Stand: 14.06.2017 17:23 Uhr

Gegen die Ryanairisierung des Flugverkehrs

Das schwer angeschlagene Luftfahrt-Unternehmen Air Berlin will im kommenden Jahr in den schwarzen Zahlen landen. Das sagte Finanzchef Dimitri Courtelis auf der Hauptversammlung in London. Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft steckt nach strategischen Fehlern und einer jahrelangen Verlustserie in einer existenziellen Krise. Allein vergangenes Jahr standen unter dem Strich knapp 800 Millionen Euro Verlust.

Ein Kommentar von Horst Kläuser, Westdeutscher Rundfunk

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Zu große Pläne: Horst Kläuser meint, dass sich Air Berlin schlicht und einfach übernommen hat.

Wir werden gerade Zeugen eines unerfreulichen Spektakels. Eine einst großartige Fluggesellschaft wird vor aller Augen gefleddert. 38 Flugzeuge sind schon an die Lufthansa-Gesellschaft Eurowings vermietet. Die geplante Gründung eines Ferienbilligfliegers mit Etihad und TuiFly kommt nicht zustande, Flüge fallen aus, Koffer bleiben stehen, Ersatzansprüche wegen Verspätungen gehen in die Millionen.

Air Berlin könnte vom Himmel verschwinden. Das wäre mehr als schade. Es gibt viele Gründe dafür. Manche sagen, die Fluggesellschaft habe zu hoch gepokert, wollte mit den Großen spielen, habe aber nicht das Zeug dazu. Ja, sie ist die zweitgrößte Fluglinie Deutschlands. Stimmt. Aber der Abstand zur Lufthansa war immer unerreichbar groß. Man war schlicht in einer anderen Liga.

Der Tausendsassa ist gescheitert

Air Berlin wollte alles zugleich sein: eine ernstzunehmende Fluggesellschaft, attraktiv auch für Geschäftsreisende, aber gleichzeitig auch ein Billigflieger, der Millionen auf die Kanaren und die Balearen fliegt. Aber alles zu deutschen Kosten. Größer, höher, weiter wollte der ehrgeizige Chef Hunold hinaus, doch Charisma und Energie reichen manchmal nicht allein.

Vielleicht wuchs Air Berlin zu schnell, verschluckte sich an den Übernahmen von LTU und Niki. Vielleicht hatte man die wahren Billigheimer, die Easyjet, Ryanair oder Norwegian heißen, schlicht unterschätzt. Air-Berlin-Flüge waren und sind immer sicher gewesen, die Flotte modern und sparsam. Die Crews in Cockpit und Kabine standen denen der Konkurrenz nie nach - und trotzdem versagten alle Konzepte. Ob Gründer Joachim Hunold selbst oder der umtriebige, aber glücklose Allround-Manager Hartmut Mehdorn und andere im Vorstand - sie alle schafften es nicht den Steuerknüppel herumzureißen.

Der neue Lufthansa-Boss solls richten

Dass jetzt mit Thomas Winkelmann ein ehemaliger Lufthanseat im Cockpit von Air Berlin sitzt, ist alles andere als ein Zufall. Die meisten Beobachter des Luftverkehrs in Deutschland rechnen damit, dass Air Berlin unter die Flügel des Kranichs kriecht. Kleiner. Denn eine finanziell nicht tragfähige Airline mit Bürgschaften zu erhalten, kann nicht Aufgabe des Steuerzahlers sein - trotz der 8.400 Mitarbeiter, die einen guten Job machen.

Das Kartellamt sollte ein paar Augen zudrücken, auch wenn die Gefahr steigender Preise bei weniger Wettbewerb begründet ist. Aber eine zunehmende "Ryanairisierung" des Luftverkehrs wäre noch viel schlimmer: für die Mitarbeiter, die Sicherheit und für uns Passagiere.

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NDR Info | Kommentare | 14.06.2017 | 18:30 Uhr