Stand: 14.12.2018 17:42 Uhr

Ein klares "Ja" zum Vereinten Europa

Europa steckt in einer tiefen Krise. Die Debatte um den Brexit schwächt schon jetzt die europäische Gemeinschaft. Italien häuft weiter Schulden an und will sich den europäischen Regeln nicht mehr unterwerfen. Der Streit über den Umgang mit Flüchtlingen entzweit die EU-Mitgliedsstaaten.

Ein Kommentar von Lars Reckermann, Chefredakteur der "Nordwest-Zeitung" in Oldenburg

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Lars Reckermann meint, dass wir den europäischen Gedanken wieder mehr mit Leben füllen müssen.

Es fällt mir schwer, das Vereinte Europa in diesen Tagen überzeugend zu verteidigen. Dabei bin ich Europäer aus Überzeugung. Gleichzeitig bin ich auch Deutscher. Ich würde sogar so weit gehen, dass ich das Ruhrgebiet liebe, die Ostalb schätze und den Nordwesten, Küste und Kanal, das Oldenburger Land, - besonders das Ammerland - inzwischen meine Heimat nenne.

Mir ist bewusst, dass diese Regionen alle in Deutschland liegen. Ich bin aber auch gerne bei Freunden in den Niederlanden. Ich mag die Pubs in England, die Küste der Normandie, die Berge Österreichs und verträumte Buchten in Spanien. Ich mag den europäischen Frieden. Nie habe ich Krieg erleben müssen. Ich mag Schlagbaum-freie Grenzübergänge. Das ermöglicht aber auch Terroristen, von einem Land ins andere zu springen. Das macht mir wiederum Sorgen. Das sind übrigens nicht nur meine Sorgen.

Vor einigen Tagen habe ich mit einem Taxifahrer in London gesprochen. Er machte sich ähnliche Sorgen wie ich. Mit dem Unterschied: Er will raus aus Europa. Er war ein Brexit-Befürworter. Seine stolze Nation gehe gerade vor die Hunde, sagte er. Ohne Europa sei er besser dran. Dass er mich dann eventuell nicht als zahlenden Gast in seinem Taxi hätte? "Glaube ich nicht, Sie kommen bestimmt wieder", sagte er und lächelte. Ausgerechnet am Brexit zerbricht gerade die britische Politik. Ausgerechnet der verbindende europäische Gedanke teilt gerade Großbritannien.

Europa steht für Menschenrechte, Demokratie und für Rechtsstaat

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Ich bin ein Befürworter des grenzenlosen Europas und muss seit Langem feststellen, dass dieses grenzenlose Europa in der Flüchtlingskrise total versagt. Europa hat es geschafft, Traktorensitze zu normieren, aber kann sich auf keine Norm für Menschen in Not einigen. Und bevor jetzt lauthals losgepoltert wird: "Die meisten Asyltouristen haben doch keine Not, was schreibt der Blödmann!" Erst einmal hat jeder Flüchtling das Recht, mit Würde behandelt zu werden. Und jeder hat ein Recht darauf, die Gründe seiner Flucht zu nennen. Dann müssen diese Gründe in einem ordentlichen Verfahren geprüft werden. Auch dafür steht Europa: für Menschenrechte, Demokratie und für den Rechtsstaat.

Diese Werte nimmt mir bestimmt kein Terrorist. Er mag daran rütteln, dann aber muss es ebenfalls europäischer Konsens sein, diese Menschen nicht zu tolerieren und sie mit allen Mitteln zu bekämpfen. Eine grenzübergreifende Terrorfahndung kann nur funktionieren, wenn Europa in der Sicherheit zusammenarbeitet. Radikalen ist es egal, wo sie in Menschenmengen schießen oder ihre Bomben zünden. Und man muss schon ein ausgemachter Menschenfeind sein, wenn Tote in Frankreich weniger berühren als Tote in Deutschland.

In Europa gibt es kein Land, das so viele Nachbarländer hat wie Deutschland - zumindest wenn man bei Frankreich die Überseegebiete nicht mitrechnet. Neun sind es an der Zahl. Mit unseren Nachbarn teilen wir uns einen einheitlichen Binnenmarkt. Dank des Euros sind die Handelsaktivitäten erleichtert. Das jüngst abgeschlossene Freihandelsabkommen mit Japan (Jefta) ist der Stärke Europas zu verdanken. Es gibt keine Umtauschgebühren. In den meisten europäischen Ländern kann ich dadurch die Preise direkt vergleichen.

Trennendes benennen und Verbindendes fördern

Gleichwohl: Jeder Staat hat seine Geschichte und seine Tradition. Lassen Sie sich einmal von ihrem Nachbarn sagen, wie Sie ihre Hecke zu schneiden haben oder welche Gardinen Sie vors Fenster hängen müssen. Sehen Sie. Da nimmt man reflexartig erst einmal eine abwehrende Haltung ein. Aber gehört es nicht auch zu Europa, Trennendes zu benennen und Verbindendes zu fördern? Wenn Ungarn die freie Meinung einschränkt, fühle ich mich besser mit starken europäischen Nachbarn an meiner Seite, die genau dagegen laut aufbegehren. Sich austauschen, einen Konsens herbeiführen, mag er auch noch so klein sein. Miteinander reden, sich offen die Meinung sagen zu können, ohne Angst vor Repressalien, Pluralität fördern - für all das steht Europa.

Wir müssen diesen europäischen Gedanken wieder mehr mit Leben füllen, mehr erlebbar machen. Warum gibt es europäische Schulaustausch-Programme vorwiegend in Gymnasien? Sollte nicht jeder junger Mensch, ganz gleich welche Bildung er genießt, Europa erleben dürfen? An der Küste von Wales zu stehen, mit echten Menschen zu reden, ist eben doch etwas anderes, als mit dem Finger über Google Maps zu streichen. Austauschprogramme fördern, anstatt die überaus attraktive Altersvorsorge der EU-Beamten weiter aufzustocken, das wäre doch einmal ein Ansatz. Wie gesagt: Es fällt schwer, das Vereinte Europa in diesen Tagen überzeugend zu verteidigen. Aber es gibt gute Argumente. Und es lohnt sich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 16.12.2018 | 09:25 Uhr