Stand: 06.06.2018 20:30 Uhr

Stöckchensprung? Der Umgang mit der AfD

von Inga Mathwig, Timo Robben & Caroline Schmidt

Wie sollen Medien auf die Provokationen von AfD-Politikern wie Alexander Gauland reagieren? Breit berichten? Ignorieren? Ein Streitgespräch zwischen Lutz Haverkamp, Redakteur des Berliner "Tagesspiegel" und Janko Tietz, CvD bei "Spiegel Online".

Janko Tietz und Lutz Haverkamp diskutieren über den medialen Umgang mit der AfD. © NDR

Stöckchensprung? Der Umgang mit der AfD

ZAPP -

"Vogelschiss", "Kopftuchmädchen", "In Anatolien entsorgen": Sollen Medien auf die Provokationen der AfD-Politikern reagieren? Und wenn ja - wie? Ein Streitgespräch.

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ZAPP: Der "Tagesspiegel"-Aufmacher von Montag arbeitet sich am Vogelschiss-Zitat von Herrn Gauland ab. Herr Haverkamp, ist das nicht genau die Bühne, die sich die AfD wünscht?

Lutz Haverkamp: Ich glaube, Herr Gauland hat sich genau das Gegenteil gewünscht. Das, was da transportiert wird, zeigt die ganze Geisteshaltung dieses Menschen und ist nicht dazu geeignet, Herrn Gauland sympathisch zu finden.

Janko Tietz: Ich hätte es nicht so gemacht, obgleich ich natürlich sehe, dass diese Titelseite eine große Wirkung entfaltet hat, vor allem natürlich auch in den sozialen Medien sehr gelobt wurde. Ich kann mich dem fast nicht entziehen und bin geneigt, sie auch zu loben. Den Anlass, der diese Seite hervorgebracht hat, den hätte ich aber wahrscheinlich nicht so hoch gehängt.

ZAPP: Warum nicht?

Tietz: Weil ich fest davon überzeugt bin, dass es eine Provokation ist, die wohlkalkuliert ist, die sich mit System überlegt wurde. Sie hat zum Ziel, eine große mediale Debatte loszutreten und die AfD und andere rechte Kräfte ins Zentrum der Berichterstattung zu rücken. Je öfter deren Vokabeln und deren Sprache in den Medien auftauchen, desto mehr verschiebt sich der Konsens der Gesellschaft und das, was man glaubt, sagen zu dürfen.

Haverkamp: Ich finde, es ist weit mehr als eine Provokation. Es zeigt die Geisteshaltung von Herrn Gauland. Es zeigt, dass die AfD und ihre Frontkämpfer die Grenze dessen, was in Deutschland gesellschaftlicher Konsens ist, weit nach rechts verschieben wollen. Die AfD will aus meiner Sicht Rassismus, die Ausgrenzung von Minderheiten und Andersdenkenden, Hass gesellschaftsfähig machen. Und dem müssen wir uns entgegenstellen. Und dazu dient auch die Berichterstattung in dieser Form.

Tietz: Da stimme ich Ihnen zu. Ich bin auch davon überzeugt, dass die AfD das will. Nur glaube ich, tragen wir als Medien mit dazu bei, dass die AfD diesem Ziel immer näher kommt. Nämlich indem wir diese Thesen, die ja sehr krude sind, permanent und immer wieder prominent platzieren. Wo hat denn Gauland, und wo haben andere AfD-Politiker Sätze wie diesen jetzt fallen lassen? Das waren immer kleine Veranstaltungen. Da sitzen meist 50-70 Leute. Die hören das. Das ist deren Resonanzraum, in den sie senden. Und wir greifen es auf und spielen es einem Millionenpublikum zu.

ZAPP: Herr Tietz, glauben Sie, dass Herr Haverkamp sich von Herrn Gauland in diesem Fall instrumentalisieren lässt?

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Janko Tietz findet, die Medien machen die AfD und ihre Provokationen größer als sie sind.

Tietz: Soweit würde ich nicht gehen, denn gerade die Titelseite des Tagesspiegels ist schon eine adäquate Antwort und vor allem setzt sie sich ja sehr damit auseinander, was Gauland gesagt hat: Nämlich diese zwölf Jahre seien ja in Wahrheit zu vernachlässigen. Diese zwölf Bilder, jedes steht für ein Jahr, veranschaulichen ja noch mal sehr, wie daneben Gauland eigentlich liegt. Nur mein Punkt ist: Wir als Medien müssen verantwortungsvoll darüber nachdenken, also jedes Mal aufs Neue, und uns fragen: Transportieren wir diese Aussagen? Also nehmen wir mal an, niemand hätte das transportiert. Dann wäre das bei diesen - 99 Leute waren da glaube ich in Seebach in Thüringen bei diesem Treffen - dann wäre das bei diesen 99 geblieben, und niemand hätte davon irgendwie Notiz genommen.

Haverkamp: Ich muss Ihnen mehrfach widersprechen. Zum einen lässt sich heute nicht mehr irgendetwas unter der Decke halten, weil selbst die AfD inzwischen so eine professionelle Truppe hat, die diese Inhalte in die Welt posaunt und einem Millionenpublikum zugänglich machen kann, über soziale Netzwerke, das wissen Sie besser als ich. Zum anderen müssen wir Medien natürlich nicht nur dieses eine Zitat transportieren. Wir ordnen ein, stellen in einen Zusammenhang und zeigen auf, haben die Recht oder haben die nicht Recht? In diesem Fall hat er sicherlich nicht Recht.

Tietz: Nur das Kuriose ist, wir ordnen ganz oft ein, stellen Zusammenhänge her und kommentieren: Langsam ist bekannt, wie diese Menschen ticken. Und doch melden wir Provokationen immer wieder neu und halten damit deren Masche am Laufen. Die AfD ist erfolgreicher geworden, nicht bedeutungsloser. Und ich würde Ihnen widersprechen, wenn Sie sagen, die sind stark genug und die sind groß genug, das selbst in die Welt zu tragen. Wir sind da schon ein enormer Multiplikator. Natürlich sind die sehr professionell, was deren Social-Media-Arbeit anbelangt und die haben auch eigene Publikationen. Aber: Das spielt sich natürlich trotzdem alles in einer gewissen Filterblase ab. Diese Botschaften, die die loswerden, werden sie bei Leuten los, die diese Botschaften hören wollen. Wir als Multiplikator erreichen aber Leute, die bisher in dieser Filterblase gar nicht drin waren.

Haverkamp: Mir sind die Filterblasen viel zu groß. In ostdeutschen Ländern wird die AfD wahrscheinlich stärkste Partei bei den anstehenden Landtagswahlen. Im deutschen Bundestag stellt sie die größte Oppositionsfraktion. Herr Gauland, der "Vogelschiss"-Gauland ist Oppositionsführer, hat ein Rederecht, antwortet der Kanzlerin bei Regierungserklärungen. Diese Filterblase - 13 Prozent bundesweit - die ist mir viel zu groß. Die darf höchstens 4,9 Prozent groß sein.

ZAPP: Aber wie realistisch ist es denn, eine Partei zu ignorieren, die im Bundestag sitzt?

Tietz: Ich würde niemals so weit gehen zu sagen, wir ignorieren diese Partei. Ich würde nur sehr dafür plädieren sehr genau abzuwägen, welche dieser Aussagen transportieren wir. Wir müssen uns mit deren Programm auseinandersetzen - und da wird schnell klar, dass da nicht viel ist außer Ressentiments gegenüber Minderheiten. Ich höre immer nur Provokationen von denen, aber nie etwas zur Wohnungspolitik oder wie man prekäre Beschäftigung bekämpft.

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Glaubt nicht, dass man die AfD durch Nichtberichterstattung "im kleinen Wirtshaus" halten kann: Lutz Haverkamp.

Haverkamp: Aber sie bekommen doch ganz große Probleme bei der Abgrenzung. Was machen Sie denn mit einem Bundesminister, nehmen wir mal einen von der CSU, der sich abfällig über die Abschiebeindustrie äußert? Über Rechtsanwälte, die Flüchtlinge verteidigen? Oder mit anderen sehr konservativen Politikern, die halt diesen gesellschaftlichen Konsens vielleicht mal aufkündigen in einer Rede und Zitate loslassen, die auf diesem Gauland-Niveau sind? Werden die dann auch nicht berichtet? Und Frau Weidel hat vor wenigen Tagen von Messermännern und Kopftuchmädchen mitten im deutschen Bundestag gesprochen - nicht darüber berichten?

Tietz: Nein, da geht es nicht. Aber bei Gauland war es ein kleiner Saal in Seebach.

Haverkamp: Aber Sie sagen es auch vor einem größeren Publikum, wo Phoenix und andere Fernsehsender live da sind, wo alle Zeitungen berichten. Das ist eben nicht mehr nur im kleinen Wirtshaus, das tröpfelt in diese Gesellschaft rein.

Tietz: Ich will mal ein Beispiel nennen, das vielleicht ganz stichhaltig ist und möglicherweise für meine Argumentation taugt. Und zwar: Pegida in Dresden. Vor 1,5 Jahren waren die Woche für Woche groß in den Medien. Die hatten Zulauf von bis zu 15.000 Menschen, die da Montag für Montag hingegangen sind. Irgendwann haben die Medien begriffen, dass dieser Bachmann und diese Festerling einen an der Marmel haben und haben die einfach ignoriert - und heute sind diese Pegida-Demos kümmerliche, arme Veranstaltungen mit ein paar dutzend Leuten, die sich vor anderen Leuten auf Bierkästen am Bahnhof anbrüllen lassen.

Haverkamp: Dann stell ich mal die Gegenthese zu ihrer These auf: Die Berichterstattung über Herrn Bachmann und über Frau Festerling und diese ganzen anderen Verschwörungstheoretiker, die da rumrennen, genau das hat dazu geführt, dass heute keiner mehr zu Pegida geht. Weil jeder weiß, dass das bemitleidenswerte Menschen sind.

Tietz: Aber trotzdem provozieren die Woche für Woche weiter. Aber halt in ihrer Filterblase, und uns ist es egal.

Haverkamp: Weil sie keine Relevanz mehr haben.

ZAPP: Wir danken Ihnen für das Gespräch.

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ZAPP | 06.06.2018 | 23:20 Uhr