Szene aus der Opernfassung "Dead Man Walking" in Braunschweig © Thomas M. Jauk Foto: Thomas M. Jauk

"Dead Man Walking": Gelungene Opernfassung in Braunschweig

Stand: 22.01.2022 10:03 Uhr

Die Opernfassung von "Dead man Walking" steht seit mehr als 20 Jahren auf den Spielplänen. Nun feiert die Oper erstmals am Staatstheater Braunschweig Premiere.

Szene aus der Opernfassung "Dead Man Walking" in Braunschweig © Thomas M. Jauk Foto: Thomas M. Jauk
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von Janek Wiechers

Die Operninszenierung von "Dead man Walking" am Staatstheater Braunschweig lässt keine Chance langsam und behutsam in das schwere Thema Todesstrafe hineinzukommen. Schon die erste Szene ist wie ein Faustschlag in die Magengrube. Die Oper beginnt mit drastischen Bildern: dem Mord an einem jungen Liebespaar. Es hat sich an einen einsam gelegenen See im Wald zurückgezogen. Aus der Dunkelheit schleichen sich die Brüder Joseph und Anthony de Rocher an. Sie erschießen den Jungen, vergewaltigen und erstechen das Mädchen.

Fußend auf echten Fällen aus den 1980er Jahren bildet die brutale Tötung die Folie für die weitere Geschichte der Oper "Dead Man Walking", erklärt Sarah Grahneis, Dramaturgin am Staatstheater Braunschweig: "Das Hauptthema ist die Todesstrafe. Das sind eigentlich die Geschichten von Elmo Patrick Sonnier und Robert Lee Willie. Beide sind wegen Vergewaltigung und Mord zum Tode verurteilt worden und auch mit dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Hier bei uns ist es eine tödliche Injektion."

"Dead Man Walking" basiert auf wahren Begebenheiten

Elmo Patrick Sonnier, der echte Mörder - in der Oper wird er Joseph de Rocher genannt - wartet als verurteilter Mörder in einem Gefängnis im Süden der USA auf seine Hinrichtung. Aus dem Todestrakt unterhält er eine Brieffreundschaft mit der katholischen Nonne Helen Prejean, die ihn später auch persönlich betreut und bis zur Hinrichtung begleitet. Es entspinnt sich ein fesselnder Dialog um Schuld und Vergebung, um Verantwortung und Menschlichkeit.

Die echte Sister Helen Prejean gilt als eine der wichtigsten Aktivistinnen gegen die Todesstrafe in den USA. Ihre Erfahrung als Seelsorgerin hat sie in ihrem Buch "Dead Man Walking" eindrücklich beschrieben. Das Libretto der Opernfassung von Terrence McNally basiert auf ihren Erinnerungen.

Opernfassung beleuchtet alle betroffenen Seiten der Todesstrafe

Szene aus der Opernfassung "Dead Man Walking" in Braunschweig © Thomas M. Jauk Foto: Thomas M. Jauk
Isabel Stüber Malagamba als Sister Helen Prejean in einer Szene von "Dead Man Walking" in Braunschweig

Die Stärke der Bühnenfassung liegt darin, dass sie alle von der Todesstrafe betroffenen Seiten einbezieht, sagt Dramaturgin Sarah Grahneis: "Die Oper bewertet das Thema nicht plakativ. Und ich habe auch das Gefühl, dass die Oper einem nicht vorschreiben will, wie man zu fühlen hat. Die Oper gibt auch Opfern eine große Stimme - beide Parteien fühlen ganz großen Schmerz und ganz großes Leid. Die Eltern der ermordeten Kinder, gleichzeitig ist da die Mutter des zum Tode verurteilten. All diese Persönlichkeiten kommen zusammen und all diese bekommen in der Oper eine Stimme - das wird natürlich sehr eindringlich erzählt."

Die Musik zur Oper hat Jake Heggie komponiert. Neben großen Chorpassagen und arienähnlichen Stücken sind auch popmusikalische Einflüsse zu hören. Diese manchmal leichtfüßigeren Passagen stellen für Regisseurin Florentine Klepper keinen Widerspruch zum gewichtigen Thema Todesstrafe dar: "Die Chance liegt absolut darin, eine Thematik, die wirklich sehr nahe geht, in zugänglichere Musik zu packen. Also – es gibt die atonalen Stellen, es gibt aber auch sehr jazzige Passagen, es gibt Blues, es gibt Rock. Ich denke es macht durchaus Sinn eine Reibung zu schaffen, zwischen tatsächlich sehr anspruchsvoller und sehr schwieriger Thematik und Musik, die uns einlädt."

Inszenierung von Florentine Klepper gibt der Oper Tiefe

Das reduzierte Bühnenbild soll die klaustrophobische Stimmung im Todestrakt in Szene setzen. Regisseurin Klepper arbeitet mit sparsamen Bauten, dezent eingesetzten Videoprojektionen und einer zurückhaltenden Beleuchtung. Diese oft angedeutete, manchmal abstrakte Form der Inszenierung gibt der Oper umso mehr Tiefe, ist Klepper überzeugt: "Für uns war eigentlich mit der wichtigste Punkt, dass wir keine oberflächliche Schaulust bedienen, sondern, dass wir eigentlich die Frage gestellt haben, welche Mechanismen greifen im Gefängnis. Aber nicht im puren Realismus, sondern, was macht die Begrenzung physisch und auch psychisch?"

"Dead man Walking“ gehört seit der Uraufführung im Jahre 2000 in San Francisco zu einer der meist gespielten neueren Opern weltweit. Und kann somit als eine Art moderner Klassiker bezeichnet werden. Dass sie trotz, oder gerade wegen des Themas Todesstrafe gut funktioniert, das verwundert Dramaturgin Sarah Grahneis nicht: "Gerade, wenn man ein sehr häufiger Opernbesucher ist, ist man hart gesotten. Weil einem fast in jeder Oper in irgendeiner Form Mord und Totschlag begegnet."

 

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Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Staatstheater Braunschweig
Am Theater
38100 Braunschweig
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 22.01.2022 | 06:40 Uhr

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Klassik

Theater