Die Hände einer älteren Dame am Lenkrad eines Autos. ©  Pavel Losevsky - Fotolia.com Foto:  Pavel Losevsky - Fotolia.com

Kolumne: "In das Leben des Nachbarn einmischen?"

Stand: 18.07.2021 07:30 Uhr

Mühe beim Ausparken, Schrammen an den Autos am Straßenrand. Der alte Herr von Gegenüber sollte seinen Führerschein abgeben. Aber er will es nicht. Wie verhalte ich mich da als Nachbar richtig?

von Jan Dieckmann

Unser Nachbar gegenüber - weit über 80 - holt jeden Morgen seinen silber-grauen VW aus der Garage und fährt zum Einkaufen. In letzter Zeit beobachte ich, wie er Mühe hat, das Garagentor zu öffnen. Und danach braucht er manchmal fünf oder sechs Anläufe, um den Wagen aus der Garage zu bekommen. Es knatscht und knirscht beim Rausfahren. Neulich hat er bei einer seiner Einkaufstouren unser Auto geschrammt, das am Straßenrand neben seiner Garage geparkt war. Eine dicker Kratzer und etliche Lacksplitter in der Farbe seines Autos ließen keinen anderen Schluss zu. 

Also bin ich mit den Lacksplittern in einem Tempotaschentuch zu ihm und seiner ebenfalls über 80-jährigen Frau gegangen. "Sie haben beim Rausfahren wohl mein Auto beschädigt", sage ich an der Wohnungstür. "Mein Mann hört nicht so gut", mischt sich seine Frau ein. Also nochmal: "Sie haben beim Ausparken mein Auto beschädigt. Ziemliche Schramme. Das müssen Sie doch gemerkt haben!" "Was? Nein, ich habe nichts gemerkt und nichts gehört", sagt der Nachbar. Und auch ein Ortstermin in seiner Garage, bei dem ein deutlicher frischer Lackstreifen in der Farbe meines Wagens an seiner Beifahrerseite offenkundig wird, überzeugt ihn nicht. Eine Woche lang habe ich dann jeden Tag bei meinem Nachbar geklingelt und ihm immer wieder geduldig erklärt, dass er den Schaden bitte bei seiner Versicherung melden möge. "Ich muss das sonst leider der Polizei melden", rufe ich. 

Dilemma zwischen Kopf- und Bauchentscheidung

Jan Dieckmann © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
Was meinen Nachbarn betrifft, befinde ich mich in einem moralischen Dilemma, sagt Pastor Jan Dieckmann.

Aber halt mal, sollte ich das nicht in jedem Fall tun? Was ist eigentlich, wenn dieser nette alte Herr auf dem Weg zum Einkaufen jemanden überfährt? Oder auf dem Parkplatz rückwärts in einen Kinderwagen fährt? Ich bin in einem moralischen Dilemma. Darf ich mich in das Leben meines Nachbars einmischen? Oder muss ich es sogar? Nach 14 Tagen schließlich informiert er doch seine Versicherung und mein Schaden - immerhin mehr als 2.000 Euro - wird beglichen. Und dann? Ich gebe es zu: Mein Kopf sagt, ich sollte trotzdem zur Polizei gehen. Aber ich bringe es nicht übers Herz, der Grund für seinen Führerscheinentzug zu sein. Heute einen Anker der Hoffnung, dass nichts passiert und mein alter Nachbar hoffentlich bald selber auf die Idee kommt, sein Auto für immer in der Garage zu lassen. 

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jede Woche vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 18.07.2021 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr

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