Jazz – Round Midnight

Manifest der Wut: Archie Shepps "Attica Blues" wird 50

Montag, 24. Januar 2022, 23:30 bis 00:00 Uhr

Am Mikrofon: Ralf Dorschel

Der Saxofonist Archie Shepp spricht auf der Bühne ins Mikrofon und blickt ins Publikum. © Picture Alliance / POP-EYE Foto: POP-EYE/HEINRICH
Jazzsaxofonist Archie Shepp bei einem Konzert 2014 im Haus der Berliner Festspiele.

Die Bilder waren brutal und schockierend: US-Truppen schlugen am 13. September 1971 eine Rebellion im New Yorker Attica-Gefängnis nieder - es gab 43 Tote, davon 33 Häftlinge. Alle getöteten Häftlinge waren schwarz - nahezu alle Insassen dieser Knast-Hölle waren schwarz. Wenige Wochen später war der Saxofonist Archie Shepp im Studio und nahm seinen "Attica Blues" auf - gewidmet dem "Brother" George Jackson, dessen Ermordung durch Gefängniswärter den Aufstand überhaupt erst ausgelöst hatte. Ein "Meisterwerk des Protestes" nannte der Rolling Stone damals die Aufnahme des Saxofonisten. In Spoken-Word-Passagen des Albums ließ Shepp auch den Bürgerrechtler William Kunstler zu Wort kommen, der als Anwalt angeklagte Häftlinge vertrat. Dies war mehr als nur Musik, es war ein Manifest der Wut und des Widerstandes. Dies war Musik, die gehört werden sollte.

Archie Shepp: "Sie hörten mir nicht länger zu."

Weshalb es galt, die bittere Pille neu zu verpacken. Archie Shepp hatte einen Ruf zu verlieren - den des Neutöners, des wilden jungen Mannes. Als das "New Thing" in den 1960ern im Jazz Einzug hielt, war der Saxofonist mittendrin: Er spielte mit Cecil Taylor, Don Cherry und John Coltrane, gemeinsam ließ man Form und Struktur weit hinter sich, lotete Grenzen aus und überschritt sie lustvoll. Das Ergebnis war bahnbrechend und radikal - doch Shepp wusste auch: Diese Musik begeisterte Intellektuelle, riss eine gebildete weiße Mittelschicht aus der Bahn.

Von Freunden und Familie kam Unverständnis: "Ich spürte, dass meine Musik keine Relevanz mehr hatte für die Menschen, die ich erreichen wollte – für schwarze Menschen. Sie hörten mir nicht länger zu." Doch genau denen war der "Attica Blues" ja zugedacht, weshalb der Saxofonist sich bei den Sessions auf seine Blues-Wurzeln besann, aber auch in meisterhaften Arrangements die Funk-Turbulenzen eines Sly Stone und den monumentalen Soul von Isaac Hayes verarbeitete. Das Ergebnis war ein Mix aus Balladen und einer Bigband-Ästhetik, der in sich wieder radikal war, aber nun nicht länger verstören sollte.

Wie kann Widerstand aussehen, wie muss er klingen? Immer wieder ist Archie Shepp zu diesem Album zurückgekehrt, hat es neu inszeniert und neu aufgenommen, zuletzt 2013 mit jungen Jazz-Kräften wie Ambrose Akinmusire und Cecile McLoren Salvant. Der "Attica Blues" sei das umfassendste Kompendium seines Schaffens und seiner Ziele, sagte Archie Shepp später. Jetzt wird Shepps Klassiker 50 Jahre alt.

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