Per Privatjet nach Sylt - und das Klima?

Stand: 27.06.2023 18:00 Uhr

Mit dem Privatjet in den Wochenendtrip fliegen - für die meisten Menschen ist das nicht nur unbezahlbar, es ist auch extrem klimaschädlich. Reiche verursachen mit ihrem Lebensstil statistisch einen erheblichen Klimaschaden. Ein beliebtes Flugziel: Sylt.

von Christian Baars, Eike Köhler und Mirco Seekamp

Schon seit Mai herrscht am Flughafen auf Sylt Hochbetrieb. Täglich landen Dutzende Flugzeuge, nicht nur von Fluglinien, sondern auch viele private Maschinen. Viele Gäste, die mit dem Propellerflugzeug oder auch dem Privatjet hier landen, kommen nur für einen Kurztrip auf die Insel.

Mit einigen von ihnen sprachen Reporter von Panorama 3 kurz vor Pfingsten. "Wir sind heute Abend eingeladen auf eine Party", sagte etwa Hajo G. "Ich bin selbst Pilot und aus Hamburg hier eben reingeflogen."

Dass Sylt aus Hamburg einfach und stündlich per Bahn zu erreichen ist, ist den fliegenden Gästen bewusst. Nur einmal sei er mit der Bahn gefahren, "grauenvoll" sei das gewesen, erzählte Philipp H. "Diese Bahn ist hier absolut unter aller Sau." Auf Sylt wolle er über Pfingsten entspannen und "mal ein Buch lesen", bevor es per Flieger zurück gehe.

Lieblingsziel: Sylt

Philipp H. © NDR
Ist mit dem Zustand der Bahn nach Sylt nicht zufrieden: Philipp H.

Die Reise mit dem eigenen Flugzeug ist extrem klimaschädlich. Pro Flugstunde verursachen die Maschinen Hunderte bis Tausende Kilogramm Treibhausgase, je nach Größe. Dennoch fliegen in Deutschland so viele Privatjets wie nie zuvor, wie aus Daten der Luftfahrtüberwachung für das Jahr 2022 hervorgeht. Die Nachfrage hat sich nach der Corona-Pandemie schnell erholt.

Dass es dabei wohl nicht nur um Businessflüge geht, zeigt exemplarisch eine Anfrage der Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft. Am häufigsten gingen 2022 von Hamburg aus gestartete Inlandsflüge per Privatjet nach Sylt. Insgesamt 459 Mal starteten und landeten Jets zur oder von der Nordseeinsel - Propellerflugzeuge sind nicht mitgerechnet. Das am häufigsten von Hamburg aus angeflogene Auslandsziel war Mallorca, ebenfalls keine Wirtschaftsmetropole.

"Letzte Generation" protestiert

Ein mit Farbe beschmierter Jet auf einem Rollfeld. © picture alliance/dpa/TNN Foto: Julius Schreiner
Protest gegen klimaschädlichen Lebensstil Superreicher: Von der "Letzten Generation" angesprühter Privatjet.

Auch deshalb suchten sich Klimaaktivisten der "Letzten Generation" zuletzt den Sylter Flughafen für ihre Aktionen aus - sie besprühten einen abgestellten Privatjet mit orangener Farbe. "Wir waren auf Sylt, weil es halt die Insel der Superreichen ist", sagte die Aktivistin Regina, die bei der Aktion dabei war, Panorama 3. "Wir können nicht länger zusehen, wie einige wenige Menschen unsere Lebensgrundlagen so sehr zerstören."

Es ist statistisch nachweisbar, dass der Lebensstil von Reichen dem Klima erheblich mehr schadet als der der übrigen Menschen. Allein das reichste Prozent der Weltbevölkerung verursacht mit rund 8,5 Milliarden Tonnen im Jahr deutlich mehr Treibhausgase als die gesamte ärmere Hälfte mit 6,1 Milliarden Tonnen. Im Schnitt gilt: Je reicher ein Mensch ist, desto größer ist sein Klimaschaden.

 

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Mit Volkswagen durch die Welt jetten

Aber nicht jeder wohlhabende Syltfan, der per Flugzeug auf der Insel einschwebt, tut dies auch mit der eigenen Maschine. Wer es sich leisten kann, kann sich für ein paar Tausend Euro einen Jet chartern. Zum Beispiel aus der Flotte des Volkswagen-Konzerns.

Über die zwei Tochterfirmen Porsche AirService und Volkswagen AirService betreibt der Auto-Hersteller acht Flugzeuge. Neben VW-Mitarbeitern können sie auch von Externen gechartert werden – für 2.000 bis 15.000 Euro pro Flugstunde, wie Volkswagen AirService erklärt. Die Flugzeuge könnten so besser ausgelastet werden.

Tatsächlich spart VW damit aber auch Steuern. Denn für die Firmenflotte besitzt der Konzern ein Luftverkehrs-Zertifikat und gilt damit als gewerbliches Luftfahrtunternehmen, das Passagiere befördern darf. Dadurch entfällt die Energiesteuer auf den Treibstoff und es müssen keine Verschmutzungsrechte im Rahmen des EU-Emissionshandels gekauft werden.

Dem Staat - der über das Land Niedersachsen sogar beträchtlich am Konzern beteiligt ist - entgehen so Millionen an Steuereinnahmen. Mehr dazu lesen Sie bei tagesschau.de.

 

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Ein Jet der VW Air Service auf dem Flughafen München (Archivbild) © picturealliance/Chromoorange Foto: Markus Mainka

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 27.06.2023 | 21:15 Uhr

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