Stand: 09.12.2018 19:27 Uhr

"Wachet und betet" für Menschenrechte

von Julia Heyde de López
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Pastorin Almut Bellmann leitet regelmäßig das Fürbittgebet in der Gethsemanekirche.

"Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen." Artikel 1 der Erklärung der Menschenrechte. Ein wichtiger Text für Almut Bellmann. Sie ist Pastorin an der Berliner Gethsemanekirche im Ortsteil Prenzlauer Berg. Seit geraumer Zeit trifft sich die Gemeinde jeden Tag um 18 Uhr, um zu beten - für die Menschenrechte. Die Initiative entstand im Sommer letzten Jahres, als Gemeindemitglied Peter Steudtner in der Türkei verhaftet wurde. Das habe viel ausgelöst bei den Menschen in der Gemeinde, sagt die Pastorin.

Verhaftung in Istanbul

Der Menschenrechtler Peter Steudtner hatte im Juli 2017 in der Nähe von Istanbul einen Workshop für türkische Aktivisten begleitet. Am dritten Tag des Seminars stürmten bewaffnete Polizeibeamte in Zivil den Workshopraum, durchsuchten die Anwesenden und nahmen alle fest. Nachdem ein Haftbefehl erlassen worden war, saß Peter Steudtner fast vier Monate in Untersuchungshaft.

Menschenrechtler Peter Steudtner aus Berlin © Kirche im NDR Foto: José López

Ein Licht für Menschenrechte

Seit 2017 wird in der Berliner Gethsemanekirche jeden Tag für die Einhaltung der Menschenrechte gebetet. Die Initiative entstand, als Gemeindemitglied Peter Steudtner in der Türkei verhaftet wurde. Im Interview erzählt er, was diese Solidarität für ihn im Gefängnis bedeutet hat.

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Als Trainer für Menschenrechtsverteidiger hat Steudtner Erfahrung im Umgang mit Stress und Trauma. Im Gefängnis probierte er die Strategien aus, die er in den Workshops anderen beigebracht hatte und merkte an sich selbst: ja, das funktioniert. Die Ungewissheit, wann er freikommen würde, blieb zwar, aber er hatte die Zuversicht: Jeder einzelne Tag ist zu schaffen.

Solidarität über Gefängnismauern hinweg

Durch Briefe erfuhr Peter Steudtner, dass Menschen in seiner Heimatgemeinde begonnen hatten, für ihn zu beten. Er habe dann auch angefangen, jeden Tag zur gleichen Uhrzeit - 19 Uhr türkischer Zeit, 18 Uhr Berliner Zeit - eine kleine Andacht zu halten, erzählt er. Zu wissen, dass in diesem Moment Leute in der Gethsemanekirche säßen, das habe ihn berührt und gestärkt. Diese Solidarität spüre man über Gefängnismauern hinweg, so Steudtner. Im Oktober 2017 kam er schließlich frei. Der Prozess gegen ihn geht zwar weiter, aber er konnte die Türkei verlassen und nach Deutschland zurück.

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Hans-Jürg Schößler aus Berlin hat schon in der Wendezeit die Kraft der Gebete erlebt.

Die Menschen in der Gethsemanegemeinde wollen dennoch nicht aufhören, für die Menschenrechte zu beten. Hans-Jürg Schößler gehört zum Gebetskreis und hat bereits im Herbst 1989 erlebt, was Kerzen und Gebete bewirkt haben. "Wenn man einmal diese Erfahrung gemacht hat, dann motiviert das, diese Tradition wieder aufzunehmen und zu verstärken." Wichtig sei, so Schößler, dass man zusammenfinde und im Gebet ein Licht anzünde, in der Hoffnung, dass es weiter strahlt als nur bis zur Kirchentür.

Beten kann wirksam sein

Pastorin Almut Bellmann bestätigt: Die Menschen, die regelmäßig zum Abendgebet kämen, spürten eine Veränderung in ihrem Alltag. Die Freilassung von Peter Steudtner sei für viele in der Gemeinde ein großes Hoffnungszeichen gewesen. "Dass Beten wirksam sein kann, für einen selber, aber auch in der Welt, das war ein Erlebnis, das viele in der Zeit gemacht haben. Das wollten sie nicht so schnell wieder loslassen, sondern halten daran weiter fest." Ihr Credo: Wachet und betet. Denn "alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren, und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen."