Stand: 19.12.2018 17:00 Uhr

Ernährung: Vorschriften statt Freiwilligkeit

Wir verzuckern uns - nicht nur zur Weihnachtszeit. Mit den Frühstückscornflakes geht es los und hört bei der Fertiglasagne nicht auf. Überall steckt mehr Zucker oder Fett oder Salz drin, als es für den Stoffwechsel erforderlich oder gut ist. Und je mehr wir uns an diesen Geschmack gewöhnt haben, umso weniger fällt es uns auf, und die Dosis wird erhöht. Landwirtschaftsministerin Klöckner und die Ernährungsindustrie haben nun neue Ziele unterschrieben. In Fertigprodukten wie Pizza oder Joghurts soll es künftig weniger Zucker, Salz und Fette geben. Allerdings sind die Vorgaben nur eine freiwillige Selbstverpflichtung.

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Petra Lehnert sieht die freiwillige Selbstverpflichtung skeptisch. Aus ihrer Sicht fehlt der politische Wille!

Es ist ein Schritt in die richtige Richtung - so heißt es gern, wenn eine Regierung Maßnahmen einleitet, die sinnvoll sind, aber das angepeilte Ziel weit verfehlen. Natürlich ist es ein Fortschritt, wenn Fertiggerichte, Müsli oder Kinderjoghurt in Zukunft weniger dickmachende Zutaten enthalten. Trotzdem hinterlässt die "Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz" einen bitteren Geschmack.

Jeder zweite Deutsche ist zu dick

Wieder einmal setzt eine Bundesregierung auf die Freiwilligkeit von Verbänden. Wieder einmal scheut sie davor zurück, drastische Maßnahmen zu ergreifen, um Gesundheit und Leben der Bürger zu schützen. Denn darum geht es letztlich. Deutschland weist unter den westeuropäischen Staaten die geringste Lebenserwartung auf. Kinder wachsen heran, deren Alltag von Gelenkproblemen und Herz-Kreislaufschwäche geprägt sein wird, da ihre Körper nur schwer mit der eigenen Masse fertig werden. Sie werden im Schnitt früher sterben als schlankere Altersgenossen. Jeder zweite gilt hierzulande als zu dick, ein Viertel der Bevölkerung sogar als fettleibig.

Die Ursachen sind Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung. Es verstecken sich viel zu viele Fette, Salz und Zucker in den Regalen der Supermärkte. Wer das ändern will, sollte nicht darauf setzen, dass sich die Lebensmittelindustrie an freiwillige Vereinbarungen hält, sondern Vorschriften erlassen. 

Viel wäre schon gewonnen, wenn die Verbraucher auf den ersten Blick sehen könnten, ob sie gesunde oder ungesunde Lebensmittel einkaufen. Die kleingedruckten Inhaltsangaben auf den Verpackungen, wie wir sie heute kennen, sind nicht alltagstauglich. Daher fordern Verbraucherschützer seit langem die sogenannte Ampel. Rot steht für ungesunde Produkte, grün für Unbedenkliches. Großbritannien informiert so über den Gehalt an Zucker, Salz oder Fett. Doch verwirrt es nicht, wenn auf einem Fertiggericht unterschiedliche Farben prangen, beispielsweise grün für wenig Zucker und rot für viel Fett?

Farbskala zur Orientierung

In Frankreich geht man daher einen etwas anderen Weg. Die verschiedenen Bestandteile eines Lebensmittels werden gegeneinander abgewogen. Die Verpackung zeigt dann eine einzige mehrstufige Skala von grün bis rot. Auch in Frankreich setzt man allerdings bei diesem sinnvollen Ansatz noch auf Freiwilligkeit. Die Unternehmen Danone und Iglo haben jetzt angekündigt, auch in Deutschland die Farbskala zur besseren Verbraucherinformation einzuführen.

Es geht also. Was fehlt, ist der politische Wille, die Lebensmittelindustrie auf Transparenz oder gesündere Produkte zu verpflichten.  Es wird Jahre dauern,  bis sich sagen lässt, ob die Strategie von Bundesernährungsministerin Klöckner aufgegangen ist, die auf Freiwilligkeit setzt. Ein Schritt in die richtige Richtung ist eben nicht genug, um ein Ziel zu erreichen.

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NDR Info | Kommentar | 19.12.2018 | 17:08 Uhr