Landwirtschaft im Moor: Vom CO2-Problem zur Lösung

Stand: 09.11.2021 17:50 Uhr

Viele entwässerte Flächen werden für die Landwirtschaft genutzt: Allerdings stoßen trocken gelegte Moore viel CO2 aus. Eine Wiedervernässung kann den Kohlendioxid-Ausstoß stoppen.

von Alexa Höber

Die Hörner von Stefan Clausens Rindern sind fast so lang wie ein Oberarm. Diese Besonderheit tragen sie auch im Namen: English-Longhorns heißt die alte englische Rasse. Landwirt Clausen hält sie auf einem Moorgebiet am Niedersächsischen Dümmer. Früher waren die Weiden ganzjährig nass, doch inzwischen ist das Moor trockengelegt, wie viele Moore in Norddeutschland. Um Futter für Milchkühe zu gewinnen, müssen die Wiesen mehrmals im Jahr gemäht werden, mit nassen Böden geht das nicht.

Weniger Wasser im Moorboden führt zu Problemen

In Deutschland wurden etwa 95 Prozent der früheren Moorflächen entwässert - doch was für die Landwirtschaft zunächst ein Vorteil ist, bringt Nachteile mit sich, die jetzt im Zuge der Klimakrise Beachtung finden. Sinkt das Wasser im Boden, kommt der Torf in Berührung mit Sauerstoff. Dann verbindet sich ein Kohlenstoff-Atom mit zwei Sauerstoff-Atomen und geht als Kohlendioxid in die Luft. Durch diesen Abbau des Bodens sinkt die Gelände-Oberkante ab - fast unmerklich, weil das langsam passiert. Doch der Boden hier am Dümmer liegt heute schon etwa 1,60 Meter niedriger als vor 120 Jahren.

Hohe CO2-Emissionen aus entwässerten Mooren

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Thünen-Institut erforschen in den kommenden Jahren, um wie viele Zentimeter pro Jahr sich unterschiedlich stark entwässerte Moorböden abbauen. Dafür werden an insgesamt 200 Standorten bundesweit Daten erhoben. So lassen sich die CO2-Emissionen aus entwässertem Moorboden noch exakter bestimmen. Klar ist, etwa sieben Prozent der nationalen Treibhausgas-Emissionen stammen aus trockengelegten Mooren - das entspricht in etwa den Emissionen des Flugverkehrs in Deutschland im Jahr 2014. In Mecklenburg-Vorpommern stammen sogar 30 Prozent der gesamten Emissionen des Landes aus entwässerten Mooren.

Wiedervernässung verringert die Emissionen - und zwar schnell

In Norddeutschland wird auf Moorböden vor allem Milch produziert. Doch einige Landwirt:innen steigen um - auf eine Bewirtschaftung, die auch auf nassen Flächen funktioniert. So hat Familie Koll aus Schleswig-Holstein ihre Milchkühe in diesem Jahr abgeschafft und hält nur noch Fleischrinder. Der Wasserstand auf ihren Weiden ist jetzt höher. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass aus dem jetzt nassen Torfboden sehr viel weniger CO2 entweicht. Mit einer Wiedervernässung kann der Ausstoß von CO2 also schnell verringert werden. Langfristig nehmen renaturierte Moorböden, auf denen wieder moortypische Pflanzen wachsen, sogar Kohlendioxid aus der Luft auf.

Doch noch ist eine Landwirtschaft auf nassen Flächen stark von Subventionen abhängig: Das Land Schleswig-Holstein möchte umfangreiche finanzielle Mittel für die Wiedervernässung von Mooren zur Verfügung stellen und plant ab dem Jahr 2030 bis zu 717.500 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr einzusparen. Zum Vergleich: Der Gebäude-Sektor verpasste als einziger Sektor im Jahr 2020 sein Klimaziel und verursachte bundesweit zwei Millionen Tonnen zu viel CO2.

330 Millionen Euro für Wiedervernässung

Bis 2030 sollen laut Bundeslandwirtschaftsministerium die Treibhausgas-Emissionen aus Moorböden bundesweit jährlich um fünf Millionen Tonnen CO2-Äquivalente reduziert werden. Für Maßnahmen zur Wiedervernässung stelle die Bundesregierung bis 2025 rund 330 Millionen Euro zur Verfügung, heißt es aus dem Ministerium.

Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium gibt zu bedenken, eine vollständige Wiedervernässung sei mit erheblichen dauerhaften Einschnitten in die Nutzungsmöglichkeiten und Grundrechte der Eigentümer und Bewirtschafter verbunden. Sie könne daher nur mit einem angemessenen finanziellen Ausgleich einhergehen. Auch der Bauernverband argumentiert, dass Grundeigentümer*innen nicht schleichend aus der Nutzung ihrer Flächen gedrängt werden sollen, und fordert, dass nur "freiwillige und einvernehmliche Lösungen umgesetzt werden".

"Freiwillige Lösungen" für die Landwirtschaft

Doch dass sich die Nutzung der Moorböden ändern muss, ist in den Augen vieler Wissenschaftler*innen klar. Die Stiftung Klimaneutralität empfiehlt: Bis 2045 solle die trockene Moornutzung von heute 55 Prozent vollständig beendet werden, die Nutzung als feuchtes Grünland von heute 45 Prozent auf 20 Prozent zurückgefahren werden.

In 23 Jahren wären dann 80 Prozent der heute trockengelegten Moorböden wieder vernässt. Gerade am Anfang solle der Prozess auf Anreize und Freiwilligkeit setzen. Klar ist: Wenn Klimaschutz gelingen soll, müssen Landwirtschaft und Wissenschaft Hand in Hand arbeiten. Und dabei sollen den Landwirt*innen nicht einfach Flächen weggenommen werden, sondern Ziel ist es, mit der Landwirtschaft gemeinsam neue Bewirtschaftungsmöglichkeiten auf nassen Flächen zu entwickeln.

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