Stand: 20.09.2018 11:08 Uhr

WDR nach #metoo: Schuld sind auch Strukturen

Ein Sender mit einem "signifikanten Machtgefälle", Abteilungen und Studios, die zum Teil wie "Erbhöfe" geführt werden - und bisher bekannte Fälle sexueller Belästigung als "Spitze des Eisbergs": Der Abschlussbericht "Mehr als #Metoo - Die Verantwortung des WDR als Arbeitgeber" wirft ein schlechtes Bild auf die größte ARD-Anstalt. "Er ist wirklich sehr, sehr konkret und schonungslos", sagt Martina Welchering aus dem Personalrat. Ihr gibt der Bericht Rückenwind für ein kräftiges Update der Strukturen gegen ein Klima der Angst, hin zu Respekt und Wertschätzung.

WDR  Foto: Screenshot

WDR nach #metoo: Schuld sind auch Strukturen

ZAPP -

Der #MeToo-Prüfbericht von Monika Wulf-Mathies stellt dem WDR ein schlechtes Zeugnis aus. Aber er liefert der Führungsspitze Instrumente, um aus der Krise zu kommen.

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Prüferin Monika Wulf-Mathies, eine ehemalige Gewerkschaftschefin, empfiehlt einen radikalen Kulturwandel. In ihrem Bericht zeigt sie auf, was nicht mehr sein soll, etwa wenn "Entscheidungen über Personalauswahl von den jeweiligen Direktionen mehr oder minder unbeeinflusst von allgemeinen Standards" getroffen würden. Vor allem beim Fernsehen sei das Problem, dass Journalisten, die im Programm präsent seien, "dann einfach auch noch Chefs sind und sich dem mehr oder minder gern widmen".

"Da darf sich nichts verselbständigen"

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Ihr Bericht soll Veränderungen anstoßen: Monika Wulf-Mathies.

Wulf-Mathies hat der WDR-Spitze etliche Instrumente mit an die Hand gegeben, die die Rundfunkanstalt aus der Krise führen könnten. Zentral und auch vom Personalrat gestützt ist die Installation einer sogenannten Clearingstelle, also einer neuen Anlaufstelle im WDR für Beschwerden über Belästigung, Diskriminierung oder sogar Missbrauch.

"Jemand weiß dann genau: Wenn ich heute meine Beschwerde hier rein gebe, dann ist sie nächste Woche da und übernächste Woche dort", sagt Personalrätin Welchering. "Die beteiligten Personen müssen identifizierbar und der ganze Vorgang transparent sein. Da darf sich nichts verselbständigen."

Von sich selbst begeisterte Chefs

Die Idee einer Clearingstelle findet Intendant Tom Buhrow nach Nachfragen bei Monika Wulf-Mathies gut: "Ich musste erst mal nachfragen, was damit genau gemeint ist, weil wir ja schon eine Anlaufstelle im Interventionsausschuss haben. Also noch 'ne Stelle? Was heißt das? Aber ich habe es verstanden. Sie hat mir das erklärt und ich werde jetzt alles ernst nehmen, was sie als Empfehlung gibt."

Der WDR müssen außerdem kontinuierlich schulen, mahnt Wulf-Mathies. Bis auf ein Führungskräfteseminar am Anfang fehle im WDR in Bezug auf Fortbildungen für Führungskräfte Verbindlichkeit. "Wer 20 Jahre lang bleibt, der muss da nie wieder hingehen", berichtet die Prüferin. "Und da gibt es offensichtlich genügend Leute, die so begeistert von sich sind, dass sie das für sich nicht für nötig erachten."

Buhrow will an Führungspersonal festhalten

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Kulturwandel mit altem Führungspersonal: WDR-Intendant Tom Buhrow bei der Vorstellung des Berichts zu sexueller Belästigung im WDR.

An seinem Führungspersonal will der Intendant gleichzeitig festhalten. Auch die, denen ein zu zögerlicher Umgang mit bisher bekannten Belästigungsvorwürfen vorgeworfen wurde, sollen bleiben. "Ein Kulturwandel und Strukturwandel heißt nicht unbedingt, dass man alle Personen auswechselt. Dann purzelt alles durcheinander", sagt Buhrow und betont, alle hätten versichert, sie hätten sich bei einem besseren Informationsstand anders verhalten. "Ich habe mir ein sehr gutes Führungsteam zusammengestellt und absolutes Vertrauen. Mit denen bewältigen wir jetzt den Kulturwandel."

WDR startet AG "Kulturwandel"

Auf einer Betriebsversammlung am 18. September hat Buhrow dafür den Start einer "Arbeitsgruppe Kulturwandel" und diverser "Diagnose-Workshops" bekannt gegeben. Diese sollen die Probleme in den Funkhäusern genau herausarbeiten. Viele Mitarbeiter hat das überrascht, weil der Bericht der ehemaligen Gewerkschaftschefin Wulf-Mathies die vorhandenen Probleme auf 22 Seiten schon sehr genau benennt.

Prüferin Wulf-Mathies betont unterdessen, dass ihr Bericht sich natürlich vor allem mit Defiziten beschäftige. Im WDR laufe aber auch einiges gut. In ihrem Bericht heißt es etwa: "Einige Führungskräfte gehen inzwischen sehr sensibel mit dem Thema um und versuchen, Konflikte durch konsequentes Handeln vor Ort zu lösen."

WDR ist nicht allein mit dem Problem

Als ehemalige Gewerkschafterin weiß Wulf-Mathies zudem: Die Probleme des WDR finden sich in vielen Häusern mit historisch gewachsenen Machtstrukturen. "Ich hoffe, dass jetzt nicht gesagt wird 'Ätsch, guck mal, der WDR!', sondern dass lieber mal vorsichtig geguckt wird, was ist bei uns so ähnlich und was können wir tun, damit sowas möglichst bei uns nicht passiert."

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