Stand: 14.02.2019 10:30 Uhr

"Die Zukunft nicht Google und Co überlassen"

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Transformation in der Arbeitswelt hat es immer gegeben, sagt KI-Kurator Mario Bäumer.

Mario Bäumer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museum der Arbeit in Hamburg und gleichzeitig Kurator von vielen Sonderausstellungen im Haus. In seiner Funktion hat er auch die Ausstellung "Out of Office - wenn Roboter und KI für uns arbeiten" konzipiert. Im Interview mit der Kirche im NDR spricht er über Maschinen, die Bewerbungsgespräche führen und warum Menschen die Veränderung der Arbeitswelt nicht großen Konzernen überlassen sollen.

Warum heißt die Ausstellung "Out of Office"?

Bäumer: Der Titel soll die Richtung vorwegnehmen, was es heißt im übertragenen Sinne "aus dem Büro zu sein", wir haben insgesamt mehr Freizeit insgesamt oder werden wir alle wegrationalisiert?

Bei der Ausstellung spielt die Veränderung unserer Lebens- und Arbeitswelt eine große Rolle, was wird sich, wenn man es ganz grob sieht, verändern aus Ihrer Sicht?

Bäumer: Jobs werden sich radikal verändern, sie fallen weg - und das ist nicht neu. Eine Transformation der Arbeitswelt hat es immer gegeben. Wir sprechen heute von Industrie 4.0, auch die erste industrielle Revolution, die zweite, die dritte, die Computerisierung haben riesige Veränderungen hervorgebracht, aber heute spricht man eigentlich von einer neuen Dimension der Veränderung. Zum ersten Mal greift mit künstlicher Intelligenz diese Disruption in ganz neue Arbeitsbereiche ein. Also studierten Berufen wie Arzt oder Jurist steht ein riesiger Wandel bevor. Der Wissenschaftler und Science-Fiction-Autor Stanislav Lem hat Leibniz zitiert: 'Jede Arbeit, die von einer Maschine ausgeführt werden kann, ist des Menschen unwürdig'. Das ist ein provokanter Satz und darauf zielt diese radikale Veränderung. Ist es eine Chance, dass Maschinen unsere Arbeit übernehmen, oder ist es die stärkste Dystopie, die man sich überhaupt denken kann, der Mensch verliert seine Identifikation, die er über Arbeit erlangt hat.

Welche Fragestellung hat Sie am meisten bei der Ausstellung bewegt?

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Aktive Elemente regen Besucher in der Ausstellung "Out of Office" zum Mitmachen an.

Bäumer: Am meisten hat mich bewegt, wie wir als Gesellschaft au diese Veränderung reagieren. Es ist mein Hauptziel, die Besucherinnen und Besucher zum Nachdenken zu bringen, zu informieren, womit haben wir es überhaupt zu tun. Aber gleichzeitig auch zu erkennen, dass jeder Teil der Gesellschaft ist und nicht resignativ sagt, die Entscheidungsprozesse finden alle im Silicon Valley oder in China statt, wir sind abgehängt. Nein, sind wir nicht. Wir sind Teil der Gesellschaft und zuständig dafür, wie unsere Zukunft wird.

Ja, aber wie?

Bäumer: Es geht darum, die Zukunftsgestaltung nicht anderen zu überlassen. Das Disruptive ist auch, dass die größten Telefonanbieter keine Telefonnetze mehr haben, die größten Taxiunternehmen keine Taxen, die größten Wohnungsvermieter keine Wohnungen und sie bestimmen trotzdem vieles. Google hat den höchsten Etat in Forschungsgeldern für Gesundheitsforschung. Die Macht wandert da hin und wir stützen die Macht indem wir unsere Daten wahnsinnig bereitwillig zur Verfügung stellen. Es ist auch Teil der Ausstellung zu zeigen, ich muss nicht ein Mathematik-Informatik-Studium haben, ich muss nicht Algorithmen schreiben können um mich in die ethische Debatte einbringen zu können.

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Wie würden Sie das beurteilen? Es gibt ja diesen Spruch 'die Maschinen werden immer menschlicher' und auch 'die Menschen werden immer mehr wie Maschinen'.

Bäumer: Ich habe in Gesprächen über die Ausstellung gesagt, dass sie in Teilen davor warnen will, dass Menschen immer mehr wie Maschinen werden. Ein Roboter führt ein halbstündiges Bewerbungsgespräch und zeigt dann eine Prozentauswertung, was Humor oder Strebsamkeit betrifft. Die Provokation besteht darin, das dieses Unternehmen sagt, sie sparen mit diesem Programm Zeit, Geld - wir machen Künstliche Intelligenz menschlich. In Deutschland wurde es schon von großen Unternehmen eingeführt - und davor würde ich in Teilen warnen. Als ob wir nicht in der zwischenmenschlichen Auswahl sagen, mir haben gerade die Ecken und Kanten gefallen, die da vielleicht ausgelöscht werden.

Was die Veränderung der Arbeitswelt betrifft, kann die Kirche da mitwirken?

Bäumer: Die Kirche wird meiner Meinung nach stark gefragt sein, denn im Age-Bericht 2018 zum Thema Künstliche Intelligenz haben viele amerikanische und asiatische Wissenschaftler schon von weit in die Zukunft reichenden Themen gesprochen. Dabei ging es darum, den Tod zu überwinden, Singularität soll Menschen ersetzen. Beim Thema Tod überwinden würde ich sagen, das ist eine zentrale Aufgabe der Kirche, sich einzuschalten und gemeinsam mit der Gesellschaft darüber zu sprechen, ob das erstrebsam sein sollte.

Das Interview führte Radiopastorin Susanne Richter.

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 | Moment mal | 17.02.2019 | 09:15 Uhr