Stand: 12.09.2018 15:15 Uhr

Rollenwechsel: AfD statt Radio Bremen

von Elias Nüse & Sabine Schaper

Man kennt Hinrich Lührssen in Bremen: Hochgewachsen und robust, die Haare zunehmend weißer, einer, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Für das Regionalmagazin "Buten un Binnen" von Radio Bremen war er in den vergangenen Jahren als freier Reporter unterwegs, ebenso auch für "Stern TV". Seine Spezialität: Die Kombination von Verbraucherthemen und Komik.

Der Bremer Reporter Hinrich Lührssen. © NDR

Rollenwechsel: AfD statt Radio Bremen

ZAPP -

Der Bremer Reporter Hinrich Lührssen ist Mitglied im dortigen AfD-Parteivorstand. Ein Problem sieht er darin nicht - einige seiner Auftraggeber dagegen schon.

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Mitte August wurde nun bekannt, dass Lührssen im Juni in die AfD eingetreten und inzwischen kooptiertes Mitglied im Bremer Landesvorstand ist. Lührssens Auftraggeber Radio Bremen hatte daraufhin die Zusammenarbeit beendet. Im Statement beruft sich der Sender auf seine politische Unabhängigkeit: "Radio Bremen hat angesichts der Vorgänge um seinen freiberuflichen Fernsehreporter Hinrich Lührssen klargestellt, dass der Sender keine journalistischen Auftritte von Funktionären politischer Parteien zulässt. Dies gilt für alle politischen Parteien gleichermaßen."

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Stellungnahme Radio Bremen

Lesen Sie hier die Stellungnahme von Radio Bremen in voller Länge (als PDF-Dokument zum Download). Download (877 KB)

AfD-Mitgliedschaft kostet Auftraggeber

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Beendete die Zusammenarbeit: Radio Bremen.

"Das ist natürlich sehr schade, ich habe dort immer sehr gerne gearbeitet, und es hat auch Spaß gemacht", sagt Lührssen, den wir in der Bremer Überseestadt treffen. Den zentralen, belebten Marktplatz wollte er mit Kamerateam lieber meiden - und damit mögliche Pöbeleien, die zuletzt ebenso wie Drohungen vorgekommen seien. Es habe schon einige Opfer gebracht, sagt Lührssen über die Zeit seit seinem AfD-Eintritt: "Ein wesentlicher Teil des Lebensunterhaltes ist erst mal weg." Auch einige Bekannte, die sein AfD-Engagement ebenso wenig nachvollziehen können wie einige Kollegen. Aber er erhalte auch positive Rückmeldungen. AfD-nahe Bürger öffneten sich ihm nun anders als zu Reporterzeiten.

Hinrich Lührssen ist nicht der einzige Journalist in der AfD - unter anderem die Gründungsmitglieder Alexander Gauland und Konrad Adam sind, bzw. waren ebenfalls publizistisch tätig. Dennoch handelt es sich doch um eine Partei, die Medien von Veranstaltungen ausschließt, auf deren Demos Journalisten als Lügenpresse verunglimpft werden und die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in seiner derzeitigen Form abschaffen will. Hinrich Lührssen sieht darin jedoch keinen Konflikt: "Ich denke, ich kann beide Seiten aushalten und mit beiden Seiten leben. Ich sehe da auch nicht so ein großes Problem."

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"Botschafter" zwischen den Fronten?

Seine Rolle in der AfD sehe er idealerweise als Botschafter, als Vermittler, erklärt er beim Interview in einem Bremer AfD-Büro: "Es sind ja wirklich zwei Fronten entstanden und die sind auch sehr verhärtet . Im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten möchte ich mich schon dafür einsetzen, dass da ein Dialog entsteht." Man könne etwa Mitgliedern der AfD  genauer erklären, wie Medien arbeiteten, sagt Lührssen: "Dass, wenn ein O-Ton nur 20 Sekunden lang  ist, es von der Struktur der Sendung vorgegeben ist und jetzt nicht unbedingt politische Willkür ist." Und schiebt nach: "Wobei es die natürlich auch geben kann."

Den Begriff "GEZ-Staatspropaganda" würde er für seine Kollegen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht verwenden, so Lührssen, aber die Berichterstattung sei "sicherlich auch nicht so unabhängig, wie sie sein sollte." Konkrete Belege für diesen Vorwurf bleibt er aber schuldig, er wolle niemanden anprangern. Stattdessen gibt er ausweichende Antworten und wird mit dem Fortschreiten des Interviews, mit Fragen nach Äußerungen und dem Verhalten von Parteikollegen gegenüber Journalisten, zunehmend ungehalten.

Parteitage als Privatveranstaltung

Ebenso der AfD-Bundestagsabgeordnete Frank Magnitz, der während des ZAPP-Interviews anwesend ist. Er schaltet sich ein, als es um den Bremer Parteitag im Juni 2018 geht. Hier waren Reporter und Partei aneinandergeraten, weil die AfD sich nach Ende des Parteitags nicht filmen lassen wollte. Magnitz forderte den Kameramann damals unter anderem auf, sein Drehmaterial zu löschen, hielt die Kamera mit einer Aktentasche zu. Die Begründung: Es handle sich um eine Privatveranstaltung auf Privatgelände, zum Schutz der Mitglieder.

"Wir müssen unsere Leute schützen, denn die werden wirklich an Leib und Leben bedroht oder an Ihrem Eigentum", rechtfertigt Magnitz aufgebracht sein Verhalten. "Und ich kann Ihnen eins garantieren: Wir werden in Zukunft, wenn die Polizei nicht in der Lage ist das zu tun, unseren eigenen Sicherheitsdienst dahinstellen, der solche Leute fernhält. Die werden nicht wieder auf Privatgelände Filmaufnahmen  machen."

Die Fronten: in der Tat "verhärtet", wie Lührssen es formuliert. Ob er hier wirklich für einen "Dialog", für "Verständnis" sorgen können wird, wie er es vor hat? Er ist sich seiner Entscheidung für die AfD zumindest sicher - trotz des Verlusts seiner Auftraggeber und einiger Bekannter, trotz der Drohungen und Pöbeleien. Wie es für ihn weitergeht, ist noch unklar: Eine Kandidatur für die Bürgerschaft könnte er sich vorstellen. Als AfD-Vorstandsmitglied weiter als Journalist zu arbeiten, das sei allerdings "sicher nicht so leicht".

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 12.09.2018 | 23:20 Uhr