Stand: 25.09.2018 16:26 Uhr

Missbrauch: Kirche hat kein Recht auf Vergessen

Die Zahlen waren schon vorab durchgesickert: 1.670 Priester haben in den vergangenen Jahrzehnten Minderjährige missbraucht - das ist das Ergebnis der Missbrauchsstudie der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Erschreckende Zahlen, die zeigen: Viel zu lang wurde innerhalb der Kirche weggeguckt.

Ein Kommentar von Florian Breitmeier

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Florian Breitmeier ist Leiter der Redaktion "Religion und Gesellschaft" im NDR.

Nur weil man etwas nicht sieht, heißt das nicht, dass etwas nicht da ist. Der Schmerz, die Scham, die Schuld zum Beispiel. Und nur weil etwas nicht aufgeschrieben worden ist, heißt das nicht, dass etwas nicht stattgefunden hat. Zum Beispiel sexualisierte Gewalt und deren Vertuschung. Die vorgelegte Missbrauchsstudie macht zornig. Auch weil die gesammelten Daten nur erahnen lassen, wie groß das Ausmaß der Verbrechen tatsächlich ist. Die katholischen Orden und ihre Schulen wurden in der Studie gar nicht berücksichtigt. Hier herrscht dringender Handlungsbedarf.

Es mangelt an der Glaubwürdigkeit

Die von der katholischen Kirche beauftragten Forscher taten gleichwohl ihr Bestes. Sie recherchierten, verknüpften, deuteten. Direkten Zugang zu den Archiven bekamen sie nicht. Akten wurden ihnen von kirchlichen Mitarbeitern ausgehändigt. So lobenswert die Studie ist, an dieser Stelle hat sie ein Glaubwürdigkeitsproblem. Weitere Untersuchungen müssen folgen. Notwendig ist dafür eine umfassende Öffnung der Archive - in den einzelnen deutschen Bistümern und im Vatikan.

Die Kirche hat kein Recht auf Vergessen. Vielmehr sollte sie Betroffene von sich aus und transparent über Verläufe und Ergebnisse interner Ermittlungen informieren. Hier müssen die Verantwortlichen noch viel lernen. Sicher, es hat große Anstrengungen in den deutschen Bistümern gegeben. Bei der Prävention wurden vielerorts Maßstäbe gesetzt, von denen zum Beispiel die meisten Sportvereine noch sehr weit entfernt sind. Dennoch ist die katholische Kirche ein besonderer Fall. Stellt die Institution doch nach wie vor hohe moralische Ansprüche an ihre Mitglieder.

Wegschauen und totschweigen

Und viele Geistliche sind davon überzeugt, Antworten auf die intimsten Fragen menschlicher Existenz geben zu können. Wer das für sich beansprucht, sollte aber auch in eigener Sache auskunftsfreudig sein, wenn es um Schuld und Versagen geht. Das gilt vor allem bei sexualisierter Gewalt durch Geistliche.

Aber anstatt einer Kultur der Achtsamkeit und des Hinschauens herrschten in der Kirche oft Muster des Wegschauens und Totschweigens. Dafür werden sich auch hohe kirchliche Würdenträger noch rechtfertigen müssen. Kardinal Reinhard Marx hat am Dienstag öffentlich erklärt, sich zu wenig für die Betroffenen interessiert zu haben. Dafür schäme er sich. Ob sich andere Bischöfe diesem Bekenntnis anschließen und vielleicht gar persönliche Konsequenzen ziehen, ist offen.

Strukturen und Mentalitäten müssen sich verändern

Nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie sollte über vieles gesprochen werden: Über angemessene Entschädigungszahlungen für die Betroffenen, über innerkirchliche Gewaltenteilung und Transparenz. Die Opfer sexueller Gewalt sollten viel stärker in der kirchlichen Präventionsarbeit gehört werden. Denn sie haben der Kirche etwas zu sagen. Ein männerbündisches Machtsystem und klerikale Selbstgefälligkeit haben den sexuellen Missbrauch begünstigt. Eine theologische Reflexion darüber steht noch aus.

Die Zeit ist reif für eine unabhängige Aufarbeitung mithilfe einer staatlichen Kommission. Der katholischen Kirche steht ein konfliktreicher und aufwühlender Prozess bevor. Aber Strukturen und Mentalitäten müssen sich verändern. Sonst nimmt man der Kirche den Willen zur schonungslosen Aufklärung nicht ab.

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NDR Info | Kommentar | 25.09.2018 | 17:08 Uhr