Corona: Bislang kein Geld für Solo-Selbstständige in MV

Stand: 05.11.2020 18:53 Uhr

Von der versprochenen Unterstützung für die Solo-Selbstständigen kommt in der Kulturbranche in Mecklenburg-Vorpommern bislang nichts an. In Schwerin gibt es weder Ansprechpartner noch Formulare für Betroffene.

von Lenore Lötsch

Am Mittwoch hatte Kulturstaatsministerin Monika Grütters für Solo-Selbstständige aus der Kulturszene Hilfen von jeweils bis zu 5.000 Euro angekündigt. Doch wo diese finanziellen Hilfen in Mecklenburg-Vorpommern beantragt werden können, kann bislang niemand sagen. Der Frust ist groß bei den Künstlern im Land. Denn schnelle und unbürokratische Hilfe wurde in den vergangenen Monaten schon häufig angekündigt.

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Statt der Premiere nur die Generalprobe

Auch bei der Compagnie de Comédie in Rostock sind die Sorgen groß. "Hänsel und Gretel" sollte viele große und kleine Gäste ins Theater locken. Ausgerechnet das Märchen von den Kindern, die im Wald ausgesetzt werden. Statt der Premiere, statt 80 hibbeliger Kindergarten - und Schulkindern, gab es am Donnerstagvormittag nur die Generalprobe und ein mulmiges Gefühl. "Wir setzen uns die ganze Zeit mit Armut auseinander und mit den Konsequenzen von Armut. Und das doppelt sich natürlich völlig mit unserer Situation - außer, dass wir unsere Kinder nicht im Wald aussetzen", erzählt die Regisseurin Sonja Hilberger.

Ohne Vorstellung kein Geld für Schauspieler

Die Brotlosigkeit der Solo-Selbstständigen in der Kulturbranche dauert seit Monaten an. Der Rostockerin Hilberger sind zwei Produktionen in diesem Jahr weggebrochen. Und dass sie das Weihnachtsmärchen bis zu Ende proben kann und das vereinbarte Honorar bekommt, ist ein Glücksfall. Die Leiterin der Compagnie de Comédie, Martina Witte, die bisher keinen Angestellten in Kurzarbeit geschickt hat, macht sich um die Schauspieler Sorgen. Die wurden für das Weihnachtsmärchen verpflichtet und haben dreimonatige Verträge. "Die Kollegen im Abend-Spielplan haben ein Problem. Es fallen ja auch viele Abend-Vorstellungen weg. Und wenn keine Vorstellung stattfindet, dann bekommen sie auch nicht ihr Geld. Und das ist das Furchtbare an dieser ganzen Situation", so Martina Witte weiter.

"Das Messer in der Tasche"

Die vor einer Woche versprochenen, schnellen und unbürokratischen Hilfen treffen auf Künstlerinnen und Künstler, denen einmal zu häufig erzählt wurde, auch für sie würde jetzt ein Lebkuchenhaus errichtet werden, beschreibt Sonja Hilberger die aktuelle Lage.

"Wenn ich 'schnell und unbürokratisch' höre, geht mir das Messer in der Tasche auf. Und ich werde sehr, sehr wütend und aggressiv, weil schnell und unbürokratisch alle, die ich kenne - Freie und Selbstständige - gar nichts bekommen haben. Nichts!"

Weder Ansprechpartner, noch Formulare vorhanden

Kulturstaatsministerin Grütters hatte von Hilfen gesprochen, die ganz unmittelbar, unbürokratisch und einfach beantragt werden können. Im Schweriner Kultusministerium weiß man davon bis heute noch nichts. Aus der Pressestelle heißt es: "Antragsformulare für die Corona-Hilfen des Bundes liegen noch nicht vor. Auch die Förderbedingungen sind noch nicht endgültig geklärt. Ansprechpartner stehen aus diesem Grunde ebenfalls noch nicht fest."

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Hoffnung auf Ersatz-Termine im Dezember

40 Veranstaltungen sind der freien Bühne in Rostock im November weggebrochen, davon 23 Vorstellungen für Kinder. Noch hofft man bei der Compagnie de Comédie auf eine Premiere des Weihnachtsmärchens im Dezember. Und auch im Januar will man hier nun "Hänsel und Gretel" spielen. Aber Martina Witte muss die Optimistin in sich mittlerweile ziemlich suchen. "Was nun mittlerweile an die Substanz geht, an meine und die der Kollegen: Geht es tatsächlich im Dezember weiter? Das ist ja die große Frage, die man sich stellen muss. Es gibt jetzt ganz, ganz viele Ersatz-Termine im Januar. Und das finde ich natürlich total toll, aber das setzt voraus, dass wir überhaupt anfangen können, am 1. Dezember wieder zu spielen."

Bundesregierung konkretisiert Hilfsangebot

Am Donnerstagabend, also ein paar Tage nach Beginn der harten Maßnahmen, hat die Bundesregierung schließlich verkündet, wie genau die versprochenen Hilfen konkret aussehen sollen. Demnach können Solo-Selbstständige wie Künstler als Vergleich auch den durchschnittlichen Umsatz im Jahr 2019 zugrunde legen. Die Anträge sollen in den nächsten Wochen über die bundeseinheitliche IT-Plattform der Überbrückungshilfe gestellt werden. Diese muss noch entsprechend geändert werden. Wie bei den Überbrückungshilfen sollen die Anträge von einem Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer gestellt werden - so soll Missbrauch vorgebeugt werden. Die Auszahlung selbst erfolgt durch die Länder. Eine Ausnahme gibt es für Solo-Selbstständige, die nicht mehr als 5.000 Euro Förderung beantragen. Sie sollen die Anträge direkt stellen können.

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NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 05.11.2020 | 19:00 Uhr

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