Sendedatum: 09.08.2020 07:30 Uhr

Kolumne: "Bitte die Nase tief halten"

von Klaus Böllert
Schweinehälften werden in einem industriellen Fleischbetrieb verarbeitet. © NDR
Im vergangenen Jahr wurden bei Kontrollen in 85 Prozent der überprüften Schlachthöfe Verstöße gegen den Arbeitsschutz aufgedeckt.

Seit rund einem halben Jahr bin ich Vegetarier. Ich habe in der Fastenzeit auf Fleisch verzichtet und bin dabeigeblieben. Es gibt ja auch gute Argumente, ich nenne nur Klimaschutz und Tierwohl. Seitdem spüre ich aber auch eine unangenehme Folge. In mir drin, in meinen Gedanken und Empfindungen. So etwas wie eine moralische Hochnäsigkeit. Wenn ich jetzt von ausgebeuteten Leiharbeitern in Schlachthöfen höre oder von schlechten Haltungsformen wie Kastenstände für Sauen und anderes mehr, kann ich mich sozusagen ungebremst aufregen, denn ich mache ja nicht mehr mit. Bei früheren Skandalen rund um die Fleischproduktion musste ich immer mitdenken, dass ich Teil des Problems war. Aber jetzt!

Von Gottes Blick auf die Menschen lernen

Mit dieser Hochnäsigkeit bin ich nicht alleine. Der eine schüttelt den Kopf über - das habe ich genau so gelesen - "hirnlose Konsumidioten", die gerne mal einfach so shoppen gehen. Eine andere kann es gar nicht fassen, wie egoistisch man sein kann, in den Urlaub zu fliegen, obwohl das doch klimaschädlich ist. Dass ich hier ohne Gendersternchen auskomme und - noch - nicht HörerInnen spreche, disqualifiziert mich bestimmt in den Augen derer, die ganz vorne mitmachen in der LBTIQ-Community.

Klaus Böllert © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
Es ist wichtig, sich nicht über andere Menschen zu erheben, findet Kirchenredakteur Klaus Böllert.

Ich will nicht auf andere herunterschauen. Ich will stattdessen von Gottes Blick auf uns Menschen lernen. Bei Gott vertraue und hoffe ich darauf, dass er zuerst auf das Gute in uns sieht, dass er geradezu nach dem Guten in uns sucht. Wenn ich mir diesen Blick aneigne, verliere ich meine Hochnäsigkeit. Dann sehe ich bei der vielfliegenden Nachbarin, dass sie enorm hilfsbereit ist und viel spendet. Von der ständig neu eingekleideten Jugendlichen weiß ich, dass sie ehrenamtlich engagiert ist. Und na klar, sind auch viele viele Fleischesser wundervolle Menschen.

Von einander lernen, für ein besseres Leben

Tue Gutes und rede darüber, ja. Aber nicht, um sich über andere zu erheben, sondern um voneinander zu lernen und uns gegenseitig anzustacheln. Für ein besseres Leben. Dass das gelingt, dafür vergebe ich einen Anker der Hoffnung.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Donnerstag vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 09.08.2020 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr

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