Stand: 27.08.2019 16:38 Uhr  - NDR Info

Klassiker in der Schule: Geht da noch was?

von Thomas Samboll

Goethe, Schiller, Lessing - das sind einige der Klassiker, die seit Generationen immer wieder gelesen werden und ihren festen Platz in der deutschen Literatur haben. Sprache und Inhalte wirken heutzutage aber oft veraltet,manchmal nur schwer verständlich, schwer zugänglich. Moderne Romane wie zum Beispiel "Tschick" von Wolfgang Herrndorf wirken da wesentlich zeitgemäßer, gerade für Jugendliche. Welche Rolle spielen also klassische Werke heute noch in der Schule? Hat "Tschick" dem "jungen Werther" vielleicht längst den Rang abgelaufen?

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Kulturjournal

Was bringen uns Goethe und Schiller noch?

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Literaturklassiker bewahren oder die Schüler in die moderne Literaturwelt führen? Was bringen uns Goethe, Schiller und Co. heute eigentlich noch? Video (05:31 min)

Das Gymnasium Lütjenburg im Osten Schleswig-Holsteins: Schon die Pausenglocke klingt irgendwie klassisch. Fontane, Lessing, Goethe und Co. sind hier jedenfalls immer noch Dauerbrenner, so Deutschlehrer Malte Puck. So will es schließlich auch der Lehrplan. "Der Lehrplan sieht vor, dass sogenannte Klassiker sogar bereits in der Mittelstufe, in der achten Klasse eingebracht werden sollen. In der Oberstufe ist 'ältere Lektüre' dann selbstverständlich - manchmal gibt es sogar Vorgaben: Schillers 'Maria Stuart' haben wir als feste Lektüre - sequenzweise oder auch als Ganzes", erklärt Puck weiter.

Klassiker auch in Hamburg noch fest im Plan

Auch am Hamburger Goethe-Gymnasium stehen die Klassiker noch hoch im Kurs. Auch weil es der Lehrplan so vorsieht, bestätigt Schulleiter Frank Scherler: "Der 11. Jahrgang beschäftigt sich mit 'Faust I', der 12. Jahrgang hat zurzeit Fontane und Lessing."

Und das jeweils im Wechsel mit moderner Literatur. Also nicht etwa "Faust" statt "Tschick", sondern "Faust" und "Tschick". Das ergebe Sinn, meint Malte Puck vom Gymnasium Lütjenburg. "Weil es eine Horizont-Erweiterung bietet", sagt er. "Es zeigt, wie Sprache sich entwickelt hat und wie man mit Sprache arbeiten kann. Gerade wenn es beispielsweise wie in aufklärerischen Zeiten dazu benutzt wird, um gegen Autoritäten zu mobilisieren oder sich auszusprechen, ohne die Dinge klar benennen zu dürfen."

Sprache macht vielen Schülern zu schaffen

Klassiker können also auf ihre Weise hochmodern sein. Wäre da nicht die altmodische Sprache, die vielen Schülern Kopfzerbrechen bereitet. Lea aus der Oberstufe des Hamburger Goethe-Gymnasiums kennt das von "Emilia Galotti". "Bei mir war es so, dass ich mich an die Sprache gewöhnen musste", sagt sie. "Ich kenne aber Leute aus unserem Jahrgang, für die war diese Sprache ein Grund, den Stift fallen zu lassen und aufzugeben."

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Die Worte zu fremd, die Lebenswelten zu fern - das macht die Klassiker häufig nicht unbedingt zum Unterrichts-Hit. Das bestätigt auch Oberstufen-Schülerin Paula: "Ich habe das Gefühl, die meisten haben nicht die Motivation, dieses Werk wirklich zu verstehen, sondern sie brauchen es, weil es relevant fürs Abitur oder für die Note ist."

Alkohol, Frauengeschichten - auch Goethe kannte das

Die Klassiker als notwendiges Übel - das muss nicht sein, betont Schulleiter Frank Scherler. Über Goethe zum Beispiel gibt es ja so einiges zu erzählen, was den Dichterfürsten für die Schüler ziemlich interessant machen könnte. "Goethe ist in einer bestimmten Zeit seines Lebens um die Häuser gezogen, hat getrunken und hatte Frauengeschichten", sagt er. "Da sagen die Schüler dann: 'Na okay, ist ja doch nur ein Typ!' Goethe wird dann auf einmal nahbar, und ich glaube, das ist ein ganz entscheidender Zugang."

Zugang zu Klassikern dank Internet-Plattformen

Es gibt aber auch noch andere Wege, auf denen sich Schüler heutzutage Zugang zu den Klassikern verschaffen. Und dabei spielt das Internet eine große Rolle, verrät Lea: "Es gibt zum Beispiel auf YouTube Videos, in denen mit Playmobil-Figuren der Inhalt bestimmter Bücher nachspielt wird. Ich habe schon häufig gehört, dass das vielen Leuten geholfen hat."

Klassiker spielen in der Schule also immer noch eine große Rolle. Die Begeisterung der Schüler dafür hält sich jedoch in Grenzen. Aber auch das ist ja schon klassisch. Das Goethe-Gymnasium in Hamburg geht deshalb neue Wege - und führt zum Schul-Jubiläum im September Goethes "Faust" als flotte Revue auf!

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 28.08.2019 | 06:55 Uhr