Stand: 09.07.2018 14:55 Uhr

Fall Mesut Özil hat nur Verlierer produziert

Der Manager der deutschen Nationalelf, Oliver Bierhoff, hatte Nationalspieler Mesut Özil wegen seines Treffens mit dem türkischen Präsidenten Erdogan vor der FIFA WM kritisiert, ist aber dann zurückgerudert. Jetzt schlägt DFB-Präsident Reinhard Grindel noch mal in diese Kerbe. Er fordert, dass sich Özil endlich öffentlich äußert.

Ein Kommentar von Philipp Nagel, ARD-Studio Moskau

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Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan lässt sich mit Fußballspieler Mesut Özil fotografieren. Dieses Bild löste den Streit aus.

So viel steht fest: Dieser Fall hat ausschließlich Verlierer produziert. Da wäre der Deutsche Fußball-Bund mit seinem unterirdischen Krisenmanagement, besonders stark verkörpert durch DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Der hatte die Debatte im Vorfeld des Turniers nicht nur unterschätzt, sondern sie in einer Phase für beendet erklärt, in der es ausschließlich der DFB für angebracht hielt. Dieses Verhalten ist nicht nur mit dem eines trotzigen Kindes gleichzusetzen, sondern zeugt auch von einem in allem Maße fehlenden Gespür für die so viel beschworene Basis.

Bierhoff hat Özil geopfert

Im Gegenteil, am Ende hat es Oliver Bierhoff zu verantworten, dass Özil durch sein Interview von der Täterrolle nun in der Opferrolle angekommen ist. Zwar hat sich der zweitmächtigste Mann beim DFB für die missverständlichen Zeilen inzwischen entschuldigt. Es bleibt aber fraglich, wie gleich mehreren Medienprofis die Interpretationsmöglichkeit des Satzes "man hätte überlegen müssen, ob man sportlich auf Özil verzichtet" durchrutschen konnte. Der Eindruck, Bierhoff hat Özil sprichwörtlich "geopfert", bleibt.

Und so warten nun alle auf die von DFB-Präsident Reinhard Grindel geforderte Stellungnahme des größten Verlierers dieses Foto-Gates: Özil selber. Der schweigt nach wie vor. Über seinen Vater ist zu vernehmen, dass sein Sohn "geknickt, enttäuscht und gekränkt" sei.

Hintertürchen: ein Rücktritt

Für mich hat der DFB Özil nun eine Hintertür geschaffen, zurückzutreten. Ob bewusst, erhofft oder aus bloßem Aktionismus, lässt sich schwer sagen. Zumindest dürfte Grindel ahnen, dass Özil sein Schweigen jetzt nicht plötzlich aufgrund öffentlicher Forderungen eines DFB-Funktionärs brechen wird.

Viel wahrscheinlicher ist die Option, dass irgendwann in den nächsten Wochen ein Statement in den sozialen Netzwerken auftaucht, in dem Özil seinen Rücktritt verkündet. Vermutlich ähnlich emotionslos und knapp gehalten wie seine nicht vorhandenen Statements zu der Geschichte. Eine Sache, die sich seine Berater ankreiden lassen müssten. Es wäre ein unwürdiges Ende einer Geschichte voller Verlierer.

Der Fußball könnte seine integrative Kraft verlieren

Möglich aber, dass der DFB Özil die Spitzenposition der Verlierer noch abnimmt. Spätestens dann, wenn sich zeigt, ob die Posse dazu geführt hat, dass die eigene Integrationskraft nicht bloß stark gelitten hat, sondern die Integrations-Kampagne sogar gescheitert ist. Jedenfalls werden schon die ersten Stimmen laut, dass die Nationalmannschaft gerade dabei ist, ihre gesellschaftspolitische Bedeutung zu verlieren. In einer innenpolitisch zunehmend angespannten Situation droht selbst der Sport seine integrative Kraft zu verlieren. Daran hat auch DFB seinen Anteil.

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NDR Info | Kommentar | 09.07.2018 | 17:08 Uhr