Synagoge in Hannover (innenansicht) ein Davidstern im Vordergrund © NDR Foto: Julius Matuschik

Kolumne: "Antisemitismus gibt es auch ohne Juden"

Sendedatum: 09.10.2020 09:40 Uhr

Rund 2.000 antisemitische Straftaten gab es 2019. Viele jüdische Einrichtungen stehen deshalb verstärkt unter Polizeischutz. Trotzdem gibt es immer wieder Anschläge - wie zuletzt in Hamburg.

von Julia Heyde de López

Vor 25 Jahren besuchte ich mit meiner kirchlichen Jugendgruppe die Neue Synagoge in Berlin. Am Eingang wurden unsere Taschen und Rucksäcke durchleuchtet, nur um sicherzugehen, dass keiner eine Waffe dabei hatte. Reine Routine. Auch heute ist es noch so: alle Besucherinnen und Besucher müssen durch einen Metalldetektor - aufgrund der Sicherheitslage.

Jüdische Einrichtungen brauchen mehr staatlichen Schutz

Synagoge in Hannover (außenansicht) © NDR Foto: Julius Matuschik
Nach den tödlichen Schüssen von Halle hat die Polizei den Schutz für Synagogen in Norddeutschland verstärkt.

Seit 25 Jahren hat sich also nichts geändert. Oder nein, seit 75 Jahren hat sich nichts geändert. Wie kann das sein? Jüdische Einrichtungen brauchen Polizeischutz. Und antisemitische Straftaten nehmen sogar noch zu. Etwa 2.000 wurden im vergangenen Jahr gezählt. Eine davon der Anschlag auf die Synagoge in Halle.

Große Betroffenheit in diesen Tagen auch in Hamburg. Nachdem ein jüdischer Student zusammengeschlagen wurde, ist es ein Anliegen des Bürgermeisters, jüdisches Leben in der Stadt "zur Normalität werden zu lassen, erfahrbar zu machen auch für diejenigen, die nicht jüdisch, aber interessiert sind."

Antisemitismus ist Feind einer offenen Gesellschaft

Berührungspunkte schaffen, sich immer wieder gemeinsam im Gespräch zu verankern, das ist gut und richtig. Nur eins darf man dabei nicht vergessen - und das klingt erstmal paradox: "Antisemitismus gibt es auch ohne Juden", so der Historiker Dan Diner. Antisemitismus ist im Grunde eine Feindschaft gegenüber der eigenen offenen Gesellschaft, ein Hass auf die Komplexität des Lebens, genährt von Verschwörungsvorstellungen.

Julia Heyde de López © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
Schweigen gegen Antisemitismus ist keine Option, sagt Kirchenredakteurin Julia Heyde de López.

Es macht mich wütend und beschämt mich, dass Jüdinnen und Juden ihr Leben nicht angstfrei leben können. Meine Worte der Solidarität sind auch nur Worte. Aber schweigen ist keine Option.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Donnerstag vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 09.10.2020 | 09:40 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

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