Gerd Kische steht am Alten Strom in Warnemünde. (Aufnahme von 2020) © picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Gerd Kische: Immer Hansa Rostock und niemals leise

Stand: 23.10.2021 14:58 Uhr

Gerd Kische hat die Geschichte von Hansa Rostock als Spieler und Funktionär geprägt wie kaum ein Zweiter. Dabei ging der meinungsstarke Teterower keinem Konflikt aus dem Weg.

Ob als beinharter Abwehrmann in der DDR-Oberliga (182 Einsätze), als 63-facher Nationalspieler und Olympiasieger oder später als Präsident und Manager - Gerd Kische drückte mehr als ein halbes Jahrhundert dem FC Hansa Rostock seinen Stempel auf: selbstbewusst, ehrgeizig, streitbar. "Ich bin kein Nostalgiker. Es war eine wunderschöne Zeit. Das war's. Ich bin rundum zufrieden und glücklich. Ob der ein' oder andere es auch mit mir war, weiß ich nicht", sagt Kische ohne Wehmut.

100 Meter in 10,7 Sekunden

Schon mit 19 debütierte der gebürtige Teterower in der ersten Mannschaft und wusste sich im Ensemble der erfahrenen Hansa-Größen wie Herbert Pankau, Gerd Sackritz und Helmut Hergesell zu behaupten. "Gerd hatte fußballerische Qualitäten, die heute noch gefragt wären. Er war sehr schnell, körperlich robust und kaum auszuspielen. Wahrscheinlich war er einer der besten rechten Verteidiger seiner Zeit", urteilt sein früherer Mitspieler Joachim Streich.

Vor allem Kisches Tempo beeindruckte: Zu seinen besten Zeiten lief er die 100 Meter in 10,7 Sekunden.

"Bulle" Kische gewinnt 1976 Olympia-Gold

Schnell gelang dem "Bullen", wie Kische wegen seiner Statur genannt wurde, der Sprung ins Nationalteam. Mit der DDR-Auswahl holte er 1976 in Montreal den Olympiasieg - der größte Erfolg seiner Laufbahn. "Wir haben völlig verdient Gold geholt, waren vielleicht noch stärker als zwei Jahre zuvor bei der WM", erinnert sich der Stammverteidiger, der auch beim legendären 1:0-Sieg der DDR gegen die Bundesrepublik bei der WM 1974 im Aufgebot stand.

"Es hat unheimlich gut getan, denen zu zeigen, dass wir auch Fußball spielen können. Aber als Klassenkampf haben wir das Spiel nicht empfunden", ordnete der Defensivmann später den Sieg des Außenseiters ein.

Hansa Rostock stets die Treue gehalten

Obwohl Hansa in den 1970er-Jahren dreimal in die zweitklassige DDR-Liga abstieg, hielt Kische seinem Heimatclub die Treue. Erst auf Druck des Fußballverbandes, der den unbequemen Spieler loswerden wollte, musste er 1981 den FC Hansa verlassen und ließ seine aktive Laufbahn bei zweitklassigen Vereinen in Rostock und Neubrandenburg ausklingen.

Streit mit Trainer Reinders und Präsident Diestel

Nach der Wende startete Kische seine Funktionärskarriere. Als Präsident feierte er mit Hansa 1991 den letzten DDR-Meistertitel und die Qualifikation zur Bundesliga. Da er sich aber mit Uwe Reinders überwarf und den Trainer feuerte, war er am Abstieg 1992 nicht unbeteiligt. "Irgendwann war mir klar: Wir haben sportlichen Erfolg - und einen Vollidioten als Präsidenten", sagte Reinders dem "kicker". "Jedes Mal, wenn die Presse von der 'Reinders-Elf' schrieb, hat er sich beschwert bei mir, als ob ich die Texte verfasst hätte."

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Rostock-Trainer Uwe Reinders © picture-alliance

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Reinders war einer der wenigen Trainer, die zur Wendezeit vom Westen in den Osten gingen. Mit ihm wurde Hansa am 4. Mai 1991 Meister der NOFV-Oberliga. mehr

Auch als Manager eckte Kische unter seinem Präsidenten-Nachfolger Peter-Michael Diestel an und musste 1995 bei Hansa endgültig gehen. "Da gibt es ein paar positive Dinge, ein paar negative Dinge und auch ein paar Sachen, die man hätte besser sein lassen können", resümiert Kische. Vielleicht meint er damit auch ein Fernseh-Interview, in dem er seinem damaligen Chef attestierte, "überhaupt keine Ahnung" zu haben.

Kische tritt nur selten öffentlich auf. Seinen Herzensverein Hansa Rostock verfolgt er aber immer noch ganz genau. Denn alte Liebe rostet nie.

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Nordmagazin | 23.10.2021 | 19:30 Uhr