Stand: 09.09.2019 16:02 Uhr

"Grüner Knopf" darf kein Etikettenschwindel sein

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat in Berlin ein Vorzeigeprojekt vorgestellt: Der "Grüne Knopf" ist ein Textilsiegel, das der deutsche Staat Produkten verleiht, die soziale und ökologische Standards einhalten. Die ökologischen Standards umfassen etwa das Verbot von Weichmachern und anderen Chemikalien sowie Grenzwerte für Abwasser, das bei der Produktion anfällt. Die Hersteller müssen zudem nachweisen, dass sie menschenrechtliche, soziale und ökologische Verantwortung übernehmen.

Ein Kommentar von Astrid Kühn, NDR Info Wirtschaftsredaktion

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Die Entscheidung, nachhaltig einzukaufen, kann uns als Kunden auch ein Textil-Qualitätssiegel nicht abnehmen, wie Astrid Kühn meint.

Spätestens seit dem Einsturz der Textilfarbrik Rana Plaza in Bangladesch im Jahr 2013 kann man nicht mehr so tun, als wüsste man nicht, wer den Preis für unsere billigen T-Shirts zahlt. Damit das auch im Laden nicht in Vergessenheit gerät, halte ich Siegel für eine gute Idee - wenn sie Käuferinnen und Käufern Orientierung geben.

Nun also der "Grüne Knopf": Als erstes staatliches Siegel hat er potenziell eine ganz andere Strahlkraft als die Siegel, die von privaten Anbietern vergeben werden - und die nur Menschen auseinanderhalten können, die sich aktiv mit ihrer Kaufentscheidung auseinandersetzen.

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Ein starkes Signal mit Einschränkungen

Dass nun der Chef eines Bundesministeriums offensiv sagt: Wir garantieren dafür, dass Produkte mit dem "Grünen Knopf" nachhaltig sind, ist ein starkes Signal. Aber darin liegt zugleich ein Problem.

Der Entwicklungsminister mit all seiner Autorität suggeriert, Produkte mit dem "Grünen Knopf" seien nachhaltig vom Baumwollfeld bis zum Bügel. Das ist - Stand jetzt - schlicht falsch. Denn in der sogenannten Pilotphase, die immerhin knapp zwei Jahre dauern wird, sind nur zwei Bereiche der langen Produktionskette abgedeckt: Nähen und Färben.

Unternehmen gesetzlich zu Standards verpflichten

Doch bald hängen die ersten Textilien mit "Grünem Knopf" im Laden. Wenn nicht transparent kommuniziert wird, was diese Produkte sind und was nicht, dann ist es schlicht ein Etikettenschwindel. Anbau, Produktion, Lieferkette: Ein Herrenhemd besteht aus zirka 140 Fertigungsschritten. Es ist unübersichtlich, es ist kompliziert.

Dass der Entwicklungsminister seine Verantwortung anerkennt, ist gut. Besser wäre es aber, noch einen Schritt weiter zu gehen: Unternehmen müssen gesetzlich verpflichtet werden, gewisse Standards in ihren Lieferketten einzuhalten. Viele Unternehmen sind ohnehin schon im Boot. Überzeugungstäter aber sind bei einem freiwilligen Siegel wie dem "Grünen Knopf" sicher nicht dabei.

Entscheidung für Nachhaltigkeit treffen wir selbst

Apropos Überzeugung: Letztlich muss ich als Konsumentin entscheiden, was das Wort "Nachhaltig" für mich bedeutet. Bedeutet es, künftig Kleidungsstücke mit "Grünem Knopf" zu kaufen, aber trotzdem jeden Monat, neu, und zum Schnäppchenpreis? Oder bedeutet es, vielleicht einmal mehr zu überlegen, wie viel ich wirklich brauche? In welcher Qualität? Ob es das vielleicht auch gebraucht gibt?

Bei allen Abwägungen: Wir bekommen die Mode und die Produktionsbedingungen, die wir nachfragen. Ein Siegel kann helfen, diese zu erkennen. Aber die Entscheidung abnehmen kann es uns nicht.

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NDR Info | Kommentar | 09.09.2019 | 18:30 Uhr