Roland Schimmelpfennig im Porträt © dpa-Zentralbild/dpa Foto: Jan Woitas

Corona: Ein Thema für Kunst und Theater?

Stand: 07.12.2021 17:22 Uhr

Der in Göttingen geborene Autor Roland Schimmelpfennig ist der am meisten aufgeführte Gegenwartsdramatiker des deutschsprachigen Theaters. Wird er in Zukunft auch ein Stück über die Corona-Pandemie schreiben?

"Viele würden erstmal sagen: Um Gottes Willen, nicht diese Realität auch noch im Roman", sagt Schimmelpfennig im Gespräch bei NDR Kultur à la carte. Gleichzeitig gehe es aber um ein großes Sterben, das auch in der Kunst reflektiert werden müsse. Er selbst sei sich noch nicht ganz schlüssig, was er aus diesem Thema machen wolle. "Das hat auch damit zu tun, dass ich nicht weiß, wo die Reise noch hingeht. Da will man als Künstler ungern ins Dunkle schießen."

Das, was die Pandemie mit einem mache, sei aber wie gemacht für die Kunst. "Wut, Verzweiflung, Angst - das schreit eigentlich nach einer Umsetzung", so Schimmelpfennig. Denn Angst oder Furcht würden immer mit sich bringen, dass etwas im Raum stehe, was nach Veränderung schreit. "Man will, dass Angst endet, aber man weiß nicht wie. Wenn Angst im Raum ist, ist immer eine Schieflage da." Der Wunsch nach Veränderung sei bei ganz vielen wichtigen Theatertexten der Ausgangspunkt. "Entweder geht es steil rauf oder steil runter: Aber wenn das da ist, dann geht der Zuschauer auch mit, denn diesen Wunsch nach Veränderung kennt er von sich selbst", sagt Schimmelpfennig.

Corona-Pandemie fordert Künstler "einen Moment abzuwarten"

Installation "2.25x π" von Künstler Urs-P. Twellmann © picture alliance/dpa | Marcus Brandt Foto: Marcus Brandt
Laut dem Theaterautor Roland Schimmelpfennig sei das, was die Pandemie mit einem mache, wie gemacht für die Kunst. Hier die Installation "2.25x π" von Künstler Urs-P. Twellmann erinnert an das Corona-Virus.

Für das Münchener Residenztheater hat Schimmelpfennig "Der Kreis um die Sonne" geschrieben. Ein Stück, was sich am Rande mit Corona beschäftigt, ohne dass dies explizit genannt wird. "Es ist ein Mosaik eines Moments kurz davor und eines Moments mittendrin, aber ohne das zu konkret zu fassen", schildert der Theaterautor.

Ein solches Stück zu schreiben sei wahnsinnig anstrengend gewesen, weil er mit einem Stoff hantiere, der riesig groß und irgendwie nur schwer zu fassen sei. Was er dabei als Künstler oder Schriftsteller lernen müsse: "Auch mal einen Moment abzuwarten". In diesem Fall zwinge einen die Situation dazu, noch einmal kurz durchzuatmen. "Ich hoffe, dass das dann irgendwann auch nochmal einen Effekt auf das hat, was dann kreativ kommt. Aber da tappe ich selbst noch im Dunkeln."

Roland Schimmelpfennig im Porträt © dpa-Zentralbild/dpa Foto: Jan Woitas
AUDIO: NDR Kultur à la carte: Das Gespräch mit Roland Schimmelpfennig (55 Min)

Wie viel soziale Relevanz hat ein Kunstwerk?

"Der goldene Drache" am Deuschen Schauspielhaus © dpa - Bildfunk Foto: Markus Scholz
"Der goldene Drache" - hier in einer Aufführung am Deutschen Schauspielhaus - ist das wohl bekannteste Stück Roland Schimmelpfennigs.

Als größte Angst in Bezug auf die Gesellschaft bezeichnet Roland Schimmelpfennig die Vereinsamung und das Auseinanderdriften gesellschaftlicher Spitzen und der Verlierer. Dass es trotz des enormen Wohlstand, den dieses Land habe, immer noch große Armut gebe, die man überall sehen könne. "Da braucht man in Berlin nur mal zu dem Theater an der Parkaue gehen, wo ich öfter arbeite", meint der Theaterautor. Es sei eine wichtige Aufgabe zu verhindern, dass es eine Elitenbildung gibt, bei der bestimmte Leute unten keinen Anschluss mehr haben.

Inwiefern er mit seinen Theatertexten dazu beitragen könne, dies zu verhindern? "Schwer zu sagen, wie viel Kraft und Hebel ein Kunstwerk allgemein hat", sagt Schimmelpfennig. "Da muss man auch vorsichtig sein. Man würde es einem Bild oder einer Symphonie nicht abverlangen, dass sie soziale Relevanz hat." Und auch einen Theatertext würde man damit möglicherweise vollständig überfordern. "Damit würde man ihn auf etwas reduzieren", sagt Schimmelpfennig. "Ich glaube, dass ein Text viel weiter flirren können muss." Und dann sei da noch die Frage, wer überhaupt ins Theater gehe und ob diese Leute auch diejenigen seien, die diese Message überhaupt hören wollen.

Theater Kiel mit großem Schimmelpfennig-Schwerpunkt

Am Wochenende widmet das Theater Kiel Roland Schimmelpfennig einen besonderen Schwerpunkt. Das Schauspiel "Der Riss durch die Welt" feiert am Freitag Premiere. Einen Tag später steht die Uraufführung von Mozarts "Die Zauberflöte" in Schimmelpfennigs neuer eigens für die Oper Kiel geschriebener Dialogtextfassung auf dem Programm. Und am Sonntag folgen zwei Vorstellungen seines Weihnachtsmärchens "Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin" nach Hans Christian Andersen. Dazwischen gibt es auch noch eine exklusive Lesung des Autors selbst: Schimmelpfennigs neuer Roman "Die Linie zwischen Tag und Nacht" ist ein spannender Krimi und gleichzeitig eine Hommage an die deutsche Hauptstadt mit ihrem multikulturellen Flair.

Weitere Informationen
Martin Tingvall am Klavier © NDR.de Foto: Claudius Hinzmann

NDR Kultur à la carte

In der Sendung "NDR Kultur à la carte" kommen Menschen zu Wort, die etwas zu sagen haben. Die Gäste stellen sich nicht nur den Fragen, sie bringen auch ihre Lieblingsmusik mit. mehr

Der Kleine Kiel mit dem Opernhaus und dem Rathausturm im Hintergrund © NDR Foto: Berit Ladewig

Kulturpartner: Theater Kiel

Mit den fünf eigenproduzierenden Sparten, drei verschiedenen Theaterhäusern und zirka 500 Beschäftigten gehört das Theater Kiel zu den großen Theatern in Deutschland. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur à la carte | 08.12.2021 | 13:00 Uhr