Stand: 14.09.2018 13:21 Uhr

Ihre Meinung: Verrohen wir?

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Ist der Ton wirklich rauer als früher? Oder ist das nur ein subjektives Gefühl?

Viele Menschen in unserer Gesellschaft stellen sich die Frage, ob der Umgangston in unserer Gesellschaft rauer geworden ist als früher. Inwieweit gehören Beleidigungen, Bedrohungen oder Beschimpfungen eigentlich inzwischen zum Alltag? Wie rau darf der Umgangston in unserer heutigen Gesellschaft sein?

Was denken Sie?

Wir haben an dieser Stelle einige von uns ausgewählte Zuschriften veröffentlicht.

  • G. Löbens-Barz, Neumünster

    Ich empfinde es als erschreckend, wie Menschen miteinander umgehen. Ob es Autofahrer sind, die einen Spurwechsel nicht mehr anzeigen müssen oder im letzten Moment noch rausfahren, ohne Rücksicht auf ankommende Fahrzeuge. Fahrradfahrer auf Bürgersteigen, sodass auch Kleinstkinder noch nicht einmal mehr in Fußgängerzonen unbehelligt laufen können und Begleitpersonen auch hier ständig Obacht geben müssen. In der Dienstleistung sprechen z. B. Verkäufer mit Kollegen, während sie bedienen etc. Ein Blickkontakt ist nicht mehr üblich. Ruhezeiten wie Mittagspausen oder Abendruhe kennen einige anscheinend nicht mehr. Es wird nach Belieben der Rasen gemäht, gefeiert... Ich bin oft fassungslos. Nach meinem Empfinden sind es oftmals Menschen mittleren Alters, sodass ich mich frage, was hat meine Generation falsch gemacht, solch rücksichtslose Menschen heranzuziehen, die anscheinend keinen Anstand mehr kennen. Sie präsentieren ihre Nachkommen in einer anmaßenden Art und glauben, alle Mitbürger müssten die Kleinen herausragend ansehen. Ich habe selbst Kinder und Enkelkinder und würde mir wünschen, dass alle Betroffenen ehrlich und offen miteinander ins Gespräch treten würden, damit die Sicht aller bekannt und berücksichtigt werden könnte. Leider reagieren angesprochene Mitbürger eher beleidigt, verständnislos und wenden sich ab. Im Berufsleben ist es nicht besser. Ältere unterstützen eher die jüngere Generation als umgekehrt. Den Generationenvertrag gibt es nicht mehr. Ich fühle mich betrogen, weil nichts zurückkommt. Politiker, Schauspieler, allgemein Personen des öffentlichen Lebens verstehen ihre Vorbildfunktion nicht mehr. Natürlich ist dieses Verhalten nicht erst seit zwei Jahren zu beobachten, es wird immer mehr und es wird Zeit, gegenzusteuern. Bildung ist gefragt! Bildung und wieder Bildung! Hier gehören die Steuergelder investiert und nicht in Boni für schlecht geleistete Arbeiten. Ich wünsche uns allen ein angenehmeres Miteinander und Gespräche, die alle Bedürfnisse wertschätzen. Toll, dass Sie sich dieses Thema vornehmen! Danke dafür!

  • S. Delker, Bielefeld

    Aus meiner Sicht lässt sich in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren definitiv eine Verrohung beobachten, ja. Das zeigt sich vor allem an den alltäglich gewordenen körperlichen Übergriffen auf im Einsatz befindliche Rettungs-, Polizei- und Feuerwehrkräfte. Zudem gehören in den Notaufnahmen vieler Krankenhäuser Sicherheitsdienste mittlerweile zum Stamm-Personal, weil selbst dort Pflegekräfte und Ärzte bei dem Versuch, anderen Menschen zu helfen(!), immer öfter Opfer körperlicher Gewalt werden.

    Des Weiteren gibt es das - sich ob der technischen Möglichkeiten rasant ausbreitende - Phänomen der Gaffer, die erstens, völlig unbedarft Unfallorte und Rettungseinsätze überhaupt filmen und dann auch noch zweitens, oftmals uneinsichtig oder teilweise gar mit Widerstand reagieren, wenn sie darauf hingewiesen werden, dass sie die Rettungsmaßnahmen behindern oder eben einfach nicht zu filmen haben. Dabei handelt es sich hoffentlich noch um extreme Ausnahmen, deren Auftreten aber meinem Eindruck nach in letzter Zeit zugenommen hat.

    Aber auch in meinem persönlichen Umfeld hat sich die Sichtweise verfestigt, dass mangelnde Rücksichtnahme und fehlende Kritikfähigkeit mittlerweile zum "guten Ton" gehören. Wegen solcher Erfahren hat sich bei mir eine Art Vorsicht davor eingestellt, andere Menschen auf ihr rücksichtsloses Verhalten hinzuweisen, da ich es leider schon des Öfteren erlebt habe, dass dies eher zu einer Konfrontation (mangels Kritik- oder Empathiefähigkeit), als zu einer Entschuldigung führen kann.

  • C. Hamp, Celle

    ich kann diese Aussage nur bestätigen und erlebe das schon seit sehr langer Zeit. Menschen verhalten sich gereizt, genervt oder gar renitent im Straßenverkehr, in Arztpraxen, Kliniken, Apotheken oder bei Behörden, Banken und Ämtern. Allein bei Hinweisen, beispielsweise wenn man einen Verkehrsteilnehmer darauf hinweist, dass die Beleuchtung am Rad oder Auto defekt ist, erhält man eine patzige oder sehr böse Antwort oder Geste anstelle eines: "Oh danke!" Und Anworten wie:“Pass bloß auf, sonst bekommst du eins aufs Maul!“ sind nicht selten - unabhängig von Aussehen und Herkunft!

    Ich habe erfahren, dass es eine gesteigerte Erwartungshaltung auch bei Patienten gibt. Läuft nicht alles so ab, wie es Ihrer Vorstellung entspricht,  sind dumme Sprüche, Beschimpfungen oder auch Anmache an der Tagesordnung. Sind diese Personen/Patienten bereits in anderen Häusern abgewiesen worden aus genannten oder anderen Gründen, weiß man schon, was man zu erwarten hat. Daher wird in "größeren Häusern" verständlicherweise oft schon Sicherheitspersonal eingesetzt.

  • K. Weickert, Sommerach

    Wenn man danach geht was man liest, dann kann man ganz klar sagen, dass sich die Sprache verroht. Jedoch bin ich fest der Überzeugung, dass die Mehrheit der Gesellschaft anders tickt! Ich bin Mitte 30 und wohne in einem kleinen idyllischen Ort. Ich weiß nicht ob es an der kleinen Struktur liegt in der ich lebe, aber in meiner "Generation" meinem Umfeld ist ein klarer Wandel da! Wir gemeinsam müssen verändern und zwar schnell! Ob es um rechte Propaganda geht, um Umwelt oder Politik! Das Wir und als erstes das Ich muss sich bewegen.

  • M. Hagel, Hamburg

    Ich glaube nicht, dass die Gesellschaft von 2018 verrohter ist als die von 1918, im Gegenteil. Damals war die Prügelstrafe usus und alle hielten das für normal. Das ist für mich Ausdruck außerordentlicher Rohheit, die sich in der Schule, beim Militär, und im ehelichen Züchtigungsrecht teils grausam fortsetzte. Auf dem Gebiet ist eine Menge passiert. Das Bundeskinderschutzgesetz wurde zwar spät (Dez. 2011), aber immerhin ohne Gegenstimme beschlossen. Was zurzeit passiert ist die Folge einer langen Entwicklung, in deren Verlauf nicht nur dem rohen Ton, sondern damit auch dem rohen Geist immer mehr und größere Bühnen geboten wurden. Erst Boulevard, dann Trash- TV, jetzt soziale Medien. Da haben wir den Salat und können nur feststellen, dass man früher hätte eingreifen müssen. Ich glaube nicht, dass man da den Deckel wieder draufkriegt. Das endet höchstwahrscheinlich im Rechtsruck. Hätte mal einer auf den alten Wallraff hören sollen.

  • J. Reimers, Glinde

    In jeder Generation gab es eine Verrohung der Gesellschaft. Insofern nichts Neues. Aber heute ist die Verrohung hoffähig geworden. Man denke nur an die sog. Talkshows bei den Privaten, da wurde geschrienen, gepöbelt, gehauen zur Belustigung der Zuschauer. Überhaupt Fernsehen: Nur um der Quote willen gibt es immer mehr sog. Thriller wo das nur so sprudelt. Kinder und Heranwachsende werden vom Fernseher verbannt, dürfen aber auf Spielekonsolen die schlimmsten Ballerspiele spielen. Ja, und dann noch die Sozialen Medien, wo man anonym die schlimmsten Sachen von sich geben kann, ohne belangt zu werden. Selbst der Umgang der Politiker in Deutschland, in Europa und in der Welt (z.B. Trump) untereinander ist ein Beispiel der Verrohung unserer Gesellschaft. Eine Verrohung werden wir wahrscheinlich nie vermeiden können, aber wenn wir uns alle mal wieder menschlicher benehmen würden, miteinander mehr sprechen würden und uns nicht durch Smartphones, Spielekonsolen und Fernseher fremdbestimmen lassen können wir sie zumindest eindämmen.

  • O. Hein-Behrens, Hamburg

    Verrohen wir? Hoffentlich nicht! Werden wir rücksichtsloser in schriftlichen oder mündlichen Diskussionen? Leider ja! Neben politischen (Politikverdrossenheit, GroKo,  AfD, „Fehler“ der Politik), sozialen (Zunahme der sozial Schwachen, Zunahme der schwach Ausgebildeten) und sonstigen individuellen Gründen sind dafür meiner Meinung nach vor allem medienkulturelle Gründe dafür verantwortlich: Unser aktuelles Internet und hier besonders der Social Media Bereich existiert - anders als in den Anfangszeiten dieses Mediums - fast gänzlich ohne eine Netiquette, ohne sinnvolle "Benimmregeln". In Usenets und Online-Foren, einer Art Social Media Vorläufer bis zur Etablierung des World Wide Webs und Social Media, gab es stets Moderatoren/Administratoren, die freundlich die Einhaltung von Netiquette-Regeln zur Voraussetzung für die Teilnahme an der Diskussion machten. Das sicherte nicht zuletzt auch eine hohe inhaltliche Qualität der Beiträge. Wenn einer sich nicht daran hielt, wurde er in der Regel nach einer Verwarnung als Wiederholungstäter aus der Usenet-Gruppe ausgeschlossen. Trolle und Beleidigungsfans hatten so keine Chance, außer sie gründeten ihre eigenen Foren.

  • I. Martensen, Braunschweig

    Ich denke schon, dass eine allgemeine Verrohung der Gesellschaft zu beobachten ist, was natürlich eine Vielzahl von Ursachen hat. Ganz sicher ist eine davon, dass sich viele Menschen in sozialen Netzwerken in der vermeintlichen Anonymität des weltweiten Netzes Dinge zu schreiben trauen, die sie sich sonst nicht zu sagen wagten. Meiner Meinung nach können dann oftmals viele Menschen zwischen virtueller und realer Welt nicht mehr unterscheiden und übernehmen ihr flegelhaftes Online-Verhalten in den realen Alltag.

    Allgemein beobachte ich auch, dass immer mehr Egoismus in den Alltag Einzug gehalten hat, jeder hat nur noch sich, seinen Vorteil und sein vermeintliches Recht im Auge, die anderen Mitmenschen werden nur noch als Konkurrenten wahrgenommen.  Die Leute kreisen nur noch um sich und ihr permanent in Gebrauch befindliches mobiles Endgerät, ein Miteinander findet kaum noch statt.

    Zum Schluss möchte ich noch anmerken, dass die Politik schon immer ein schlechtes Beispiel beim Thema "respektvolles Miteinander" abgegeben hat. Konstruktive Diskussionen und den Willen, ebensolche Lösungen über die Parteigrenzen hinaus zu finden, sucht man dort leider meist vergeblich. Mir scheint es vielmehr so, dass es einzig und allein nur darum geht, den politischen Gegner zu diffamieren und bloßzustellen, um sich für irgendwelche anstehenden Wahlen wieder in Position zu bringen.

  • C. Messner, Hamburg

    Ich glaube, dass es einen Zusammenhang zwischen der durch die von Rot-Grün eingeleiteten Liberalisierungen von Arbeitsmarkt, Finanzwelt, Rentensystem und dem Verrohen der Gesellschaft gibt. Es ist eine Verunsicherung entstanden, die dazu führt, dass jeder nur an sich und sein Fortkommen denkt. Jeder, der im Weg steht, wird übergangen, übersehen. Dieses Verhalten ist allgegenwärtig, auf der Straße und im Arbeitsleben und natürlich in den Sozialen Medien noch einmal besonders manifest. Diesen kann man sich entziehen, in dem man sich dort nicht aufhält. Wenn man aber von einer Autofahrerin angepöbelt und aus Übelste beschimpft wird, weil man auf der Straße und nicht auf dem maroden Fahrradweg fährt, dann hat man das Gefühl, dass alle Grenzen gefallen sind.

  • M. Pahlke, Braunschweig

    Selbstverständlich ist die Gesellschaft mittlerweile verroht. Hauptgrund dafür ist Social Media. Hier darf ohne Kontrollfunktion, gehetzt, beleidigt und gemobbt werden. Jeder Asoziale kann hier sein perverses Gedankengut mitteilen.Das was früher im Schrebergarten in kleiner Runde erzählt wurde, wird heutzutage einer breiten Öffenlichkeit, möglichst noch anonym, mitgeteilt! Zusätzlich ist über die letzten Jahre der Bildungsmangel ganz offensichtlich. Hier wurde zuviel kaputt gespart!

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 10.09.2018 | 06:55 Uhr

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