Stand: 16.09.2020 15:30 Uhr

Entmenschlicht: Geflüchtete in den Medien

von Armin Ghassim, Tim Kukral

Menschen laufen hinter einem Auto her, reißen Flaschen aus dem Wagen, stoßen sich gegenseitig weg im Kampf um das lebenswichtige Wasser. Sie schlagen sich um eine Decke und schlafen auf der Straße. Es ist eine entwürdigende Realität, die sich aktuell auf Lesbos abspielt. Diese Realität abzubilden, ist Aufgabe von Journalistinnen und Journalisten. Doch die Wirkung dieser Berichterstattung hängt auch von ihrer Art und Weise ab. Das sagt die Medienwissenschaftlerin Prof. Elke Grittmann. Die Entmenschlichung der Geflüchteten durch die realen Zustände würde durch die Vermittlung entmenschlichender Bilder und Sprache zum Teil reproduziert.

VIDEO: Entmenschlicht: Geflüchtete in den Medien (6 Min)

Prof. Elke Grittmann, Medienwissenschaftlerin
Sichtbarkeit zu schaffen sei eine ganz wichtige Funktion des Journalismus, so Medienwissenschaftlerin Elke Grittmann. "Die zweite Ebene ist aber: Wie wird darüber berichtet, und wer wird wie gezeigt?"

Grittmann leitet eine Forschungsgruppe am Institut für Journalismus der Hochschule Magdeburg-Stendal, die die Berichterstattung über Geflüchtete untersucht. Im Interview mit ZAPP sagt sie: "Wir haben festgestellt, dass dabei immer wieder Bilder verwendet werden, die dehumanisieren, die die Menschen als anonyme Masse zeigen, die sie aus der Distanz zeigen, die sie nicht als Subjekte in ihrer Individualität zeigen. Das kann dann auch Ängste auslösen." Diese Ergebnisse deckten sich mit der Forschung der letzten Jahrzehnte. Geflüchtete und Migranten würden zu wenig zu Wort kommen, zu selten als handelnde, individuelle Akteure, zu oft nur als Objekt der Berichterstattung vorkommen.

Wie weit darf Berichterstattung gehen?

Clas Oliver Richter, Auslandschef des NDR und viele Jahre ARD-Korrespondent für Skandinavien, wo er auch über die Lage der Geflüchteten 2015 berichtete, kennt die Problematik: "Nachrichten sollen kurz und knapp informieren, möglichst umfassend. Also besteht auch die Gefahr, dass Nachrichtenbilder in solchen Situationen bei diesen Themen entmenschlichend wirken, weil man durch diese Verdichtung den Menschen, die man in den Bildern sehen kann, nicht gerecht wird."

Clas Oliver Richter, Korrespondent im ARD-Studio Stockholm © NDR Foto: Christian Spielmann
Kennt die schwierige Situation, über Geflüchtete zu berichten: Clas Oliver Richter, Auslandschef des NDR

Dabei stecken Journalistinnen und Journalisten häufig in einem Dilemma: Sie müssen auf Missstände hinweisen, prekäre Verhältnisse abbilden, Menschen in entwürdigenden Situationen zeigen. Das erzeugt in Krisen auch Mitgefühl und bewirkt Veränderungen. Gleichzeitig laufe man die Gefahr, die Menschen durch die Bilder weiter zu entwürdigen. Eine Kombination aus bestimmten Bildern, Szenen und der Wortwahl in Berichten könne dazu führen, meint Grittmann.

Gefahr der Entmenschlichung der Betroffenen

Beispiel: In einem 3-minütigen Video-Bericht auf "WeltN24" ist zunächst ein Handgemenge unter den Geflüchteten zu sehen, die sich um eine Bettdecke streiten. Danach zeigen die Bilder, wie Geflüchtete Holz sammeln. Dazu heißt es im Sprechertext: "Die Migranten helfen sich selbst, besorgen Bambus, um ein primitives Nachtlager bauen zu können." Und im Anschluss: "Eigentlich wollen sie alle auf das europäische Festland. Und auch dabei gibt es Verteilungskämpfe." Elke Grittmann sieht in diesem Bericht einige Punkte, die zu einer Entmenschlichung der Betroffenen beitragen können: "Der Begriff des Primitiven gehört  ja mit zu diesen langen Traditionen auch des Kolonialismus, der Zivilisation auf der einen Seite, der fortschrittlichen westlichen Welt, im Gegensatz zur primitiven Welt. Und damit wird ja auch ein Gegensatz erzeugt, der abwertend wirkt." Eine andere Formulierung wie "notdürftig" hätte weniger Assoziationen mit Vorurteilen geboten.

Auch die Fokussierung auf Streit und Handgreiflichkeiten unter den Geflüchteten sieht die Wissenschaftlerin kritisch: "Gerade die Berichterstattung über Lager ist sehr stark geprägt von diesem Fokus auf Gewalterfahrung oder Gewalt in den Lagern, die dort entsteht, sodass auch von einem Spektakel der Gewalt in diesem Kontext gesprochen wird in der Forschung." Die erzeuge den Eindruck, die Personen seien dort verantwortlich für den Ausnahmezustand und nicht die Situation selbst, die zu bestimmten Handlungen führe.

"WeltN24" sagt dazu auf Anfrage von ZAPP, der Bericht sei einer von vielen, die rund um die Uhr aktuell produziert würden. Die Wortwahl "primitiv" beziehe sich in keiner Weise auf die Menschen, sondern - wie klar im Beitrag genannt - auf das Nachtlager aus Bambus. Für alle Berichtenden bestehe die große Herausforderung, zu berichten was ist und dabei gleichzeitig den Respekt zu zollen und die Privatheit zu wahren, die jeder Mensch - egal wo - überall verdient.

Journalismus muss Sichtbarkeit schaffen

Das Dilemma der Berichterstattung über entmenschlichende Situationen gab es in den vergangenen Jahren immer wieder. So kursierte 2015 in einem Camp an der ungarisch-serbischen Grenze ein Video, das zeigt wie Polizisten den Geflüchteten, dicht an dicht gedrängten, Essen zuwerfen. Hierzu heißt es im Sprechertext bei "Focus Online": "Derartige Szenen kennt man normalerweise aus einem Tierstall."

Elke Grittmann sagt dazu: "Dieser erste Schritt, Sichtbarkeit zu schaffen ist eine ganz wichtige Funktion, die Journalismus hier übernimmt. Die zweite Ebene ist aber: Wie wird darüber berichtet, und wer wird wie gezeigt? Wer wird zu einem handelnden Akteur? Wer wird zum anonymen Opfer? Wer wird zur anonymen Masse, die scheinbar ohne Rechte ist?" Der Tiervergleich im Text zusammen mit den Bildern und ohne Stimmen der Betroffenen laufe Gefahr, eine Assoziation von "den unzivilisierten Geflüchteten" zurückzulassen.

"Focus Online" sagt dazu auf Anfrage: "Als Journalisten haben wir die Aufgabe, Missstände aufzudecken und sichtbar zu machen. Die Szenen im Video aus dem Jahr 2015 belegen einen unmenschlichen Umgang mit Geflüchteten. Der drastische und inhaltlich sicher zutreffende Vergleich mit der Haltung von Tieren wurde gewählt, um das Problem und sein Ausmaß anzuprangern. Hier geht es in keinster Weise darum, geflüchtete Menschen in die Nähe von Tieren zu rücken - im Gegenteil! In dem Beitrag wurde angeprangert wie mit Flüchtlingen umgegangen wird, weil es sich hierbei um unmenschliche Bedingungen handelt."

Gespräch auf Augenhöhe

Isabel Schayani aus Lesbos
Berichtet auf Augenhöhe: Isabel Schayani auf Lesbos.

Es ist ein schmaler Grat in der Berichterstattung über die unmenschlichen Verhältnisse, denen Geflüchtete zum Teil in Europa ausgesetzt sind. Ein positives Beispiel sieht die Forscherin Grittmann in der aktuellen Berichterstattung von Isabel Schayani aus Lesbos, beispielsweise in einer 10-minütigen Schalte bei "Anne Will". Auch hier komme die Familie, mit der Schayani auf dem Bordstein sitzt, nur zweimal zu Wort. Das Gespräch sei ansonsten aber gelungen: "Das Gespräch war sehr auf Augenhöhe. Und nicht nur dadurch, dass sich Schayani hingesetzt hatte mit der Familie, sondern auch in der Art der Gesprächsführung. Ein wichtiges Moment ist die Frage der Sprachkenntnisse. Das erzeugt eine andere Unmittelbarkeit, eine ganz andere Ansprache."

 

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 16.09.2020 | 23:20 Uhr