Stand: 19.03.2019 17:07 Uhr

Facebook: Neues Vertrauen für toxisches Angebot?

Facebook rüstet auf im Kampf gegen Fake News. Weltweit sollen bis Ende des Jahres 30.000 Mitarbeiter die Nachrichtenflut in dem sozialen Netzwerk überwachen. Das sind 50 Prozent mehr als bisher. Im deutschsprachigen Raum bekommen die Teams Unterstützung von der Deutschen Presse-Agentur. Die Faktenchecker der Nachrichtenagentur sollen dabei helfen, Falschmeldungen zu korrigieren und dadurch den Nachrichtenticker, den sogenannten Newsfeed, wieder seriöser zu gestalten. Doch reicht das aus?

Ein Kommentar von Nils Kinkel, NDR Info

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Nils Kinkel hatte Facebook den Rücken gekehrt. Nach der Ankündigung von Änderungen überlegt er, im sozialen Netzwerk wieder öfter vorbeizuschauen.

Es ist ziemlich einfach, Facebook zu kritisieren. Wer mit unseren persönlichen Daten Geld verdient, der sollte dabei keine Fehler machen. Wer möchte, dass wir uns mit Freunden und in der Familie über ein Netzwerk austauschen, der sollte uns nicht gegenseitig aufhetzen. Leider hat Facebook seinen Newsfeed viel zu lange einfach laufen lassen. Hauptsache die Werbung hatte ihren Platz und die Kunden haben bezahlt. Durch das Ausblenden der Verantwortung hat sich ein toxisches Angebot entwickelt.

Gefahr für eine offene Gesellschaft

Neben Spaß, Quatsch und spannenden Diskussionen tauchen immer wieder Hasskommentare, Fake News oder auch Links zu Terrorattacken in meiner Timeline auf. Ein virtueller Marktplatz für Verschwörungstheorien ist eine Gefahr für eine offene Gesellschaft. Verantwortlich für die gefährliche Entwicklung sind die Plattformen selbst. Also Facebook und YouTube. Sie haben viel zu lange Klicks gesammelt und dabei zugeschaut, wie Populisten und Fanatiker die scheinbar geniale Technik auch für ihre Ideologien missbrauchen. Sie setzen dabei auf falsche Identitäten, verwenden Bots oder schalten Werbung. Alles Punkte, die Facebook eigentlich nicht erlaubt.

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Algorithmus muss nur richtig programmiert werden

Für die vielen Postings gibt es nämlich einen Algorithmus, der eigentlich sehr hilfreich sein kann. Er gibt der ganzen Flut von Nachrichten wieder einen Sinn. Er muss eben nur richtig programmiert und überwacht werden. Das zahlt sich aus. Für Anbieter und Nutzer. Mit einem glaubwürdigen Angebot würde Facebook nämlich langfristig wieder Vertrauen gewinnen.

Öffnung nach außen ist zu begrüßen

Welche Nachrichten richtig und welche falsch sind, diese Entscheidung darf Mark Zuckerberg mit seinem Team nicht alleine treffen. Deshalb ist es vernünftig, wenn Facebook jetzt mit externen Computer- und Sicherheitsexperten in einem Lagezentrum in Europa zusammenarbeitet und sich nicht weiter arrogant verschanzt. Es hilft, wenn demnächst auch Wissenschaftler Einblicke bekommen und die vielen Daten analysieren dürfen. Es ist auch sinnvoll, dass Faktenchecker aus Medienhäusern die Content-Moderatoren unterstützen, indem sie aus Fake News gut recherchierte Geschichten machen.

Das kostet Geld und deshalb ist es auch völlig in Ordnung, wenn Journalisten für ihre Arbeit bezahlt werden. Facebook behauptet, Falschmeldungen würden dadurch deutlich weniger angezeigt, bis zu 80 Prozent. Einen Beweis für diese Zahlen durch Daten oder Statistiken liefert die verantwortliche Managerin bei der Vorstellung aber nicht.

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Kluge Mischung aus KI und menschlicher Erfahrung

Kann ich Facebook also wirklich vertrauen? Diese Frage muss jeder Nutzer persönlich beantworten. Ich persönlich bin dem sozialen Netzwerk ein Jahr aus dem Weg gegangen. Weil es mir dort nicht mehr gefallen hat. Zu viel Hass und Lügen und zu wenig Vertrauen. Mal sehen, was die Ankündigungen wirklich bringen. Vielleicht schaue ich dann wieder öfter vorbei.

Ich bin neugierig, ob eine kluge Mischung aus künstlicher Intelligenz und menschlicher Erfahrung, also die von Software-Entwicklern und Journalisten ein attraktives Angebot schaffen. Mit lokalen und internationalen Nachrichten von seriösen Quellen. Ich freue mich auch über Statusmeldungen von Freunden, die mehr zu posten haben als drei Emojis mit roten Köpfen. Die Mehrheit meiner Freunde hat nämlich in Wahrheit keine schlechte Laune.

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NDR Info | Kommentar | 19.03.2019 | 17:08 Uhr