Stand: 27.04.2020 09:00 Uhr

Kiels Dahmke: "Extrem angsteinflößende Situation"

Eigentlich könnte Rune Dahmke recht entspannt in seine berufliche Zukunft blicken. Mit 27 Jahren ist der Linksaußen im besten Handball-Alter und hat beim deutschen Rekordmeister THW Kiel noch einen bis 2022 datierten Vertrag. Sollte es danach bei den "Zebras" für den Nationalspieler aus sportlichen oder anderen Gründen nicht weitergehen - kein Problem. Sollte man zumindest meinen. Doch selbst für einen Mann mit seiner Vita (Europameister 2016, zweimal Meister und Pokalsieger, EHF-Pokalsieger) könnte es in der Zukunft wegen der Folgen der Coronavirus-Pandemie schwer werden, mit dem Handball seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Denn vielen Clubs droht bei einer über Monate anhaltenden Zwangspause der finanzielle K.o. Und schon im Sommer werden wohl etliche Profis, deren Verträge auslaufen, auf der Straße stehen, da die Zukunft der Vereine ungewiss ist.

VIDEO: Dahmke: Spieler brauchen einen Plan B (5 Min)

Viele Spieler im Sommer wohl arbeitslos

Dieses Los droht Dahmke, der im Dezember des vergangenen Jahres einen neuen Kontrakt unterzeichnete, zwar nicht. "Aber ich kenne andere Schicksale, auch aus unseren Reihen", sagt der Publikumsliebling im Interview mit dem NDR Sportclub und malt ein düsteres Zukunftsbild für viele Berufshandaller: "Für die, die sich einen neuen Verein suchen müssen, ist es jetzt unmöglich, irgendeine Sicherheit zu haben, dass sie auch nur einen Cent ab dem 1.7. verdienen. Das ist extrem angsteinflößend für Leute, die mit Sicherheit damit gerechnet haben, noch viele Jahre zu spielen."

"Hoffen, dass der Verein überlebt"

Bereits jetzt bekommen Dahmke und seine Teamkameraden die Folgen der Coronavirus-Krise zu spüren. Sie sind in Kurzarbeit und haben "zum Teil erheblichen Gehaltsverzichten" zugestimmt, so die THW-Geschäftsführer Sabine Holdorf-Schust und Viktor Szilagyi. Solidarität mit dem Arbeitgeber - im Handball wird sie offenbar gelebt. Auch bei etlichen anderen Bundesligisten wie der SG Flensburg-Handewitt oder den Rhein-Neckar Löwen stimmten die Spieler der Kürzung ihrer Einkommen zu. "Ganz oben steht für uns, dass wir alles dafür tun und inständig darauf hoffen, dass der Verein es überlebt", sagt Dahmke: "Wir wollen nicht in einem Jahr in einer Liga spielen, in der es nur noch vier, fünf oder sechs Vereine gibt, weil es die anderen wirtschaftlich nicht geschafft haben."

Profi-Handball vor großer Zäsur

Doch das Schreckensszenario Club-Insolvenzen allein durch Kurzarbeit und Gehaltsverzicht abzuwenden, ist auf Dauer unmöglich. Die Handball-Vereine sind auf Einnahmen durch den Ticketverkauf existenziell angewiesen. Aber als Indoor-Sportart dürfte es sobald keine Spiele vor Zuschauern geben. "Ich glaube, das Schlimmste gerade ist die Ungewissheit. Du weißt nicht, wie lange es noch dauert", erklärt Dahmke. Der europäische Profi-Handball wird - so viel dürfte jetzt bereits feststehen - nach dem Ende der Corona-Krise ein anderes Gesicht haben.

Mit gravierenden Folgen für die Spieler, wie Kiels Linksaußen glaubt. "Man merkt auf einmal, wie wichtig ein Plan B ist. Dass es nicht nur darum geht, dass mit einer schweren Verletzung alles vorbei sein kann. Jetzt steht diese Pandemie im Raum, mit der die wenigsten gerechnet haben. Du hast nicht mehr die Chance, ins Ausland oder zu einem vermeintlich schlechteren Verein zu gehen, bei dem du zum Ende deiner Karriere noch mal ein paar Euro verdienen kannst. Es gibt keinen Verein, bei dem du jetzt spielen kannst", sagt der 27-Jährige, denn: "Wie soll der Club etwas zusagen, wenn er nicht weiß, wie er Einnahmen generieren kann?"

Dahmke gut auf die Karriere nach der Karriere vorbereitet

Vielen Profis könnte nun zumindest vorübergehend die Erwerbslosigkeit drohen. Oder gar das vorzeitige Ende ihrer Karriere, sollte es zu Vereinsinsolvenzen kommen. Und dann? "Man muss sich Gedanken machen. Wie kann ich Einkommen generieren, wenn es nicht im Handball ist? Jeder hat gerade einen kleinen Reality-Check bekommen, dass es extrem wichtig ist, jetzt schon daran zu denken und nicht erst, wenn die Karriere vorbei ist", erklärt Dahmke. Der gebürtige Kieler ist ein Musterbeispiel dafür, wie man seine Laufbahn nach der Laufbahn nahezu perfekt vorbereitet. Bevor er Profi beim THW wurde, schloss er eine Ausbildung als Immobilien-Kaufmann ab.

Nebenbei habe er sich im Investment-Bereich "breiter aufgestellt", verrät der Linksaußen: "Bisher läuft das alles sehr gut." Allerdings: "Es ist natürlich auch ein bisschen darauf ausgelegt, dass ich noch ein paar Jahre ein geregeltes Einkommen habe." Und genau diese langfristige Perspektive ist derzeit nicht gegeben. Für keinen Handball-Profi. Auch nicht für Dahmke.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 26.04.2020 | 22:30 Uhr

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