, immer individuell angepasst an die Schülergruppe, das hält die junge Pädagogin ohnehin für den besten Weg: "Man muss wirklich gucken: Was habe ich für eine Klasse? Was bringen die mit an Voraussetzungen, an Erfahrungen, an Vorstellung von Buchstaben und Lesen? Und dann muss man sich für eine Methode entscheiden. Und es kann auch immer mal wechseln."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 16.05.2018 | 09:20 Uhr