Stand: 24.07.2020 09:01 Uhr  | Archiv

Jan Ullrich: Vom Aufsteiger zum Aussteiger

von Johannes Freytag, NDR.de

Der Absturz

Jan Ullrich wird vor dem Start der Tour de France 2006 vom Team T-Mobile suspendiert. © picture alliance / dpa Foto:  Gero Breloer
Unmittelbar vor dem Start der Tour 2006 wird Jan Ullrich von seinem Radteam suspendiert.

Doch im Jahr 2000 fährt Armstrong noch unbeirrt allen davon. "Wir waren keine Idioten", sagt Rudy Pevenage, Ullrichs Betreuer von damals. "Wir kannten Armstrong vor seiner Krebserkrankung. Die Verwandlung nach seiner Rückkehr war unglaublich. Wir haben schnell begriffen, dass es keine Wahl gibt." Der Belgier spricht es nicht aus, aber es ist klar, was er meint. Dass Ullrich beim Blutaufbereiter Eufemiano Fuentes in Madrid nur Chancengleichheit mit Armstrong sucht. Das ist die Logik aller Doper: Ich mache es, weil es die anderen machen. Die anderen machen es, aber als einer der wenigen fliegt Ullrich auf. Die Bombe platzt unmittelbar vor dem Start der Tour de France 2006: Der Deutsche wird vom Start ausgeschlossen und sein Rennstall, das T-Mobile-Team, kündigt ihm fristlos. An den Verbindungen Ullrichs zu Fuentes lassen die Ermittlungen des Bundeskriminalamtes keinen Zweifel. Sichergestellte Blutbeutel werden per DNA-Analyse eindeutig Ullrich zugeordnet.

Der Ausstieg

Jan Ullrich © picture alliance Foto: picture alliance
26. Februar 2007: Jan Ullrich gibt das Ende seiner aktiven Karriere bekannt.

Trotz aller Indizien streitet der Sportler alles ab. Am 26. Februar 2007 gibt der 34-Jährige das Ende seiner Laufbahn als aktiver Radprofi bekannt. Und obwohl die Staatsanwaltschaft das Verfahren trotz der eindeutigen BKA-Erkenntnisse gegen Zahlung von 250.000 Euro einstellt, bröckelt Ullrichs Fassade immer weiter. Oberstaatsanwalt Fred Apostel erklärt am 14. April 2008 klipp und klar: "Unsere Ermittlungen über 21 Monate haben ergeben: Ullrich hat gedopt." Eine Klage wird jedoch nicht erhoben. Ullrich selbst kommentiert auf seiner Homepage: "Die Zahlung ist kein Schuldeingeständnis. Ein Geständnis konnte es auch deshalb nicht geben, weil es keinen Betrogenen gibt."

Das Urteil

Es fällt schwer zu glauben, dass das flächendeckende Dopingsystem im Team Telekom ausgerechnet den Kapitän nicht erfasst haben könnte. Beweise gibt es nicht, aber viele Indizien und viele Geständnisse: Die Telekom-Profis Bert Dietz, Udo Bölts, Christian Henn, Rolf Aldag und Erik Zabel geben nach ihrer Karriere Doping zu. Auch zwei Mediziner, die damals das Radteam betreuten, gestehen die Verabreichung verbotener Substanzen. Ullrich jedoch bleibt stur. Genützt hat es ihm nichts. Im Februar 2012 spricht der Internationale Sportgerichtshof CAS den Deutschen wegen dessen Verstrickung in den Fuentes-Skandal schuldig. Alle Ergebnisse seit dem 1. Mai 2005, unter anderem Rang drei bei der Tour im selben Jahr, werden aus den Ergebnislisten gelöscht. Zudem wird Ullrich offiziell bis zum 22. August 2013 gesperrt.

Ein Leben im "Jetzt"

Jan Ullrich beim Ötztaler Radmarathon 2011. © picture alliance / Augenklick/Roth Foto: Roth/Augenklick
Jan Ullrich zeigt sich nur noch bei Jedermann-Rennen wie hier beim Ötztaler Radmarathon 2011.

Der Ex-Profi zieht in die Schweiz und lässt seine Fans via Homepage an seinem Leben teilhaben. Er berichtet zum Beispiel, dass er eine Burnout-Krankheit überwunden habe. Er steigt sogar wieder aufs Rad - allerdings nur noch bei Jedermann-Rennen und in Trainings-Camps für Hobby-Fahrer, wo er die treuesten der treuen Fans um sich schart. Sie bezahlen ein kleines Vermögen, um ein paar Tage mit dem Helden von einst zusammen zu fahren. Ullrichs einstige Kollegen und Rivalen sind derweil fast sämtlich des Dopings mit Epo überführt worden oder haben es gestanden. Nur Ullrich schafft es bislang nicht, sich dieses Geständnis abzuringen. "Ich sehe mich insgesamt als sehr glückliche Person, dass ich so ein Leben führen konnte. Ich bin trotz der Fehler, die ich begangen habe, sehr stolz auf meine Karriere. Mit dem anderen Thema habe ich abgeschlossen und lebe im Jetzt", sagt er dem NDR Sportclub.

Zurück in den Schlagzeilen

Anfang August 2018 sorgt der mittlerweile 44-Jährige auf seinem Wohnsitz Mallorca für großes Aufsehen. Ullrich wird nach einem Zwischenfall auf dem Grundstück seines Nachbarn, Kinostar Til Schweiger, zwischenzeitlich in Gewahrsam genommen. Der Ex-Sportler räumt den Konsum von Drogen ein und will sich nun in Deutschland in Behandlung begeben. Kaum in seiner Heimat angekommen, sorgt der Rostocker wieder für Schlagzeilen: Er wird am 10. August in Frankfurt wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung an einer Prostituierten vorläufig festgenommen.

"Es soll zum Streit und zu einem körperlichen Angriff auf eine Frau gekommen sein. Hierbei soll der Beschuldigte sie gewürgt haben, bis ihr schwarz vor Augen wurde", teilt die Staatsanwaltschaft mit. Das ehemalige Rad-Idol habe "zur fraglichen Tatzeit unter massivem Alkohol- und Drogeneinfluss" gestanden, heißt es weiter. Ullrich akzeptiert und bezahlt den Strafbefehl über 7.200 Euro und gilt damit als vorbestraft.

Seitdem ist es ruhig um Jan Ullrich geworden. Medienberichten zufolge hat er sich nach 13 Jahren Ehe von seiner Frau Sara scheiden lassen, die drei Kinder leben bei ihr. Er selbst wohnt offenbar wieder in Merdingen in der Nähe von Freiburg, wo auch seine einstige Partnerin Gaby lebt, mit der er eine gemeinsame Tochter hat.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 25.07.2020 | 14:00 Uhr