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von Jan von Lingen

Wenn ich im Fernsehen die Bilder von Überschwemmungen und Flutkatastrophen sehe, denke ich manchmal an die Sintflutgeschichte. Ist die Geschichte von der Arche Noah auf dem Hintergrund solcher Erfahrungen entstanden? Oder ist das nur ein Sage? Die Rettung aller Tiere ist ja nicht vorstellbar.

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Der starke Regen der vergangenen Tage verwandelte diesen Ort in eine Wasserlandschaft. Foto: Ute Wagener, Vorderhagen

Da haben Sie recht. Mich erinnert das an die zwei Jungen, die sich über die Sintflutgeschichte unterhalten. Der eine sagt: "Die Arche war gerammelt voll. Die Tiere passten gar nicht alle rein." Der andere: "Meinst Du? Ein bisschen zusammenrücken, und schon geht's." "Zehntausende von Tieren mußten mit, vielleicht sogar hunderttausend." " ... ob auch Seehunde in der Arche waren?" "Seehunde ertrinken, wenn sie nicht hin und wieder an Land gehen können." "Die Arche war weit vom Meer entfernt, wie sind sie da hingekommen?" "Sie sind einen Fluß hinauf geschwommen, bis sie in der Nähe der Arche waren..."

So erzählt der Schriftsteller Marten t'Haart in seinem Buch "Der Psalmenstreit". Dies zeigt: Wie ein Zeitungsartikel oder wie ein historischer Bericht lässt sich die Geschichte der Arche Noah nicht lesen.

Aber: Diese Erzählung hat einen historischen Kern. Schon zu biblischen Zeiten gab es große Überschwemmungen, wahrscheinlich ausgelöst durch monsunartige Regenfälle. Vielleicht gab es zur Zeit der Bibel aber auch eine mächtige Überflutung. Denn nach der letzten Eiszeit schmolzen die Gletscher, dies ließ den Meerespegel ansteigen. Möglicherweise entstand auf diese Weise das Schwarze Meer, so vermuten einige Wissenschaftler: Das Meer brach über einen natürlichen Damm - und wie einem gigantischen Wasserfall schoss das Wasser in eine Senke. Ob die Sintflutgeschichte daran erinnert?

Nicht nur in der Welt der Bibel, sondern auch in anderen Kulturen und Religionen gibt es Erzählungen, die von solchen Überschwemmungen berichten. Ein Wissenschaftler hat sogar mehr als 200 Sintflutberichte aus aller Welt gesammelt. Diese Mythen erinnern an historische Ereignisse und helfen zugleich, diese traumatische Erfahrungen zu bearbeiten.

Genau dafür steht die Arche. Es geht nicht darum, ob wirklich alle Tiere dort einen Platz fanden. Die Arche ist vielmehr ein Symbol: Die Welt wird nicht gänzlich zu Grunde gehen. Es wird wieder einen Neuanfang geben, auch nach einer Katastrophe. Auf diese Weise gibt die Sintflutgeschichte Sicherheit - mitten in einer Welt, die oft genug vom Chaos bedroht ist.

Aus: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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