Stand: 06.02.2019 09:30 Uhr

Kolumne: "Mose muss nachbessern"

von Matthias Bernstorf
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Immer weniger Beitragszahler müssen das Rentensystem finanzieren.

Mose hatte Glück. Ein paar Worte nur, und sein Rentenkonzept war in Stein gemeißelt. "Du sollst Vater und Mutter ehren." Das war in biblischen Zeiten das Grundgesetz der Altersabsicherung. Damals sollten viele junge Leute zu den Wenigen, die alt wurden, barmherzig sein. Ich fürchte: Mose, du musst nachbessern. Denn unser Rentensystem ist schon jetzt extrem ungerecht, weil wir Babyboomer das Rentenproblem gnadenlos auf Kinder und Kindeskinder abwälzen.

Vollständig lautet ja das vierte Gebot: "Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass es dir wohlergehe und du lange lebst auf Erden." Das haben auch Parteien gut verstanden, weil Wahlen bei uns in der Zielgruppe 60 plus gewonnen werden. Wer Rentner quält, wird nicht gewählt.

Trotz lebenslanger Arbeit nicht genug Rente

Zum Beispiel im Osten. Nach der Wende wurden viele Arbeitnehmer in Beschäftigungsverhältnisse mobilisiert, die es gar nicht gab. Ostdeutschland wurde Niedriglohnsektor, weil industrielle Arbeitsplätze verschwanden, was die Folgen der Digitalisierung, die bundesweit zu erwarten sind, vorwegnimmt. Die Umkehr der Alterspyramide kommt hinzu. Künftig wird es immer mehr Rentnerinnen und Rentner geben, die trotz lebenslanger Erwerbstätigkeit nicht genug zum Leben haben. Deshalb die Idee einer steuerfinanzierten Grundrente. Aber der Staat hilft schon jetzt mit Steuern bei der Rente aus. 2018 umfasste der Etat "Arbeit und Soziales" 139 Milliarden Euro. Am teuersten: die Stabilisierung des Rentensystems, obgleich weder die Kinder- noch die Altersarmut als Problem wirklich gelöst sind.

Wunsch nach einer Grundsicherung für alle

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Pastor Matthias Bernstorf wünscht sich einen Wechsel im Rentensystem.

Bezahlen müssen es diejenigen, die heute zwölf Jahre alt sind. Sie werden immer höhere Steuern bei niedrigeren eigenen Renten wuppen müssen. Darum schlägt mein Herz für einen Systemwechsel. Es wäre fairer, die 139 Milliarden Euro als Grundsicherung auf alle Bundesbürgerinnen und -bürger zu verteilen. Also eine Grundsicherung für alle, ohne Prüfung der Bedürftigkeit. Denn auch die verdienen Respekt, die Angehörige pflegen, sich ehrenamtlich engagieren oder zu klein sind, um wählen oder arbeiten zu gehen. In Worten des Mose: Du sollst Vater und Mutter ehren, aber auch nicht auf Kosten der künftiger Generation leben, auf dass es allen wohlergehe.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Mittwoch vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

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