Die Autorin Christiane Brandes-Visbeck © Rieka Anscheit Foto: Rieka Anscheit

Brandes-Visbeck: "Die Wirtschaft arbeitet gegen die Natur"

Stand: 10.08.2021 11:10 Uhr

Christiane Brandes-Visbeck war Online-Chefredakteurin bei Bertelsmann. Heute arbeitet sie als Beraterin für Kommunikation. Wichtig ist ihr die Sichtbarkeit von Frauen - ob im Management, auf Konferenzen oder in Fachmedien.

Christiane Brandes-Visbeck ist Journalistin, Organisationsberaterin und Co-Autorin der Bücher "Netzwerk schlägt Hierarchie" und "Fit für New Work". In der ersten Corona-Welle hat sie gemerkt, welches Potential im Vers aus Psalm 23 steckt: "Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde."

Ganz spontan, subjektiv, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Was ist für Sie der Kern oder das Spannende daran?

Christiane Brandes-Visbeck: Dass es mir gut geht und ich praktisch ungeschützt sitze vor Menschen, die es möglicherweise nicht gut mit mir meinen. Dieser Teil des Psalm 23 hat mich schon als Kind beschäftigt. Bei uns war die Tradition so, dass wir immer zum Geburtstag eines Familienmitglieds Psalm 23 gesprochen haben. Meistens hat mein Vater ihn gesprochen und wir Kinder haben dann mit den Eltern "Lobet den Herrn" gesungen. Und diesen Teil "Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde" mochte ich nicht. Da hatte ich immer ein bisschen Angst. Und ich habe erst in meinem Erwachsenenalter diesen Teil des Psalms verstanden, aufgenommen und darin auch eine Bedeutung gefunden.

Was finden Sie jetzt auf einmal so annehmbar daran?

Brandes-Visbeck: Ich habe mich mit der Idee versöhnt, dass die Welt so ist, wie sie ist. Es gibt immer Menschen, die einen mögen, und Menschen, die einen nicht mögen. Man kann es nicht allen recht machen. Wenn ich nicht das annehme, was mir geboten wird, in diesem Fall die Liebe Gottes eben auch im Bild eines Tisches, den er für mich bereitet, wo ich Überfluss und Freude genießen kann, obwohl es um mich herum gar nicht so gut ist, das ist etwas, was ich jetzt als erwachsener Mensch annehmen kann. 

Verbinden Sie das konkret mit einem bestimmten Erlebnis? Gab es einen Moment, wo Sie gemerkt haben, jetzt spielt dieser Vers eine Rolle für mich?

Brandes-Visbeck: Ich glaube, das war ein Prozess. Das fing tatsächlich im März vergangenen Jahres bedingt durch den ersten Lockdown an, weil mir 80 Prozent meiner Aufträge weggefallen sind. Ich war damals freie Beraterin und hatte dann von einem Tag zum anderen keine Aufträge mehr oder nur noch ganz wenige. Ich saß dann in meinem Büro und dachte: Jetzt hast Du Zeit und was machst Du denn jetzt? Und dann habe ich mit einer Freundin, die gerade eine Coaching-Ausbildung gemacht hat, an meinem Bild gearbeitet, wie ich in Zukunft arbeiten möchte und vielleicht auch leben möchte. Und da sind wir eben auf dieses Bild der Fülle gekommen unabhängig davon, was um einem herum passiert. Und mit diesem Bild der Fülle kam dann auch das Bild von dem Tisch im Angesicht meiner Feinde zu einem ganz neuen Leben.

Die Autorin Christiane Brandes-Visbeck © Rieka Anscheit Foto: Rieka Anscheit
AUDIO: Im Anfang war das Wort mit Christiane Brandes-Visbeck (10 Min)

Mit was ist Ihr Tisch gedeckt?

Brandes-Visbeck: Mein Tisch ist gedeckt oder ich versuche, meinen Tisch zu decken, seitdem ich diese Erfahrung für mich gemacht habe, dass ich mehr reflektiere, dass ich mir mehr Ruhe gönne und froh war, dass ich nicht mehr so viel reisen musste. Dieser Ablauf des Alltags, das Monotone empfand ich als sehr beruhigend, wie so ein ruhiger Fluss, der seinen Weg zieht. Ich konnte mein bewegtes, kreatives und immer im außen agierendes Ich ein bisschen nach innen lenken.

Ein Tisch im Angesicht meiner Feinde. Wer sitzt da gegenüber am Tisch von Ihnen?

Brandes-Visbeck: ... Das können Menschen sein, die mich nicht mögen oder von denen man vielleicht denkt, dass sie einen nicht mögen. Das können aber auch bedrohliche Situationen sein, die uns das Leben schwer machen und die uns irritieren. 

Sie sind eine der Vertreterinnen von New Work. Was ist daran neu oder was ist das eigentlich?

Brandes-Visbeck: Für mich ist New Work ein etwas unglücklicher Begriff für eine Philosophie der Arbeit, die Frithjof Bergmann entwickelt hat. ... Er hat gesagt: 'Findet heraus, was ihr wirklich, wirklich im Leben wollt. Und findet heraus, wie ihr eure Arbeit so gestalten könnt, dass ihr euch maximal gut damit fühlt.' Und gleichzeitig hat er den Arbeitgebern gesagt: 'Achtet darauf, was Menschen wollen, wie sie glücklich arbeiten.' Und er hat auch mal diesen Satz gesagt: 'Gute Arbeit ist besser als guter Sex.' Mit dem Ausspruch hat er ganz viele Leute irritiert, aber ich verstehe, was er meint. Er meint, Menschen arbeiten von Natur aus gerne. Sie lernen und tauschen sich gerne aus. 

Die Arbeit, wie wir sie kennen, wie sie sich in den vergangenen Jahrzehnten in der westlichen Welt etabliert hat, macht wenig Spaß. Alles ist rationalisiert und operationalisiert, es werden Prozesse gestaltet, an die man sich halten muss, es gibt Kernarbeitszeiten, Arbeitszeitenregelungen und Arbeitsortregelungen. Für alles gibt es eine Regelung und alles das, was Arbeit eigentlich so schön macht, nämlich dieses Spontane, Intuitive ... findet gar nicht mehr statt.

Und das hat dann etwas mit dem gedeckten Tisch vom Psalm 23 zu tun?

Die Autorin Christiane Brandes-Visbeck © Rieka Anscheit Foto: Rieka Anscheit
Wenn Arbeit verbindet, macht sie auch mehr Freude, sagt Christiane Brandes-Visbeck.

Brandes-Visbeck: Für mich ja, auf jeden Fall. Also New Work ist für mich idealerweise das Angebot von Unternehmen, den Arbeitsraum und die Arbeitszeit und die Arbeitsbedingungen so zu schaffen, dass Gruppen von Menschen maximal gut arbeiten können. Mir geht es gar nicht so sehr nur um den einzelnen, sondern mir geht es auch um Teams. Wenn Arbeitgeber Räume schaffen, wo man miteinander arbeiten kann, dann hat man auch gar nicht mehr so viele Feinde, weil wir etwas miteinander zu tun haben, weil uns die Arbeit verbindet und die Freude an der Arbeit.

Welche Rolle spielt Glauben für Ihr Leben und für Ihre Arbeit?

Brandes-Visbeck: Bis vor Kurzem spielte er gar keine Rolle - ganz ehrlich. Ich habe erst jetzt durch diese Bedrohung Klimaveränderung festgestellt, diese Wirtschaft, die so wahnsinnig gegen die Natur arbeitet, also jetzt, wo wir auf einmal feststellen, es geht um ganz viel und ich dann kurz davor war, große Panik zu bekommen. Deshalb bin ich auch Transformationsbegleiterin. Ich möchte, dass Menschen sich ändern, damit wir aufhören, gegen die Natur zu arbeiten. Und erst jetzt in den vergangenen Monaten ist mir aufgefallen, dass ich diese Energie vielleicht auch durch meinen Glauben habe, weil ich sonst vielleicht längst aufgegeben hätte.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

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NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 14.08.2021 | 07:40 Uhr

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