Stand: 21.01.2019 16:06 Uhr

Pro und Kontra Tempolimit: Spaß oder Menschenleben

Die Deutsche Umwelthilfe hat eine Höchstgeschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde auf deutschen Autobahnen und von 80 km/h auf Landstraßen gefordert, um den Ausstoß von Kohlendioxid zu verringern. In der Debatte über weitere Maßnahmen zum Klimaschutz lässt die Bundesregierung diese Frage vorerst offen. "Wir wollen ein schlüssiges Gesamtkonzept und jetzt nicht eine Diskussion einzelner Maßnahmen", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert dazu am Montag. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte entsprechende Überlegungen zurückgewiesen. Dies sei "gegen jeden Menschenverstand" gerichtet. Die beiden Redakteure Andreas Josef und Frank Aischmann aus dem ARD-Hauptstadtstudio sind ebenfalls geteilter Meinung.

PRO

"Weniger Tote, weniger Stress, weniger Spritverbrauch": Andreas Josef spricht sich für ein Tempolimit aus.

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Na klar: Schnell fahren gibt einen Kick. Aber die Kosten dafür sollte die Gesellschaft nicht tragen müssen, meint Andreas Josef vom WDR und unterstützt ein Tempolimit.

Was ist wichtiger? Spaß - oder Menschenleben? Behalten wir diese Frage im Kopf. Schnelles Fahren auf der Autobahn: Das ist Spaß, das ist ein Kick. Das Adrenalin schießt in die Höhe, wenn das eigene Auto mich in den Sitz drückt, die langsamen Wagen sehen aus, als ob sie auf der Autobahn stehen würden - obwohl sie schon 120 Kilometer pro Stunde fahren. Das erzeugt Glücksgefühle.

Glücksgefühle auf Kosten anderer. Fast 21.000 Unfälle gab es 2017 auf deutschen Autobahnen, bei denen Menschen verletzt wurden, über 400 Menschen starben. So steht es in einem Bericht des Statistischen Bundesamtes. Die Hauptursache: zu schnelles Fahren. Und weil solche Argumente auf der Autobahn schnell vergessen sind, muss ein Tempolimit her.

Malt man eine Europakarte mit den jeweiligen Tempolimits der Länder prangt genau in der Mitte ein weißer Fleck. Frankreich 130, Belgien 120, Italien 130, Spanien 120. Und Deutschland? Hier sind 200 km/h kein Problem. Warum ist das Tempolimit in Deutschland so ein Sakrileg, wenn die Vor- die Nachteile bei Weitem überwiegen? Weniger Tote, weniger Stress, weniger Spritverbrauch.

Aber: die Zeitersparnis! Wer auf einer Strecke von 100 Kilometern 180 km/h statt der erlaubten 130 fährt, spart 13 Minuten. Aber nur auf einer leeren Autobahn, Baustellen sind da gar nicht eingerechnet. Und so treffe ich den Sportwagen, der an mir vorbeigezogen ist, an der nächsten Ausfahrt wieder - mit leerem Tank. Wenn das einzige Argument der Kick bleibt, dann stelle ich noch mal die Frage vom Beginn: Was ist wichtiger? Spaß - oder Menschenleben?

KONTRA

"Es wäre reine Symbolpolitik, jetzt auch den letzten Autobahnkilometer runterzuregeln", findet Frank Aischmann und möchte gern weiter schnell fahren, wo es noch geht.

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Es gibt so viele Staus auf deutschen Autobahnen. Da sollte man zumindest dort, wo es der Verkehr zulässt, noch so schnell fahren dürfen, wie man möchte, findet Frank Aischmann vom MDR.

Ganz kurze Rückblende: 1973, Ölkrise, die Bundesregierung unter Willy Brandt scheitert mit einem Tempolimit auf Autobahnen. Am ziemlich platten, aber eben griffigen ADAC-Slogan "Freie Fahrt für freie Bürger". Heute sind es die Umwelt, der Lärmschutz, die Unfallzahlen, die als Argumente für eine Geschwindigkeitsbegrenzung dienen - aber ich will gar nicht einsteigen in diesen Glaubenskampf, der mit höchst unterschiedlichen Statistiken geführt wird.

Wir haben im Land der mündigen Bürger seit gut 40 Jahren eine allgemein gültige Richtgeschwindigkeit von 130 km/h, jeder Fahrlehrer informiert ausführlich. Wer die 130 überschreitet, hat einen Termin oder einfach Spaß am schnellen Fahren - so wie es auch den Spaß gibt am unvernünftigen und garantiert schädlichen Rauchen oder Saufen. Dieser Spaß endet - entscheidender Punkt - wenn andere gefährdet werden, Stichwort: Drängler mit Lichthupe.

Es wäre dennoch reine Symbolpolitik, jetzt auch den letzten Autobahnkilometer runterzuregeln. Warum? Erst vergangene Woche die Meldung: Auf deutschen Autobahnen haben wir 2.000 Staus. Pro Tag! Die Gesamtlänge der Staukilometer reicht zwei Mal zum Mond und zurück. Daran würde auch ein Tempolimit wenig ändern. Wir sollten die Freiheit des schnellen Autofahrens genießen - mit Verantwortung, vor allem aber, solange es sie überhaupt noch gibt.

Denn das Autofahren, wie wir es kennen, ist ein Auslaufmodell. Ob Elektromobilität oder vor allem das autonome Fahren: Schon in naher Zukunft übernimmt das Auto, wird der Fahrer zum entspannten Passagier. Die Zukunftsdebatte heißt, ob und wie wir mitmischen in dieser schönen (?) neuen - und mit Sicherheit langsameren - Welt des Fahrens. Auch ohne Tempolimit.

Weitere Informationen

Verkehrsminister gegen Tempolimits

Verkehrsminister Pegel lehnt ein flächendeckendes Tempolimit in MV ab. Die Deutsche Umwelthilfe hat Höchstgeschwindigkeiten auf Autobahnen und Landstraßen gefordert. (21.01.2019) mehr

Tempolimit: Kein Schutz vor Staus

Die Deutsche Umwelthilfe fordert ein generelles Tempolimit auf Autobahnen - wegen des Klimaschutzes. Experten sehen jedoch auch Vorteile für die Sicherheit - aber nicht für weniger Staus. (08.01.2019) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 21.01.2019 | 17:08 Uhr

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