Stand: 18.08.2011 16:45 Uhr Archiv

Das Doppelleben der Dora Ratjen

von Bettina Lenner, NDR.de
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Dora Ratjen 1937.

Die drei besten deutschen Hochspringerinnen waren seinerzeit Gretel Bergmann, Elfriede Kaun und Ratjen. Das Trio verbrachte viel Zeit in gemeinsamen Trainingslagern. Einiges, aber nicht alles war auf so engem Raum zu verbergen. "Dass mit Dora etwas nicht stimmt, haben wir gewusst, weil sie beim Duschen immer ihre Turnhose anbehielt. Aber ich wäre die Letzte gewesen, die was gesagt hätte. Da hätte es doch sofort geheißen, das ist Konkurrenzneid", meinte die am 5. März 2008 in Kiel verstorbene Kaun. Bergmann, die sich in Trainingslagern ein Zimmer mit der großgewachsenen Bremerin teilte, war argloser: "Ich wusste nichts. Ich wusste nur, das ist eine merkwürdige Person. Ich habe schon gemerkt, dass sie sich rasieren musste, dass sie Haare auf der Brust hatte und gar keinen Busen. Aber ich habe niemals geahnt, dass das ein Mann ist."

Bergmann um Olympia-Start betrogen

Erst 1966 erfuhr Bergmann aus der Presse die Wahrheit, da lebte sie längst in den USA. Geflohen vor dem Naziregime, das die Athletin mit der jüdischen Herkunft um die Olympia-Teilnahme betrogen hatte. Formell war sie als einzige Jüdin Mitglied der olympischen Kernmannschaft. Doch der Schein trog. Nur weil die USA mit Boykott gedroht hatten, wenn die Nazis keine Juden in der Mannschaft haben, hatte die Reichssportführung Bergmann aus ihrem Exil in Großbritannien nach Deutschland zurückbeordert. Kurz vor Beginn der Spiele stellte sie mit 1,60 m Kauns deutschen Rekord ein und ihre herausragende Form unter Beweis. Starten durfte die zu diesem Zeitpunkt weltbeste Hochspringerin in Berlin dennoch nicht: Kaum hatte sich die US-Delegation per Schiff auf den Weg nach Deutschland gemacht, wurde Bergmann nur wenige Tage nach ihrem Rekordsprung von Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten ausgeladen: "Sie werden auf Grund der in letzter Zeit gezeigten Leistungen wohl selbst nicht mit einer Aufstellung gerechnet haben", hieß es in dem Schreiben. Dem Rest der Welt teilte er mit, Bergmann sei verletzt und könne nicht antreten. Der dritte Startplatz im Team blieb bewusst frei, um Rückfragen zu vermeiden.

"Falsches Spiel" geht nicht auf

"Das ist die merkwürdigste Situation, in die man als Sportlerin geraten kann: dass eine Frau von einem Mann ersetzt wird, um eine Medaille zu gewinnen und den Medaillengewinn einer Jüdin zu verhindern", erklärte Bergmann, die im Mai 1937 Deutschland verließ und 1937 und 1938 amerikanische Meisterin wurde. Sie geht von einer gezielten Intrige der Nazis aus, um den möglichen Triumph einer Jüdin zu sabotieren - und gleichzeitig um jeden Preis zu siegen. Auch Journalist und Leichtathletik-Experte Gustav Schwenk glaubt daran, dass die Nazis Ratjens eigentliches Geschlecht zumindest geahnt und den Betrug gebilligt hatten: "Die damalige Vereinsspitze nahm in Kauf, dass jemand sprang, der keine Frau war, dafür aber Erfolge garantiert", sagte Schwenk dem NDR Fernsehen. Das "falsche Spiel der Nazis" (Bergmann) geht zumindest nicht zur Gänze auf. Ratjen wird hinter der drittplatzierten Kaun Vierte und verpasst die angepeilte Medaille. Bergmann aber fühlt sich längst nicht nur um Edelmetall betrogen: "Ich wollte nach Berlin und allen Nazis zeigen, zu was ein Jude imstande ist. Es ging nicht mehr um Sport, um Hochsprung, um eine Medaille, sondern nur noch darum, sie bloßzustellen."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 28.08.2011 | 23:30 Uhr