Stand: 02.09.2019 09:49 Uhr

Ihre Meinung: Wozu brauchen wir noch Klassiker?

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Wie wichtig sind Klassiker heute noch? Was meinen Sie?

Shakespeare in Theatern, Beethoven in Konzertsälen oder Lessing im Schulunterricht - brauchen wir noch Klassiker? Und wenn ja, wozu? Oder sollte man lieber grundsätzlich auf Zeitgenössisches und Modernes setzen?

Ihre Meinung

Was Sie dazu meinen, haben Sie uns geschrieben. Hier sind einige Ihrer Zuschriften:

  • A. Lautenbach aus Hannover

    Ja, wir brauchen Klassiker. Und zwar aus diesen beiden Gründen: Sie werfen Fragen auf, die aktuell sind und liefern Argumente, die wir auch heute noch gegeneinander abwägen. Im "Werther" beispielsweise die Debatte um psychische Krankheiten und Suizid. Klassiker verbinden diese recht explizite Debattenkultur mit einer ästhetischen Form im Rahmen einer Handlung. Diese Dichte liefern zeitgenössische Texte selten (müssen sie auch nicht). Dass wir Themen wälzen, die knapp 300 Jahre alt sind, hält uns vielleicht vor Augen, dass ein wenig Demut gelegentlich angebracht ist und wir so viel mehr über Geist und Menschsein nicht wissen als es früher der Fall gewesen ist, nur weil wir diese Fragen inzwischen in Smartphones tippen. Zum anderen schaffen Klassiker einen guten Zugang zum Zeitgeschehen: Weshalb nicht fächerübergreifend unterrichten und die Französische Revolution nicht nur als geschichtlichen Fakt, sondern als kultur- und kontinentprägendes Ereignis verstehen? Intime, kleine Perspektive lassen monumentale Geschehnisse weniger abstrakt erscheinen und ermöglichen einen leichteren Zugang zur geschichtlichen Theorie. Richtig besprochen, übersetzt und gelehrt sind und bleiben Klassiker so sinnvoll fantastisch.

  • T. von Koschitzky aus Kiel

    Ich komme aus einem bibliophilen Akademiker-Haushalt, aber das hat mich nicht daran gehindert zu Schulzeiten den ein oder anderen Klassiker, den ich vorgesetzt bekam zu hassen. Thomas Manns Schachtelsätze im "Tod in Venedig" etwa fand ich unverständlich und zum Gähnen langweilig. Aber es gab auch Klassiker wie etwa "Die Judenbuche", "Der Schimmelreiter", "Die Räuber" und "Faust", denen ich eine Menge abgewinnen konnte - und die ich freiwillig sicher nicht in die Hand genommen hätte. Diese Werke sind Klassiker geworden, weil sie zeitlos sind und uns immer noch etwas zu sagen haben. Manchmal muss man sich eben an der Sprachbarriere abarbeiten. In meinem Grundkurs Deutsch hatten wir 1997 eine Menge Spaß daran den "Faust I" in modernes Deutsch zu übersetzen und uns immer von Neuem mit der Frage "Was sagt der da eigentlich?" auseinander zu setzten. Das etwas anstrengend und nervend ist, bedeutet noch lange nicht, dass es nicht wert ist getan zu werden. Es mag diskutabel sein, welche Klassiker noch zeitgemäß und für welche Klassenstufe geeignet sind, aber sie komplett streichen zu wollen ist arrogant, absurd und den betroffenen Schülergenerationen gegenüber zutiefst unfair. Wir streichen ja auch nicht Analysis oder Wahrscheinlichkeitsrechnung vom Lehrplan für Mathematik und über die jammern mindestens so viele Schüler wie über Goethe oder Schiller.

  • H. Severin aus Wismar

    Klassiker sind m.E. unverzichtbar, doch wer bestimmt, was ein Klassiker ist? Während ich "Kabale und Liebe" als Zumutung empfinde, "Antigone" mich immer noch zutiefst beeindruckt, ich auch "Heeresbericht" als Antikriegsroman sehr schätze, gibt es andere, die "Herr Peter Squenz", "Effi Briest" oder gar "Die Buddenbrooks" vorziehen. Klassiker sind unsere Kultur. Sie sind Teil unserer Wurzeln, unserer Identität. Sie sind Bindeglieder zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Doch dreht sich die Welt weiter, und es gesellen sich neue Werke zu den Klassikern hinzu. Es gilt, eine Auswahl zu treffen, und diese müssen die Sprachlehrer an den Schulen vornehmen.  Ich habe mich als Schüler und Student auch durch Werke gequält, bin aber für die damit verbundene Horizonterweiterung immer noch dankbar. Und ich weiß wenigstens, warum ich Jane Austen, Andreas Gryphius und Thomas Mann zum Gähnen finde.

  • V. Timm aus Pinneberg

    Ich hätte nichts dagegen, wenn man das Fach Deutsch, u.a. das Durcharbeiten von Klassikern deutlich niedriger hängen würde. Wenn schon Literatur, dann bitte moderne, die sich mit heutigen Themen beschäftigt. Ich habe das altsprachliche Gymnasium besucht, also zwei (tote) Sprachen gelernt: Latein und Griechisch. Aber die Klassiker hätten mich in der Schule fast gekillt: In Deutsch war ich immer an der Kante des Abbruchs. Das hat mich aber nicht daran gehindert, aus dem sprachlichen Umfeld die Seiten zu wechseln und in ein technisches Studium zu gehen und darin auch noch zu promovieren. Dazu habe ich sicher nicht die Kenntnis der Klassiker benötigt. Besser und zielführender wäre für mich ein verstärkter Mathe-Unterricht gewesen. Dort, wo es früh erkennbar ist, sollte man die Fachwahl an die Erfordernisse stärker anpassen können. Mir war es in meiner Schulkariere nicht möglich, aus dem altsprachlichen Zweig umzusteigen in den Mathezweig. Heute, bei weitgehender Fachwahl sieht es sicher anders aus. Die Klassiker können sicher die ethischen Werte der Betroffenen verstärken, aber wenn das mit Widerwillen erzwungen wird, muss diese Wirkung nicht unbedingt eintreten. Es werden nur mehr Abbrecher erzeugt. Mein Votum: "Klassiker deutlich niedriger hängen. Es gibt wichtigere Dinge." (Deutschlehrer sehen das sicher anders...)

  • T. Richter aus Hamburg

    Ich verstehe die Frage nicht, die Klassiker sind die Grundlage unserer Kultur. Angefangen von Homer über Shakespeare, Goethe bis zu Böll oder Grass. Genau wie man Verdi, Mozart, Beethoven oder Wagner erkennen sollte, so muss man auch bestimmte Redewendungen zuzuordnen wissen. "Es ist etwas faul im Staate Dänemark" und "Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht". Wie will man denn geschichtliche Hintergründe verstehen, wenn man die entsprechende Literatur nicht kennt? Mir haben die Königsdramen von Shakespeare mehr gegeben als jeder Wikipedia Artikel es heute tun könnten. Werke von Homer, Dante, Defoe, Shakespeare, Puschkin, Goethe müssen Pflichtstoff sein. Die "Ilias" und "Odyssee", "Hamlet" oder "Faust" gehören in die Schule, da darf es gar keinen Zweifel geben.

  • I. Arp aus Oldenburg:

    "Klassiker" sind für mich vor allem aber auch die Resultate bestimmter geistiger Strömungen, in denen es in der Regel darum ging, durch eine bestimmte Bildung eine besondere Persönlichkeitsentwicklung zu erreichen. In der Romantik ging es besonders um die Ausbildung der Individualität zur Überwindung des Spießbürgerdaseins. Die Aufklärung wollte durch Ausbildung der Vernunft gegen Vorurteile und starre Gesellschaftsstrukturen angehen und den Einzelnen dazu befähigen, sich unabhängig von den gesellschaftlichen Autoritäten eine eigene Meinung zu bilden und sich gegebenenfalls auch von diesen loszusagen. Solche geistigen Strömungen fehlen heutzutage (meinungsbildend ist der Mainstream im Internet), und die Ausbildung der eigenen Individualität kommt meines Erachtens zu kurz. Bildung (die für alle da sein sollte) ist ein Schlüssel dazu. Mit der Lektüre von Klassikern steht dieses Gedankengut allen offen - dank der schönen gelben Reclam-Schullektüren für jeden Geldbeutel erschwinglich. Man sollte sich bemühen, die Schüler an die Werke dieser geistigen Strömungen heranzuführen - ob und wie sie diese dann weiter nutzen, liegt dann natürlich bei jedem selbst.

  • K. Schlumm aus Hamburg

    Was wäre denn eine gescheite Bildung ohne Kenntnisse von Goethe und Schiller, von Kleist und Büchner, von Mozart und Beethoven, von Grünewald und Dürer? Wer mag sich denn gebildet nennen, dem das Periodensystem der Elemente, der kategorische Imperativ oder die allgemeinen Gasgesetze rein gar nichts sagen? Hat derjenige etwa das Abitur verdient, der den "Faust" nicht kennt, der von den "Räubern" nichts gehört hat, der den "Zauberberg" für ein neues "Game" hält? Natürlich nicht! Selbstverständlich müssen sich die Schüler mit all dem beschäftigen, denn "sich bilden" heißt "etwas wissen wollen und den Horizont erweitern wollen". Anders formuliert: Bildung ist auch eine Frage von Selbstdisziplin und setzt Selbstzucht voraus. Ein gerüttet Maß an Bildung kommt nicht von selbst, das bedeutet Arbeit an sich selbst und wer das nicht begreift, wird zu keinerlei Weltverständnis gelangen. 

  • L. Schröder aus Norderstdt

    Meine Schulzeit endete 2000 und mir sind die vermeintlichen "Klassiker" der Literatur und der Musik glücklicherweise weitgehend erspart geblieben. Kam etwas dran, z.B. "Hamlet" oder Kafkas "Verwandlung", so war es Quälerei, weil die Lehrer entweder nicht verstanden, wo unsere Probleme lagen oder entsprechende Werk im Lehrplan behandeln mussten. Weil alles sehr zäh verlief und auch die Klassenbesten oft viel nicht verstanden, etwa die Sprache oder die Bedeutung von Aussagen, blieb dann keine Zeit mehr für Einordnungen, die es uns vielleicht erlaubt hätten, die Werke schätzen zu lernen. So lernten wir für die nächste Klausur, blieben aber sonst ratlos zurück. Mit dieser Vorgeschichte sage ich: Nein, Klassiker braucht es nicht unbedingt. Möchte man etwas über menschliches Handeln, den Umgang mit Problemen, usw. vermitteln, so gibt es genügend aktuellere Werke, aus denen man schöpfen kann und bei denen zumindest die Sprache kein Hemmnis darstellt. Außerdem wird dem Eindruck entgegengewirkt, dass Schule teils kaum einen Alltagsbezug hat, was auch in anderen Fächern vielleicht dazu beitragen kann, die Schüler zu motivieren.

  • B. Kofinas aus Hamburg

    Klar brauchen wir Klassiker!!! Aber Schüler können diese nicht alleine lesen. Dazu braucht es Fachlehrer (genau wie in der Informatik oder Physik oder Mathematik), die es verstehen, das zu Lesende den Schülern in einen verstehbaren Zusammenhang von Zeit und Raum zu stellen. Das können aber nur Lehrer, die selbst begeistert sind von dem, was sie lesen und so in der Lage sind, das Wesentlich-Menschliche, was in jedem "Klassiker" lebt, herauszuschälen. Die heutige Literatur verliert sich im Äußerlichen, wichtig aber ist das Innere, noch Unsichtbare, jenes was dem Schüler noch nicht klar ist, aber klar werden soll für sein späteres Leben. In den Klassikern lebt das ewig Gültige, die heutige Literatur erschöpft sich meist in Aufzählungen dessen, was wir schon erfahren haben, also kennen.

  • C. Oehmichen aus Celle

    Ich habe weder "Die Leiden des jungen Werther" noch "Homo Faber" gelesen, aber musste in der Schule dennoch mehr als genug klassische Werke lesen. Die wenigsten (nicht alle) haben mich kaum interessiert und wurden nur ergebnisorientiert gelesen. Die grobe Handlung und die wichtigsten Passagen zur Klausurvorbereitung haben meistens für eine 3-4 gereicht. Was mir rückblickend betrachtet vor allem gefehlt hat war Kontext. Im Musikunterricht wurde vor jedem Werk zuerst der historische und gesellschaftliche Hintergrund der jeweiligen Epoche geklärt, um die Motivation des Autors zu verstehen. Dadurch haben auch vermeintlich langweilige Stücke eine interessante Ebene bekommen. Im Deutschunterricht hat das komplett gefehlt. Das beste Beispiel ist "Effi Briest". Wenn der historische und gesellschaftliche Kontext nicht klar ist, fehlt ein elementarer Bestandteil zum Verstehen und Interpretieren. Stattdessen habe ich einen Roman über eine junge Frau und ihr Gefühlsleben in einer Welt, die ich nicht verstehe, gelesen. Es war aus meiner Sicht das überflüssigste Buch der gesamten Oberstufenzeit.

  • A. Dirx aus Gelsenkirchen

    Ich bin Mutter eines 17-jährigen Gymnasiasten. Mein Sohn quält sich mit Goethes "Faust" und Shakespeares "Hamlet" (auf Englisch). Und trotzdem: Klassische Literatur gehört meiner Meinung nach unbedingt in die Schulen.  Wann, wenn nicht in der Schule, werden sie noch von der Masse der Menschen gelesen? Ich selber habe die Klassiker in der Schule auch nicht gemocht, fasse aber erst jetzt, durch meinen Sohn, wieder solch anspruchsvolle Literatur an. Und heute weiß ich ihren Wert zu schätzen. Ich glaube nicht, dass man Schülern das Lesen verdirbt. Sie lesen entweder trotzdem weiter- vielleicht so wie ich vorwiegend nordische Krimis und Thriller - oder sie lesen keine Bücher. In beiden Fällen schadet es nicht, in der Schule deutsche Literatur kennengelernt zu haben. Sie gehört zur Grundbildung, natürlich je nach Schulform in der richtigen "Dosierung". Ich befürchte, wenn Klassiker nicht mehr gelesen werden, dann gehen sie unserem kulturellen Leben verloren, und das wäre ein echter Verlust.

  • E. Janssen aus Kiel

    Als Deutschlehrer an einer Gemeinschaftsschule arbeite ich schülerorientiert und bevorzuge bis zur 9. Klasse einschließlich Lektüre wie "Tschick", die die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler abbildet. Grundsätzlich bin ich froh, wenn Schüler*innen heutzutage überhaupt ein Buch zur Hand nehmen, lesen und sich idealerweise mit dem Inhalt beschäftigen. Klassiker verderben vielen Schülern*innen die Leselust und häufig tut sich durch die klassische Schreibweise eine Sprach- und Verständnisbarriere auf. Ab der 10. Klasse ist ein Klassiker allerdings ratsam - nicht nur als Vorbereitung für die gymnasiale Oberstufe, in der die Schüler*innen komplexere und schwierige Texte erwarten. dieses Textverständnis selbstverständlich bereits in der Sekundarstufe I trainiert werden. Hier bietet sich aus geographischer, regionaler Sicht z.B. "Der Schimmelreiter" an oder "Biedermann und die Brandstifter" als Fachübergriff zu geschichtlichen Inhalten der 10. Klasse. Ich warne aber davor, Schüler*innen generell zu unterschätzen bzw. das Lehr- und Lernniveau abzusenken, um auf vermeintliche gesellschaftliche Tendenzen einzugehen. Ein Abitur muss man sich erarbeiten und dazu gehört die Aneignung von Lese- und Schreibkompetenzen in der Schule. Wenn nicht dort, wo und wann dann?!

  • S. Lakner aus Göttingen

    Die Sprache ändert sich, die Technik und die Gesellschaft ändern sich, die Probleme der Menschen bleiben die gleichen. Ein junger Referendar kommt nach Wetzlar und verliebt sich unsterblich in die glücklich verheiratete Lotte. Diese Geschichte findet auch im 20. Jahrhundert statt, "Die Leiden des jungen Werther" sind zeitlos, von Goethe in eine damals moderne, heute für Jugendliche durchaus anspruchsvolle Sprache gekleidet. Wenn es im Unterricht gelingt dieses Werk z.B. mit einem anderen Jugendroman zu kontrastieren - gegen die Aufmerksamkeitsräuber Instagram und Co - dann hat Schule viel erreicht, nämlich Sprachkompetenz vermittelt, einen Roman der Weltliteratur gezeigt und vielleicht die Erkenntnis befördert, dass glücklich-unglückliche Liebe die Menschen schon immer bewegt hat und auch weiterhin bewegen wird und so packende Literatur hervor bringt, egal in welcher Sprache ein solcher Roman dann verfasst ist. Insofern: Definitiv ja, der Werther gehört in den Deutschunterricht!

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"Tschick" statt "Werther": Brauchen wir noch Klassiker?

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