Stand: 07.09.2020 06:00 Uhr

"Cancel Culture" in Hannover: Der Fall Jon Rafman

von Agnes Bührig

Nachdem mehrere Frauen dem kanadischen Künstler Jon Rafman auf Instagram Machtmissbrauch und emotionalen Missbrauch vorgeworfen haben, sind mehrere Ausstellungen des Künstlers von Museen und Galerien abgesagt worden. Auch die Rafman-Ausstellung im Kunstverein Hannover ist voerst auf Eis gelegt. Ist Rafman ein Opfer der "Cancel Culture"?

Der Künstler Jon Rafman. © picture alliance Foto: Andreas Gebert
Ist der kanadische Künstler John Rafman ein Opfer der sogenannten "Cancel Culture"?

Kathleen Rahn erlebte nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den Künstler Jon Rafman ein großes Medienecho. Die Direktorin des Kunstvereins Hannover entschied gemeinsam mit dem Künstler, die Ausstellung zu verschieben. In Zeiten viraler Verbreitung von Nachrichten durch die Sozialen Medien habe sie sich erst einmal in Ruhe mit der Stichhaltigkeit der Vorwürfe auseinandersetzen wollen, sagt Kathleen Rahan. "Es zeigt, dass es einen großen Diskurs-Bedarf gibt über die Frage, die in Amerika schon wesentlich verbreiteter ist mit diesen ganzen Schlagwörtern 'Cancel Culture', 'Victim Blaming' und anderen Begriffen, die so mit im Raum schweben. Ich maße mir nicht an, das genauer zu definieren, weil ich glaube, dass wir nocht nicht in der Phase sind, in der wir definieren können", sagt sie.

Dürfen allein Vorwürfe zur Absage einer Ausstellung führen?

"Cancel Culture" meint im angelsächsischen Raum unter anderem das Boykottieren einer Person, der beleidigende Aussagen vorgeworfen werden. Doch wann darf ein solcher Vorwurf zur Absage einer Ausstellung führen? Für Reinhard Spieler, der als Direktor des Sprengel Museums in Hannover ein Kunstmuseum leitet, das zum größten Teil aus staatlichen Mitteln finanziert wird, gibt das Gesetz hier einen deutlichen Rahmen vor. "Wenn eine Gesetzesübertretung stattgefunden hat, dann müsste es auch eine Anzeige geben", sagt er. "Dann sieht die Sache anders aus. Aber wenn, wie im Fall Rafman, klar von den betroffenen Frauen geäußert wurde, dass es konsensual - also einvernehmlich - war und keinerlei Abhängigkeiten zu erkennen sind, dann - finde ich - gehört das in den privaten Bereich."

Welche Rolle spielt das Privatleben eines Künstlers?

Welche Rolle sollte also das Privatleben eines Künstlers bei der Beurteilung seines Werkes spielen? Denn nicht zuletzt sind es immer wieder auch exzessive Erfahrungen im Privaten, die Künstlerinnen und Künstler zu herausragenden Werken anregen. Für Lea Altner, die für den Kunstverein kestnergesellschaft in Hannover als Kuratorin arbeitet, zeigt sich in Fällen wie der vertagten Ausstellung von Jon Rafman auch ein strukturelles Dilemma: "Nämlich, dass es auf auf der einen Seite Frauen gibt, die die Sozialen Medien nutzen, um sich in einer nach wie vor männerdominierten Kunstwelt eine Stimme zu verschaffen. Auf der anderen Seite steht ein Künstler, der zwar eine große Öffentlichkeit hat, der aber, ob nun schuldig oder nicht, überhaupt nicht angemessen reagieren kann, weil sich diese Vorwürfe einfach in einer rasenden Geschwindigkeit völlig verselbständigt haben."

Austausch von Meinungen wäre wichtig

Daher sei es wichtig, die Strukturen aufzuzeigen, die unter dieser Art von Dynamik liegen, sagt Lea Altner. Mit Kunstausstellungen, die das Geschlechterverhältnis thematisieren, etwa und mit einem Debattierclub für das junge Publikum. Den hat die kestnergesellschaft jüngst ins Leben gerufen, um Jugendlichen die Lust am Austauschen von Meinungen zu vermitteln. Kathleen Rahn vom Kunstverein Hannover denkt zur Debatte um Jon Rafman in einer ähnlichen Richtung. "Es wäre auch jetzt toll zu sagen: Wir machen in einem Monat eine Podiumsdiskussion dazu. Das, was wir mit unserem Kunstsalon hier im Kunstverein seit vielen Jahren praktizieren: dass wir Diskurse mit teilweise bis zu 200 Gästen machen, je nachdem, was das Thema ist", sagt sie, "das können wir jetzt alles nicht machen. Außerdem brauchen wir auch ein bisschen Zeit, das zu reflektieren, zu analysieren und uns auch mit den Diskursen konzentriert zu beschäftigen."

Denn von der künstlerischen Positionen Jon Rafman ist Kathleen Rahn weiterhin überzeugt, ihre Art zu kuratieren werde sie nicht verändern. Und auch Reinhard Spieler hält es für wichtig, sich als Vertreter einer Kunstinstitution vor seine Künstlerinnen und Künstler zu stellen, solange aus Vorwürfen keine stichhaltigen Anklagen im juristischen Sinne werden. Zu hoffen bleibt also, dass sich der Raum bald wieder öffnet, diese Fragen auch öffentlich und mit den Beteiligten persönlich zu diskutieren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 07.09.2020 | 19:00 Uhr

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