Stand: 04.06.2019 10:37 Uhr

Klimaschutz im TV: Von Mehrwegbechern bis Bienenstock

von Kathrin Drehkopf

Sie gehört zu den Personen, über die Medien in den vergangenen Monaten besonders lobend und viel berichtet haben: Greta Thunberg, Klimaschutzaktivistin und Initiatorin der Schülerproteste namens "Fridays for Future". Ihrem moralischen Appell, dringend den Planeten zu retten, folgten die Meinungen zuhauf in Kommentarspalten und Talkshows. Warnende Artikel über Plastikflut, Insektensterben und das Flugzeug als Klimakiller landen mittlerweile auf der Startseite statt im versteckten Wissenschafts-Ressort. ZAPP wollte wissen, ob das Engagement der Medien in puncto Umweltschutz genauso hoch ist, wenn es um das eigene Unternehmen geht.

Nachhaltigkeit - Elektroauto beim ZDF © NDR

Klimaschutz im TV: Von Mehrwegbechern bis Bienenstock

ZAPP -

Über "Fridays for Future" oder Klimaschutz wird viel berichtet. Wie aber halten es die Medien selbst mit dem Engagement in puncto Nachhaltigkeit? ZAPP hat nachgefragt.

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"Green Shooting" bei "UFA"

Bei der Produktionsfirma "UFA" kümmert sich das so genannte "Green Team" seit einigen Jahren systematisch darum, dass Umweltschutz bei der Entstehung von Filmen und Serien mitgedacht wird. Beispiel sind die RTL-Auftragsproduktionen "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" oder "Unter Uns". "Es geht nicht nur darum, Geld auszugeben, weil man sich irgendwie einen grünen Stempel holen will", sagt "Unter Uns"-Produktionsleiter Sebastian Haas.

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In Sachen Umweltschutz gehe es nicht um einen "grünen Stempel", erzählt Sebastian Haas, "Unter Uns"-Produktionsleiter.

Viele Investitionen in etwa effiziente LED-Lichttechnik oder ein neues Heizsystem sorgten mittelfristig für Einsparungen und damit für spürbar weniger Kosten. Letzteres verbrauche Zweidrittel weniger Energie als vorher. Plastikverpackungen sind sowohl in der Serie als auch hinter den Kulissen verschwunden, jeder Mitarbeiter hat eine eigene, aus einem Wasserspender wieder befüllbare Trinkflasche. Um Papier zu sparen, lesen und lernen die meisten Schauspieler die Drehbücher der Daily Soap auf dem Tablet-Computer. Darsteller, die nicht in der Region wohnen, sind angehalten, den Zug zu nehmen statt den Flieger. Mülleimer inklusive Müllbeutel sind aus den Büros verschwunden, jetzt gibt es nur noch einen für alle in der Teeküche.

Noch wenige Produktionen umweltfreundlich

"Green Shooting" nennt sich diese Art der Produktion. Dafür vergibt die Filmförderung Schleswig-Holstein als Zertifikat den so genannten "Grünen Drehpass". Auch die MFG Filmförderung Baden-Württemberg unterstützt Produktionen bei der Umstellung auf Nachhaltigkeit am Set. Leider seien es aber insgesamt immer noch "erschreckend" wenige Produktionen, die umweltfreundlich sind, sagt Birgit Heidsiek, die Medienunternehmen zum Thema berät und die Plattform "Green Film Shooting" betreibt. Sie sieht vor allem die Öffentlich-Rechtlichen in der Verantwortung. "Die Sender haben den großen Hebel. Sie sind in vielen Filmförderungen in den Gremien vertreten, vergeben Auftrags- und Eigenproduktionen", so Heidsiek. Ihrer Meinung nach wäre es "großartig", wenn man die Sender zum ökologischen Handeln verpflichtet und das im Rundfunkstaatsvertrag verankert.

Frage der Glaubwürdigkeit und Legitimation

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Nicht nur über Klimawandel berichten, sondern selber tätig werden - fürTordis Koch, Nachhaltigkeitskoordinatorin beim ZDF, ist das Frage der Glaubwürdigkeit und Legitimation.

Bisher gibt es keine entsprechenden rechtlichen Auflagen für die Öffentlich-Rechtlichen, ebenso kein übergreifendes Gremium, das Nachhaltigkeit strategisch für alle Sender steuert oder dem Beitragszahler gegenüber Rechenschaft ablegen muss. Das ZDF ist hier einen Schritt voraus: der Sender veröffentlicht als einzige öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt einen Nachhaltigkeitsbericht. "Das ist einfach eine Frage der Glaubwürdigkeit und Legitimation am Ende", sagt Tordis Koch, Nachhaltigkeitskoordinatorin beim ZDF - gerade, wenn der Sender über Klimawandel oder Plastik im Meer berichte. Ihre Position wurde Anfang dieses Jahres in der Intendanz geschaffen, um alle Maßnahmen abteilungsübergreifend zu steuern. Fragen zur Erweiterung des E-Fuhrparks, dem erfolgten Wechsel zu 100% Ökostrom oder "grüner IT" landen seitdem auf ihrem Tisch.

Nachhaltigkeit bei der ARD

In der ARD verfahren die einzelnen Sender sehr unterschiedlich. Die ZAPP-Umfrage unter den öffentlich-rechtlichen Anstalten zeigt, dass weniger als die Hälfte der Anstalten einen Beauftragten für das Thema Umwelt oder eine entsprechende Arbeitsgruppe hat. Oftmals wird der Punkt Energieeffizienz beim Gebäudemanagement mit verantwortet. Während fast alle Sender energetische Sanierungen unternehmen, Jobtickets für Mitarbeiter anbieten oder ihren Fuhrpark durch E-Autos ergänzen, wird "Green Shooting" lediglich vom SWR sowie dem ZDF erwähnt. Darüber hinaus fällt auf, dass viele Maßnahmen erst innerhalb der vergangenen fünf Jahre angeschoben worden sind. Alle Antworten der Sender an ZAPP finden Sie hier:

Erhöhte Aufmerksamkeit durch "Fridays for Future"-Proteste

Ebenso hat ZAPP große Verlage wie Axel Springer, Burda oder den Branchenverband VDZ angefragt. Dabei wird deutlich: In Bezug auf die Holzgewinnung für Zeitungs- oder Magazinpapier achtet die Branche seit den Neunzigerjahren auf verantwortungsvolle, nachhaltige Produktion und ging Bündnisse mit z.B. Greenpeeace ein. Mit Blick auf schwindende Auflagen und den Wandel hin zu Digitalunternehmen sieht Nachhaltigkeitsexpertin Birgit Heidsiek allerdings neuen Handlungsbedarf: "Verlage müssen darauf achten, dass der Strom für ihre Datenserver, auf denen die Online-Inhalte lagern, aus erneuerbaren Energien kommt", so Heidsiek. Bei Axel Springer etwa hat man das Problem erkannt. Der Verlag lagerte in den letzten Jahren alle großen Rechenzentren an externe Anbieter aus und hat sie zumindest verpflichtet, Daten zu liefern, damit der Verlag seinen CO2-Fußabdruck mit Blick auf die Servernutzung ausrechnen kann.

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Sieht vor allem die Öffentlich-Rechtlichen in der Verantwortung: Birgit Heidsiek berät Medienunternehmen zum Thema Nachhaltigkeit und betreibt die Plattform "Green Film Shooting".

Umweltschutz sei allerdings nicht unbegrenzt möglich, zum Beispiel, wenn es um tagesaktuellen Journalismus geht. "Ganz zuvorderst steht das Programm, die unabhängige Berichterstattung", sagt ZDF-Nachhaltigkeitskoordinatorin Tordis Koch. Fiktionale Inhalte seien planbarer, da sei Umweltschutz leichter umzusetzen als bei kurzfristigen Reportereinsätzen. 

Birgit Heidsiek hofft, dass die erhöhte Aufmerksamkeit auf das Thema durch die "Fridays for Future"-Proteste langfristig etwas in den Köpfen verändert, auch bei Medienunternehmen: "Es kann sich jetzt keiner mehr herausreden, er hätte es nicht gewusst. Wir sind die letzte Generation, die überhaupt noch etwas verändern kann."

CO2-Bilanz der Reisen für den Beitrag

Reisende Autorin:
HH-Köln 357 km, Köln-Mainz 139 km, Mainz-HH 414 km, Gesamt: 830 km. 29,5 kg CO2 (berechnet mit dem Quarks CO2-Rechner für Auto, Flugzeug und Co)
Team Nila TV, Opel Zafira
6.5.2019
(Benzin)
Nila TV – Köln HbF – UFA Filmproduktion: 11,2 km. UFA-Produktion – Köln HbF – Nila TV: 8,9 = 20,1 km = 4,8 kg CO2
7.5.2019
(Diesel)
Nila TV – ZDF: 191 km
ZDF – Mainz Hbf: 8,6 km
Mainz Hbf – Nila TV: 184 km, km total: 383,6 = 81,3 kg CO2
(Diesel)
Gesamtbilanz CO2 Autorin plus Team: 115, 6 kg CO2

 

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 05.06.2019 | 23:20 Uhr